Wir gehören in diese Zukunft
Ein literarischer Brief aus dem Jahr 2040
An euch im Jahr 2026,
wenn euch jemand am Freitag die letzten beiden Stunden Arbeit abnimmt, freut ihr euch aufs Wochenende. Wenn er euch sagt, dass ihr ab Montag gar nicht mehr kommen müsst, habt ihr auf dem Papier noch viel mehr Zeit gewonnen. Nur fühlt sich dieser Freitagnachmittag dann ganz anders an.
Ich schreibe euch aus dem Jahr 2040. Mir als Unternehmer leuchtete damals sofort ein, warum man eine Arbeit in zwei Stunden erledigen sollte, für die man bisher acht gebraucht hatte. Nur eine Frage beantwortete diese Rechnung nicht: Wem gehören eigentlich die übrigen sechs?
Die Sorge, dass wenige Menschen über die künstliche Intelligenz bestimmen würden und die anderen sehen müssten, wo sie bleiben, war berechtigt. Wer von euch gerade eine Ausbildung abgeschlossen hat und auf seine Bewerbungen lauter freundliche Absagen bekommt, braucht von mir keinen Vortrag darüber, wie aufregend seine Zeit ist. Er möchte ausziehen, sein eigenes Geld verdienen und am Montag irgendwo erwartet werden. Das habe ich vierzehn Jahre später nicht vergessen.
Ich kenne auch den Gedanken, der einem dann kommen kann: Da haben wir etwas geschaffen, das immer mehr von dem kann, was wir können. Wo ist in dieser Zukunft denn noch Platz für uns? Wenn man lange genug darauf schaut, was man verlieren könnte, sieht man irgendwann kaum noch etwas anderes. Deshalb möchte ich euch an etwas erinnern, worüber wir uns damals viel zu selten gefreut haben.
Diese Intelligenz ist nicht aus einer anderen Galaxie gekommen. Wir haben sie selbst entwickelt. Über Generationen haben Menschen beobachtet, ausprobiert, gerechnet und weitererzählt, was sie herausgefunden hatten, damit der Nächste nicht wieder von vorn anfangen musste. Wie viele Menschen ich mit diesem kleinen Wort »wir« meine, hätte mir schon damals beim Frühstück auffallen können.
Wenn ein Schauspieler einen Oscar gewann oder ein Wissenschaftler einen Nobelpreis bekam, konnte ich am nächsten Morgen seinen Namen in der Zeitung lesen. Wie der Bauer hieß, der den Weizen für mein Brot angebaut hatte, stand nicht darin. Und meine Mutter hat auch keinen Preis dafür bekommen, dass sie mich zur Welt gebracht und großgezogen hat. Dabei verdankte ich dem einen, dass Brot auf meinem Tisch lag, und der anderen, dass ich überhaupt am Tisch saß.
Auf all dem beruht, was ihr 2026 künstliche Intelligenz nennt. Ich habe sie damals auch so genannt. Heute, im Jahr 2040, sehe ich das anders: Für mich ist sie die Fortsetzung unserer eigenen Intelligenz mit technischen Mitteln. Was Menschen über Generationen gelernt haben, arbeitet in diesen Systemen weiter und hilft uns, Dinge herauszufinden, die noch keiner von uns wusste.
Zusammen mit Maschinen, die selbstständig arbeiten, übernimmt diese erweiterte menschliche Intelligenz heute einen großen Teil der Arbeit, die wir früher selbst erledigen mussten. Und wisst ihr noch, was wir uns fragten, als uns zum ersten Mal aufging, wie viel wir plötzlich konnten? Ob wir überhaupt noch gebraucht würden.
Wir gehören in diese Zukunft.
Wir wollten doch nicht immer klüger werden, damit am Ende ein paar wenige bestimmen, wie der Rest zu leben hat. Wer eine Maschine entwickelt und sein Geld dafür einsetzt, soll daran verdienen. Das leuchtete mir damals ein und leuchtet mir heute noch ein. Aber die Menschen, auf deren Wissen diese Maschine beruht, waren lange vor dem Unternehmen da. Warum sollte ausgerechnet derjenige, dessen Arbeit sie jetzt übernimmt, am Ende mit leeren Händen dastehen?
Darüber haben wir gestritten, auch auf der Straße. Es gab gute Gründe, wütend zu sein. Nur standen wir am Morgen nach einer Demonstration immer noch vor der Frage, wie wir leben wollten. Dafür brauchten wir Ideen, für die wir eintreten konnten, und Entscheidungen darüber, wer über Geld und Technik bestimmt. Wer an den alten Regeln gut verdiente, hatte es mit den neuen weniger eilig. Geduld fiel uns leichter, als wir wussten, wofür.
Eine Ordnung, an der man Jahrzehnte gebaut hat, stellt man nicht an einem Wochenende um. Manches ging schief, und wir mussten es besser machen. Heute bringen wir mit unserem Wissen und unseren Maschinen genug hervor, damit alle gut leben können. Dass dieser Wohlstand auch bei allen ankommt, haben allerdings nicht die Maschinen entschieden. Das haben wir getan.
Heute muss bei uns niemand mehr eine Stelle haben, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Wohnen, Essen und medizinische Versorgung sind für alle gesichert. Dazu kommt ein eigener Anteil am gemeinsamen Wohlstand. Wofür einer ihn verwendet und was er mit seiner Zeit anfängt, entscheidet er selbst.
Mir fällt das manchmal auf, wenn ich jemanden frage: »Was machst du eigentlich?« Früher wollte ich damit fast immer wissen, womit er sein Geld verdient. Dabei hatte ich doch gefragt, was er macht. Das ist eine viel schönere Frage, seit ich mir die Antwort nicht mehr vorher zurechtlege.
Wir hatten so lange davon gesprochen, uns das Leben zu verdienen, dass wir kaum noch hörten, was wir da sagten. Verdienen mussten wir unseren Lebensunterhalt. Unser Leben hatten wir schon. Kaum waren wir groß genug, da begann die Prüfung: Was kannst du? Was leistest du? Wofür wirst du gebraucht? Ein Mensch konnte sein ganzes Leben damit verbringen, auf diese Fragen zu antworten, und darüber versäumen, sich selbst eine andere zu stellen: Wer bin ich eigentlich, wenn ich mich nicht ständig beweisen muss?
Wir gehören in diese Zukunft.
Mit unserer Neugier und unserer Fantasie, auch mit den verrückten Einfällen, deren Zweck noch niemand kennt. Heute können wir etwas lernen, ohne schon den späteren Verdienst auszurechnen. Wir können etwas versuchen, ohne unser ganzes Leben darauf setzen zu müssen. Wer seinen Beruf liebt, kann ihn weiter ausüben. Dass er nicht mehr davon leben muss, nimmt ihm doch nicht die Freude daran. Und wer noch gar nicht weiß, was ihm Freude macht, hat jetzt Zeit, es herauszufinden.
Wir hatten Menschen so lange damit beschäftigt, ihren Alltag zu bezahlen, dass wir kaum eine Vorstellung davon hatten, was sie mit einem Tag anfangen würden, über den sie selbst verfügen. Ich hätte aus den sechs freien Stunden früher vermutlich erst einmal einen Plan gemacht. Inzwischen gefällt mir, dass ein anderer mit derselben Zeit etwas anfangen kann, auf das ich im Leben nicht gekommen wäre. Manche Ideen kommen einem überhaupt erst, wenn man mit jemandem ins Gespräch gerät. Wie oft haben wir früher gerade dann auf die Uhr geschaut und gesagt: Darüber müssen wir ein andermal in Ruhe reden.
Auch die Freude muss sich nicht mehr nützlich machen. Man darf eine ganze Woche an etwas tüfteln, weil man unbedingt wissen möchte, ob es geht. Man darf dieselbe Woche mit einem Menschen verbringen, den man gern um sich hat. Und hinterher muss keiner von beiden erklären, wer seine Zeit besser genutzt hat.
Was wir neu herausfinden, hilft uns bei der nächsten Frage. Heute können Menschen gemeinsam an Dingen arbeiten, an die sich früher keiner herangetraut hätte. Auch heute, im Jahr 2040, staune ich immer noch darüber, wie viel weiter das geht, als wir damals dachten. Und vor uns liegt ein Universum, das wir gerade erst kennenlernen.
Ich wünsche euch, dass ihr euch die Freude daran nicht ausreden lasst, wie weit wir mit unserem Wissen kommen können. Manchmal stelle ich mir vor, wie Menschen eines Tages von einer anderen Welt auf die Erde zurückschauen. Ob sie dann noch begreifen, warum es für das Leben eines Kindes einen Unterschied machte, welche Hautfarbe es hatte und auf welcher Seite einer Grenze es zur Welt kam? Was für ein armseliges Erbe wäre es, unsere alten Feindschaften bis dorthin mitzunehmen.
Fragt die Menschen, die bei euch im Jahr 2026 Entscheidungen treffen, ruhig einmal: Wenn unsere Maschinen immer mehr können, was wird dadurch in unserem Leben besser? Und wenn sie euch vorrechnen, wie viele Stunden wir künftig sparen, fragt noch einmal nach, wem diese Stunden gehören. Die zweite Frage hat bei uns am Ende mehr verändert als die erste.
Eine Frage habe ich selbst noch, und da hilft es mir gar nichts, dass ich euch vierzehn Jahre voraus bin. Stellt euch vor, es ist Sonntagabend. Für eure Wohnung, euer Essen und alles, was ihr zum Leben braucht, ist gesorgt. Morgen müsst ihr niemandem beweisen, wozu ihr gut seid. Worauf freut ihr euch, wenn ihr an diesen Montag denkt?
Mich würde interessieren, wer euch dabei in den Sinn kommt. Was ihr gern einmal zusammen versuchen würdet. Oder ob ihr einfach wieder einmal so lange beim Frühstück sitzen bleiben möchtet, bis aus einem Gespräch etwas wird, wofür sonst nie Zeit war. Es ist ein bisschen schade, dass dieser Brief nur in eine Richtung reist. Eure Antworten hätte ich gern gelesen.
Wir gehören in diese Zukunft.
Und sie gehört uns allen.
Peter
2040
Eine literarische Zukunftsvorstellung von Peter Dasch. Im Roman Morgental begegnet Julia den Menschen, für die diese Zukunft Alltag geworden ist.

