Kapitel 1
Lorian war zu früh.
Das kam selten vor. Er hatte den Weg vom Ausgang der U-Bahn bis zu Brenners Büro großzügig berechnet und stand nun vor einer roten Ampel, an der weit und breit kein Auto kam. Auf der anderen Straßenseite trank eine Frau Kaffee und las etwas auf ihrem Laptop. Sie sah aus, als hätte sie schon vor neun Uhr entschieden, wer sie war.
Er zog sein Handy aus der Tasche. 11:07. Die Nachricht seines Vaters stand noch immer auf dem Display.
11:30. Bitte pünktlich. Herr Brenner nimmt sich extra Zeit. Das ist eine echte Chance.
Eine halbe Stunde später war ein zweiter Satz gekommen.
Heute geht es nicht um Kunst, Lorian. Heute geht es um Zukunft.
Beim ersten Lesen hatte er darauf antworten wollen. Beim zweiten hatte er sich eine Antwort zurechtgelegt, die seinem Vater gefallen und trotzdem das Gegenteil bedeutet hätte. Jetzt, beim dritten Mal, steckte er das Handy weg. Dreiundzwanzig Minuten waren zu wenig für diesen Streit und zu viel, um einfach weiterzugehen.
Die Ampel sprang auf Grün. Er überquerte die Straße.
München glänzte vom Regen. An den Fassaden im Lehel waren die Farben dunkler geworden, nur die hellen Fensterrahmen traten deutlicher hervor. Lorian versuchte sich das Gelb eines Hauses trocken vorzustellen. Es würde blasser sein, gewöhnlicher. Er hätte es so malen wollen, wie es jetzt aussah, mit dem grauen Himmel in den Scheiben und dem schmutzigen Wasser am Sockel.
Dann fiel ihm sein Ärmel auf.
Knapp über dem linken Handgelenk saß ein winziger Farbfleck auf dem Jackett. Preußischblau, wahrscheinlich. Im Treppenhaus hatte er noch überlegt, umzukehren und etwas anderes anzuziehen. Jetzt drehte er den Arm ein wenig, bis der Fleck im Schatten lag.
Das Hemd darunter war ebenfalls blau, ein helles, anständiges Blau. Sein Vater hatte einmal gesagt, darin sehe er zuverlässig aus. Lorian hatte es sich gemerkt. Er hätte lieber behauptet, solche Bemerkungen gingen an ihm vorbei, aber am Morgen hatte er vor dem Schrank gestanden und genau dieses Hemd herausgezogen.
Er ließ den Arm wieder sinken.
Mit dem Termin hatte sein Vater sich Mühe gegeben. Brenner arbeitete in einem Beratungsunternehmen, das sich mit Entscheidungen beschäftigte: wie Menschen sie trafen, wie Gruppen sich dabei im Weg standen, wie man beides verbessern konnte. Für jemanden, der gerade sein Studium der Kognitionswissenschaft abgeschlossen hatte, war das durchaus interessant. Den Kontakt hatte ein alter Studienfreund seines Vaters hergestellt. Drei Monate Projektarbeit standen im Raum, danach würde man weitersehen.
Und natürlich gab es Aero-Lions. Wenn Lorian sich vorstellte, dort anzufangen, konnte er beinahe schon den Schlüssel auf dem Schreibtisch liegen sehen. Sein Vater würde ihm das Büro zeigen und sich bemühen, seine Freude nicht zu deutlich zu machen. Lorian wusste nicht einmal, ob ihm die Vorstellung missfiel. Er hätte nur gern gewusst, welcher Teil davon ihm gefiel, wenn er seinen Vater für einen Moment herausließ.
„Schau dir erst einmal etwas anderes an“, hatte der gesagt. „Wenn du zu uns kommst, sollst du wissen, warum.“
Das war vernünftig. Lorian wäre mit einem Verbot leichter zurechtgekommen.
Ein Fahrradfahrer klingelte dicht hinter ihm. Er trat zur Seite, hob entschuldigend die Hand und stand vor einem Schaufenster, das ihm sonst wohl entgangen wäre.
Der Laden war schmal, zwischen zwei größeren Häusern eingeklemmt. Im dunklen Holzrahmen hatte sich Regen gesammelt; die Messingklinke war dort blank, wo Hände sie berührten. Über der Tür hing ein verblasstes Schild. Lorian konnte den Anfang eines Wortes erkennen und versuchte kurz, den Rest zu ergänzen.
Hinter der Scheibe standen Uhren, kleine Dosen, ein gerahmter Stadtplan und ein Kompass ohne Deckel. Eine Porzellanfigur hielt den abgebrochenen Arm so, als hätte sie noch immer etwas vorzuweisen. Daneben lagen drei Füllfederhalter.
Die Feder bemerkte er zuletzt.
Sie lag auf dunklem Samt. Lang und schmal, heller als die Dinge ringsum, aber ihre Farbe ließ sich nicht recht bestimmen. Lorian ging näher an die Scheibe. Das Grau des Himmels hätte sich auf ihr zeigen müssen. Er sah es auf dem Glas einer Uhr, auf dem Messingrand des Kompasses, sogar als blassen Streifen im Gesicht der Porzellanfigur. Die Feder behielt ihr eigenes Licht.
Er neigte den Kopf. Für einen Augenblick lag ein warmer Schimmer auf dem Kiel, dann war er verschwunden.
11:10.
Brenners Büro war zwei Straßen weiter. Selbst wenn er fünf Minuten hineinging, blieb genügend Zeit. Er prüfte die Rechnung noch einmal, obwohl sie nicht besonders anspruchsvoll war.
Das Handy vibrierte.
Bist du schon da?
Er sah auf die Nachricht und dann auf die Klinke. Sein Vater saß vermutlich im Büro, mit einer Tasse neben den Unterlagen, und dachte gerade an ihn. Lorian wusste das zu schätzen. Er hätte es gern erst am Abend zu schätzen gewusst.
Er ließ die Nachricht unbeantwortet und öffnete die Tür.
Die Glocke darüber klang rau. Im Laden roch es nach Papier, Wachs und altem Holz. Weiter hinten brannte eine Lampe mit grünem Schirm. Ihr Licht reichte bis zu einem Stapel Briefe, der mit einer ausgefransten Schnur zusammengebunden war; darunter verlor sich der Tisch zwischen Kisten. Lorian blieb im Eingang stehen, bis seine Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten.
„Du hast es eilig“, sagte jemand.
Hinter dem Tresen saß ein alter Mann in einer dunklen Weste. Er hatte ein schmales Buch vor sich und hielt einen Finger zwischen den Seiten. Um seinen Mund lag noch der Rest eines Lächelns. Lorian sah unwillkürlich hinter sich, aber außer ihm war niemand hereingekommen.
„Nicht sehr.“
Der Mann sah an ihm vorbei zur Wanduhr. Sie zeigte Viertel nach drei.
„Dann hat deine Uhr Glück.“
Lorian lächelte. „Ich habe einen Termin. Um halb zwölf.“
„Aha.“ Der Mann schlug das Buch zu.
Einen Moment wartete Lorian auf eine Frage. Als keine kam, deutete er zum Fenster.
„Dürfte ich mir die Feder ansehen?“
Der Alte erhob sich, zog seine Weste über dem Bauch zurecht und ging zum Schaufenster. Er hob den Samt mit beiden Händen an. Eine kleine Dose stand im Weg; er schob sie mit dem Ellbogen beiseite und trug die Feder zum Tresen.
Aus der Nähe sah Lorian, wie fein ihre Fahnen geschlossen waren. Er beugte sich vor. Im durchscheinenden Kiel verlief ein dunkler Strich. Als er den Kopf bewegte, schien der Strich mitzugehen. Er versuchte es noch einmal, langsamer.
„Von welchem Vogel ist sie?“
„Das fragen die meisten.“
Lorian sah auf. „Und was sagen Sie denen?“
Der Mann strich eine Falte aus dem Samt.
„Nichts, womit sie zufrieden sind.“
Das konnte heißen, dass er es selbst nicht wusste. Es konnte auch die Art sein, in der man in diesem Laden etwas verkaufte. Lorian fand beides möglich und ärgerte sich ein wenig darüber, dass es ihn nicht vom Fragen abhielt.
„Darf ich?“
Der Alte nickte.
Lorian schob die Finger unter die Feder und hob sie an. Sie lag schwerer in seiner Hand, als er erwartet hatte. Er öffnete die Finger weiter. Das Gewicht verteilte sich kaum; er spürte es an einer Stelle in der Handfläche, warm und deutlich.
Er kannte das Gefühl, einen vertrauten Pinsel aus einer Schachtel zu nehmen. Die Finger fanden ihren Platz, bevor er hingesehen hatte. Mit dieser Feder war es ähnlich, und er wusste sehr genau, dass er sie noch nie gehalten hatte.
Als er aufsah, blickte der Alte ihm ins Gesicht. Sein Daumen ruhte auf der Falte im Samt, die er eben noch glatt gestrichen hatte.
„Was ist?“, fragte Lorian.
Der Mann schüttelte leicht den Kopf. Er nahm die Hand vom Tuch und lehnte sich zurück.
„Sie schreibt nicht“, sagte der Mann.
„Bitte?“
„Manche Dinge schreiben nicht. Sie unterbrechen nur den Lauf.“
Draußen fuhr ein Bus vorbei. In einer der kleinen Dosen klirrte etwas. Lorian hörte das Geräusch, ohne die Hand zu bewegen.
Den Lauf. Er dachte an die Mappe, die Brenner wahrscheinlich schon vor sich liegen hatte. Lebenslauf, zwei Seiten, Abschluss, Praktika. Beim Zusammenstellen hatte Lorian versucht, zwischen den Stationen möglichst wenig freien Platz zu lassen. Die Monate, in denen er viel gemalt und sonst wenig zustande gebracht hatte, waren darin kaum vorgekommen. Auf einem Bild hätte ihn eine solche Lücke interessiert. In der Bewerbung hatte er sie kleiner gemacht.
Der Mann wartete. Lorian merkte, dass er mit dem Daumen über den Kiel strich.
„Was kostet sie?“
„Heute?“
„Ja. Heute.“
„Heute nichts.“
Lorian sah ihn an. „Sie wollen sie mir schenken?“
„Du nimmst sie heute nicht mit.“
Er legte die Feder zurück. Es ging ihm durch den Kopf, dass er wenig Übung darin hatte, etwas unbedingt haben zu wollen. Meistens war er schon damit beschäftigt herauszufinden, ob er es überhaupt wollte. Jetzt lag das Ding wieder auf dem Samt, und er hielt die Hand noch darüber.
„Warum nicht?“
„Weil du noch glaubst, du kämest zu spät, wenn du bleibst.“
Diesmal zog Lorian das Handy heraus. 11:20. Er hätte schwören können, höchstens drei oder vier Minuten im Laden gewesen zu sein.
„Ich komme tatsächlich zu spät, wenn ich bleibe.“
Der Alte nahm sein Buch vom Tresen.
„Ich muss wirklich los“, sagte Lorian.
„Ja.“
Er wartete noch einen Augenblick. Der Mann strich mit dem Daumen über den Buchrücken, als prüfte er eine beschädigte Stelle.
„Und wenn ich wiederkomme?“
„Dann werden wir sehen, ob du wiederkommst.“
Lorian hätte darauf bestehen können, eine gewöhnliche Antwort zu bekommen. Er hätte fragen können, wann der Laden schloss. Stattdessen schob er das Handy in die Tasche und ging zur Tür.
„Lorian?“
Er blieb stehen. Der alte Mann saß wieder hinter dem Tresen.
„Du hast wirklich keine Zeit“, sagte er.
„Woher kennen Sie meinen Namen?“
Der Mann sah ihn an.
„Geh jetzt“, sagte er. „Sonst kommst du noch pünktlich.“
Die Glocke schlug an, als Lorian die Tür öffnete. Draußen war der Regen feiner geworden. Eine Frau zog einen Rollkoffer über das Pflaster, unter dem Vordach nebenan schüttelte sich ein Hund. Lorian trat einen Schritt zur Seite, um die Frau vorbeizulassen, und sah durch die Scheibe zurück.
Die Feder lag wieder im Fenster.
Er hatte den Alten nicht aufstehen sehen. Vielleicht hatte er sich schon zur Tür gewandt, als der Mann sie zurückbrachte. Vielleicht hatte er seinen Namen gesagt, gleich beim Eintreten, aus irgendeiner automatischen Höflichkeit. Er ging das Gespräch durch. „Nicht sehr.“ Das war sein erster Satz gewesen.
Das Handy begann zu klingeln. Auf dem Display stand Papa.
Lorian nahm ab und ging weiter.
„Bist du in der Nähe?“
„Zwei Straßen.“
„Gut. Brenner hat nachher die nächste Besprechung. Du solltest am Empfang gleich sagen, dass du zu ihm willst.“
„Was soll ich denn sonst sagen?“
Am anderen Ende blieb es kurz still.
„Ich wollte nur …“ Sein Vater räusperte sich. „Na gut.“
Lorian sah die Glasfront am Ende der Straße. „Ich bin gleich da.“
„Hast du seine Nummer?“
„Papa.“
„Falls etwas ist.“
„Ich habe seine Nummer. Ich habe die Adresse. Ich habe sogar ein Hemd an.“
Sein Vater lachte kurz. Lorian war erleichtert, bis der nächste Satz kam.
„Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.“
Er wusste nicht, ob das ein Scherz auf seine Kosten war. Bei seinem Vater wusste er es oft erst, nachdem er schon etwas darauf erwidert hatte.
„Ich bin nicht mehr achtzehn.“
„Das weiß ich.“
Dann lass mich doch erst einmal dort ankommen. Lorian hatte den Satz schon auf der Zunge. Er wollte ihn so sagen, dass sein Vater endlich begriff, wie lästig diese Anrufe waren. Dabei hätte er eine Stunde zuvor selbst beinahe angerufen, um zu fragen, ob man bei Brenner eine Krawatte brauchte.
Seine rechte Hand war noch immer halb geschlossen. Er lockerte die Finger.
„Ich bin ziemlich aufgeregt, Papa.“
Am anderen Ende blieb es still. Dann hörte er ein leises Klacken, eine Tasse auf Holz.
„Wegen Brenner?“
„Unter anderem.“
„Du klingst immer so, als wäre dir das alles egal.“
Lorian sah auf das Gebäude am Ende der Straße. „Ist es aber nicht.“
„Ach so“, sagte sein Vater.
Lorian wartete. Er hatte mit einem Rat gerechnet, wenigstens mit der Aufforderung, tief durchzuatmen.
„Du musst nichts zusagen“, sagte sein Vater schließlich. „Darum geht es heute nicht.“
„Ich weiß.“
„Und du meldest dich danach?“
„Ja.“
„Also. Bis später.“
„Bis später.“
Lorian ging weiter. Im Kopf führte er noch einen halben Satz des Streits fort, den sie gar nicht geführt hatten. Dann hörte er damit auf. Sein Vater hatte ihn eben überrascht. Er selbst hatte allerdings auch etwas anderes gesagt als sonst.
Vor dem Gebäude hielt Lorian an. In der Eingangshalle stand eine Frau hinter einem weißen Tresen. Sie sprach mit einem Mann, der einen Fahrradhelm unter dem Arm trug. Als der Mann lachte, musste auch sie lachen und legte eine Hand vor den Mund. Lorian sah durch das Glas zu ihnen hinein und steckte das Handy weg.
Er strich mit dem Daumen über die leere Handfläche und trat vor die automatische Tür.
Kapitel 2
Herr Brenner ließ Lorian nicht warten.
Der Besprechungsraum lag im dritten Stock. Hinter der Glaswand gingen Menschen mit Laptops und Kaffeetassen vorbei. Lorian konnte ihre Gesichter sehen, hörte aber kaum etwas von dem, was sie sagten. Er stellte sich vor, hier jeden Tag zu sitzen und gelegentlich zu vergessen, dass man ihn von draußen genauso gut sehen konnte.
Brenner erhob sich halb von seinem Stuhl und reichte ihm die Hand. Er war schmal, Mitte fünfzig, mit grauem Haar und einer Brille, die vor ihm auf einer dünnen Mappe lag.
„Herr Beaumont. Setzen Sie sich.“
Lorian nahm Platz. Auf der Mappe stand sein Name.
„Ihr Vater sagte, Sie seien pünktlich.“
Er sah auf die Uhr. 11:31.
„Das sagt er meistens im Voraus.“
Brenner blickte kurz auf, dann zog er die Mappe unter der Brille hervor.
„Wir haben eine halbe Stunde. Wasser?“
„Gern.“
Während Brenner einschenkte, legte Lorian die Hände auf den Tisch. Unter den Fingern fühlte sich die Platte kühl und glatt an. Er drehte die rechte Hand um, als wollte er einen Fleck prüfen, und legte sie wieder hin.
„Kognitionswissenschaft“, sagte Brenner. „Wie sind Sie darauf gekommen?“
Lorian kannte die Frage. Bei Familienfeiern antwortete er anders als damals beim Studienberater. Einem Mann, der daraufhin von seinem Gedächtnistraining erzählt hatte, hatte
er fast eine Viertelstunde zugehört, bevor er begriff, dass keine Rückfrage mehr kommen würde.
„Mich interessiert, wie Menschen Entscheidungen treffen.“
Brenner setzte die Brille auf. „Das steht hier. Was genau interessiert Sie daran?“
Lorian hörte hinter sich Schritte und wartete, bis sie vorbei waren. Es half ihm erstaunlich wenig, dass Brenner ihn einfach nur ansah.
„Wann jemand glaubt, er hätte sich entschieden“, sagte er. „Obwohl er eigentlich nur etwas weitermacht, das schon angefangen hat.“
„Zum Beispiel?“
Er dachte an seinen Vater und sagte: „Bei einer Berufswahl. Man kennt etwas, man kann es vielleicht auch gut, alle finden es naheliegend. Irgendwann müsste man eine Erklärung dafür liefern, es nicht zu tun.“
Brenner nahm die Brille wieder ab.
„Dann kann es trotzdem die richtige Wahl sein.“
„Ja.“
Lorian sah auf die Mappe. Auf einmal wollte er wissen, was sein Vater am Telefon über ihn erzählt hatte.
„Ich würde nur gern merken, ob ich selbst noch vorkomme“, sagte er.
Brenner zog sein Notizbuch heran. „Und woran würden Sie das erkennen?“
Darauf hatte Lorian keine brauchbare Antwort. Er hätte über Aufmerksamkeit sprechen können, über bewusste und unbewusste Anteile einer Entscheidung. Er kannte die Begriffe, und Brenner vermutlich auch.
„Daran arbeite ich noch.“
„Gut. Erzählen Sie mir von Ihrer Abschlussarbeit.“
Lorian richtete sich ein wenig auf. Hier wusste er, wo er anfangen konnte. Brenner stellte kurze Fragen, bat um ein Beispiel, kam auf eine Antwort zurück, die Lorian schon für erledigt gehalten hatte. Einmal widersprach er ihm, hörte sich die Erklärung an und machte sich eine Notiz.
Nach einer Weile vergaß Lorian, auf seine Hände zu achten.
Er konnte das. Es machte ihm sogar Freude, einen Gedanken so weit zu verfolgen, bis Brenner den Kopf hob und nachfragte. Als draußen jemand an die Glaswand klopfte und auf seine Uhr deutete, war Lorian mitten in einem Satz. Brenner hob zwei Finger. Zwei Minuten.
Lorian trank von seinem Wasser.
Er hatte sich auf dem Weg hierher eine Welt vorgestellt, in der er sich verkleidet vorkommen würde. Jetzt saß er darin, und seit zehn Minuten hatte ihn nicht einmal mehr der Hemdkragen gestört. Er hätte das gern uneingeschränkt erfreulich gefunden.
„Ich kann mir vorstellen, dass Sie im Herbst bei uns anfangen“, sagte Brenner. „Zunächst drei Monate. Projektarbeit, Interviews, Analysen, Präsentationen. Vieles davon werden Sie kennen. Was Sie vermutlich weniger kennen, sind die Fristen.“
„Damit komme ich zurecht.“
Brenner sah auf seine Uhr.
„Meistens“, ergänzte Lorian.
„Das sagen Sie dann bitte dem Kunden selbst.“ Er schloss die Mappe. „Sie bekommen die Einzelheiten per Mail. Lesen Sie sie in Ruhe. Überlegen Sie sich, ob Ihnen auch die gewöhnlichen Arbeitstage daran gefallen könnten.“
„Was wäre ein gewöhnlicher Arbeitstag?“
„Unter anderem drei Stunden an einer Auswertung sitzen, die am Ende nichts hergibt.“
Lorian musste lächeln. „Das kenne ich vom Malen.“
„Davon verstehe ich nichts.“ Brenner stand auf und streckte ihm die Hand hin. „Von Auswertungen leider schon.“
Draußen hatte der Regen aufgehört. Unter dem Vordach zog Lorian sein Handy heraus. Er hätte seinem Vater schreiben können, dass es gut gelaufen war. Es war gut gelaufen. Er las den angefangenen Satz und stellte sich vor, wie sein Vater ihn zwischen zwei Terminen öffnen, erleichtert ausatmen und womöglich schon Brenner anrufen würde.
Er löschte die Wörter.
Für ein paar Minuten wollte er der Einzige sein, der von dem Angebot wusste.
Er ging los. Zum Laden musste er zwei Straßen zurück. Zur U-Bahn konnte man auf mehreren Wegen gelangen, und Lorian wählte den, bei dem er sich einreden konnte, der Laden liege ohnehin auf der Strecke.
Schon von Weitem suchte er die helle Stelle im Schaufenster.
Der Samt lag leer zwischen den Uhren und dem Kompass. Lorian beugte sich näher an die Scheibe. Die Porzellanfigur stand unverändert da, die drei Füllfederhalter ebenfalls. Hinter ihnen spiegelte sich sein Gesicht.
Er drückte die Klinke. Sie gab ein kleines Stück nach und hielt. Auf einem Zettel an der Innenseite der Tür stand: Heute geschlossen.
Lorian legte eine Hand neben sein Gesicht, um die Spiegelung abzuhalten. Die grüne Lampe war aus. Hinten im Laden konnte er den Tresen erkennen, weiter nichts.
Er klopfte gegen die Scheibe.
Niemand kam.
Eine Weile blieb er stehen. Er hatte angenommen, dass der Mann ihn wiedererkennen würde, dass sie ihr Gespräch fortsetzen könnten. Nun stand er draußen und merkte erst, wie sicher er sich dessen gewesen war.
Auf der Treppe zur U-Bahn vibrierte sein Handy.
Und?
Lorian trat an die Wand, um die anderen vorbeizulassen. Er schrieb: Brenner war interessant. Ich muss nachdenken.
Diesmal schickte er die Nachricht ab.
Die Antwort kam, bevor er unten war.
Gut. Mehr wollte ich nicht.
Er las sie noch einmal. Dann steckte er das Handy ein und ging zum Bahnsteig.
Am nächsten Morgen wurde Lorian wach, bevor er wusste, warum. Er lag still. Unten klapperte Geschirr; durch das gekippte Fenster drang das Anfahren eines Busses. Im Haus seiner Eltern hörte er diese Geräusche seit seiner Kindheit. Trotzdem brauchte er einen Moment, bis das Zimmer wieder ganz vertraut war.
Er hatte etwas geträumt. Als er danach suchte, blieb nur das Gefühl zurück, eben noch mit jemandem gesprochen zu haben.
Auf dem Boden lagen schmale Lichtstreifen von den Jalousien. Er setzte sich an den Schreibtisch, zog das Erfahrungsbuch aus den Papieren und schlug eine neue Seite auf. Oben schrieb er:
Ich bin erleuchtet!
Er betrachtete den Satz, sah auf die Uhr und ergänzte darunter:
Stand 09:12 Uhr.
So konnte man ihm später wenigstens keine ungenaue Auskunft vorwerfen.
Er blätterte zurück. Formeln, Fragen, Pfeile, Wörter, die er doppelt unterstrichen hatte. Ein Pfeil führte von einer Notiz quer über die Seite zu einer anderen und endete an einem Fragezeichen. Er wusste nicht mehr, was er sich davon versprochen hatte. Damals musste ihm die Verbindung
wichtig vorgekommen sein; er hatte den Pfeil mit einem Lineal gezogen.
Auf der Seite vor dem neuen Eintrag saß unter der letzten Frage ein winziges Loch. Er hielt das Blatt gegen das Licht. So nachdrücklich hatte er wissen wollen, was als Beweis galt, dass er mit dem Stift durch das Papier gedrungen war. Darunter war noch Platz. Er strich die Seite glatt und blätterte wieder nach vorn.
Mit fünfundzwanzig hatte er ein Studium abgeschlossen und ein Buch fast vollgeschrieben. Unten räumte seine Mutter die Spülmaschine aus. Er hörte das vertraute Aneinanderstoßen der Teller und beschloss, sich erst einmal Kaffee zu machen.
In der Küche setzte er Wasser auf. Während es heiß wurde, stellte er sich Brenner über einer Auswertung vor, die nichts hergab. Der Gedanke gefiel ihm. Er hatte gestern kurz einen Menschen vor sich gesehen, der vermutlich ebenfalls gelegentlich auf die Uhr schaute und hoffte, bald etwas anderes tun zu können.
Er goss das Wasser auf und probierte den Kaffee zu früh. Zu heiß und zu stark. Er ließ kaltes Wasser nachlaufen, bis die Tasse beinahe voll war. Auf dem Weg nach oben hielt er sie mit beiden Händen.
Als er sie auf dem Schreibtisch abstellte, sah er die Feder.
Sie lag zwischen einer Rechnung und den alten Skripten, ein schmaler goldener Schimmer im Morgenlicht. Lorian blieb vor dem Tisch stehen. Er sah zur Tür, dann wieder auf die Feder.
Er hatte sie auf den Samt zurückgelegt.
Er erinnerte sich an seine Finger, die sich von ihr gelöst hatten, an die Frage, warum er sie nicht mitnehmen durfte. Später hatte er durch die Scheibe in den geschlossenen Laden gesehen. Der Samt war leer gewesen.
Lorian stellte die Tasse weiter nach hinten, weg von den Papieren, und zog den Stuhl heran.
Unter der Feder stand auf der Rechnung ein Betrag. Sie verdeckte eine Ziffer. Er schob das Blatt vorsichtig zur Seite, als könnte sich dabei herausstellen, dass er nur einen Reflex gesehen hatte. Der Betrag kam zum Vorschein. Die Feder blieb.
Er berührte den Kiel. Er war kühl, glatter, als er ihn in Erinnerung hatte. Lorian ließ die Fingerspitze darauf liegen. Bilder vom Vortag kamen zurück: das grüne Licht, die kleine Dose, die der Alte mit dem Ellbogen beiseitegeschoben hatte, sein Daumen auf dem Buchrücken.
Er hob die Feder an. Wieder dieses Gewicht in der Handfläche.
Das Handy vibrierte so dicht neben ihm, dass er zusammenzuckte.
Ich bin heute später im Büro. Wir sprechen am Abend über Brenner.
Lorian sah auf die Nachricht. Für einen Moment kam es ihm vor, als müsste sein Vater die Feder ebenfalls sehen können. Er hätte jetzt die Kamera öffnen und ein Foto machen können. Dazu hätte er allerdings schreiben müssen, weshalb er seinem Vater eine Feder auf einer Telefonrechnung zeigte.
Er drehte das Handy um.
Der Kaffee war noch warm. Er trank einen Schluck und hielt die Tasse etwas länger fest. Draußen fuhr wieder ein Bus. Unten wurde eine Schublade zugeschoben.
Schließlich legte er die Feder neben das Erfahrungsbuch. Die aufgeschlagene Seite war noch immer dieselbe. Ich bin erleuchtet. Stand 09:12 Uhr.
Er konnte sich nicht mehr recht vorstellen, dass er das vor wenigen Minuten geschrieben hatte. Er blätterte eine Seite
zurück. Zwischen Notizen standen die Fragen, zu denen er immer wieder kam.
Stimmt das?
Wer entscheidet das?
Was gilt als Beweis?
Er fuhr mit dem Finger über das kleine Loch unter der letzten Frage. Als er die Hand wegnahm, schimmerte etwas am unteren Rand der Seite.
Er sah zum Fenster. Das Licht fiel schräg über den Tisch. Er beugte sich zur Seite und wieder zurück.
Unter den Fragen stand ein Wort.
Präsent.
Lorian zog das Buch näher zu sich. Die Buchstaben waren klein und deutlich. Er erkannte den Bogen des P, die Art, wie das t ein wenig zu weit nach rechts kippte. Es war seine Schrift.
Er nahm den Stift vom Tisch und hielt die Spitze über das Papier. Vor dem Kaffee hatte er diese Seite gegen das Licht gehalten. Unter der Frage war das kleine Loch gewesen und darunter freier Raum. Er sah beides noch vor sich.
Lorian legte den Stift neben das Buch. Er hatte das Wort nicht geschrieben. Die Feder lag ebenfalls da, und an ihrer Spitze war keine Tinte zu erkennen. Trotzdem blieb sein Blick an ihr hängen.
Präsent. Er las es zunächst wie eine Aufforderung. Aber warum gerade dieses Wort, gerade jetzt? Er wusste noch nicht einmal, worauf er achten sollte.
Sein Handballen blieb auf der Seite, neben dem Wort. In einer Hautfalte am Daumen saß ein Rest blauer Farbe. Er hatte sich gestern vor dem Termin zweimal die Hände gewaschen und diese Stelle übersehen.
Jetzt sah er die Farbe. Auch die feinen Linien darum, den hellen Druckrand dort, wo seine Hand auf dem Tisch lag.
Durch das Fenster strich kühle Luft an seinen Unterarm. Unten klirrte ein Löffel gegen eine Tasse.
Er hörte zu.
Eine Weile hatte er keine Frage.
„Lorian? Kommst du runter?“
Er hob den Kopf. Die Stimme seiner Mutter kam aus dem Flur.
„Gleich“, rief er.
Er wollte das Buch noch einmal durchsehen, das Wort mit den anderen Einträgen vergleichen. Unten knarrte eine Diele. Seine Mutter wartete offenbar noch, und er hörte sich selbst von vor ein paar Tagen: Gleich, nur noch kurz. Als er damals hinuntergekommen war, hatte sie den Tisch bereits abgeräumt.
„Ich komme jetzt“, sagte er.
Bevor er aufstand, sah er noch einmal auf die Seite. Das Wort schimmerte nicht mehr. Er strich mit dem Finger darüber, ganz leicht, und schloss das Buch.
An der Tür blieb er stehen. Die Feder lag neben der Tasse. Im Licht sah sie wieder blasser aus, beinahe wie im Schaufenster.
Unten fragte seine Mutter, ob er schon Kaffee gehabt habe.
„Ja.“ Er blieb in der Küchentür stehen. Sie hatte zwei Tassen herausgestellt.
„Dann stelle ich den Rest in die Kanne“, sagte sie und griff nach einer der Tassen.
„Lass ruhig. Ein bisschen geht noch.“
Er zog den Stuhl zurück. Seine Mutter sah ihn kurz an, als hätte sie mit etwas anderem gerechnet.
„Du hast Zeit?“
„Zum Frühstücken schon.“
Sie schenkte ihm ein und setzte sich. Zunächst sprachen sie über das Brot, das vom Vortag übrig war. Dann erzählte sie von einem Mann beim Bäcker, der seine Brötchen mitgenommen und dafür den Hund vergessen hatte. Er war erst zurückgekommen, als sie selbst schon bezahlt hatte, und der Hund hatte sich so gefreut, als sei das genau der Plan gewesen.
Lorian musste lachen. Seine Mutter machte das Gesicht des Mannes nach, als er sich nach der Leine bückte. Das konnte sie gut. Er hatte es lange nicht gesehen.
Er griff nach dem Brot. Vor wenigen Minuten hatte er noch nach einem Grund gesucht, oben zu bleiben. Seine Mutter hätte den Kaffee weggepackt, und er hätte später sagen können, es sei ein Morgen wie jeder andere gewesen.
Präsent.
Das Wort stand oben im Buch, in seiner Schrift. Es war vor diesem Frühstück da gewesen, vor seiner Entscheidung, sich hinzusetzen. Er sah seine Mutter an und wollte sie etwas fragen, wusste aber noch nicht, wie. Ob die Feder ihm etwas gesagt hatte, das erst jetzt geschah?
„Was ist?“, fragte sie.
„Erzähl weiter. Was hat der Bäcker gesagt?“
Sie lachte schon, bevor sie antwortete.
Kapitel 3
Als Lorian nach dem Frühstück in sein Zimmer zurückkam, blieb er in der Tür stehen. Die Feder lag noch neben der Tasse. Er wusste nicht, ob ihn das beruhigte. Auf dem Weg nach oben hatte er sich bereits vorgestellt, wie er den Schreibtisch absuchen würde, unter den Papieren, hinter den Büchern, und am Ende nicht mehr hätte sagen können, was er dort überhaupt erwartet hatte.
Nun lag sie da, und er musste mit ihr zurechtkommen.
Er schlug das Erfahrungsbuch auf. Das kleine Loch im Papier, die drei Fragen, darunter das Wort. Er neigte die Seite zum Fenster. Die Schrift wurde heller, dann dunkler. Unter der Schreibtischlampe blieb sie gewöhnliche Schrift.
Präsent.
Er hätte das selbst schreiben können. Vermutlich war es genau das, was ihn störte. Bei einer fremden Handschrift hätte er nach jemandem suchen können, der in seinem Zimmer gewesen war. Diese hier kannte er bis in das kleine Zögern vor dem letzten Buchstaben.
Lorian schob die Lampe zurück. Draußen setzte ein Bus an der Haltestelle den Blinker. Er sah zu, wie ein Mann noch zur Tür lief und der Fahrer wartete. Dann kam ihm in den Sinn, dass er oben am Schreibtisch saß und auf etwas Ähnliches wartete, ohne zu wissen, wer ihm die Tür öffnen sollte.
Er musste über sich selbst lächeln. Seit einer Stunde besaß er eine unerklärliche Feder, und schon traute er einem Linienbus eine Mitteilung zu.
Trotzdem hatte da ein Wort gestanden, bevor er begriffen hatte, was es mit seinem Morgen zu tun haben konnte.
Er ließ das Buch offen liegen und räumte auf dem Boden ein paar Blätter beiseite.
Seit dem Studienabschluss wohnte er wieder bei seinen Eltern. Die beiden anderen aus der WG hatten gewusst, wo sie als Nächstes hinwollten; jedenfalls hatten sie Mietverträge unterschrieben. Lorian hatte seine Sachen in Kartons gepackt und gedacht, dass er sich bald entscheiden würde. Einer der Kartons stand noch unter dem Schreibtisch. Darauf hatte er Bücher geschrieben, obwohl darin inzwischen vor allem Kabel lagen.
Von seinem alten Zimmer waren das Bett und ein schmaler Schrank geblieben. An den Wänden lehnten Bilder, auch vor dem Schrank, sodass er beim Anziehen gelegentlich zwei davon umstellen musste. Die fast durchsichtigen Stoffbahnen, die er an der Decke befestigt hatte, bewegten sich im Luftzug des gekippten Fensters. Seine Mutter hatte einmal gefragt, ob das so bleiben solle. Er hatte gesagt, vorerst. Sie hatte nur genickt; mit diesem Wort hatte sie mittlerweile Erfahrung.
Lorian setzte sich auf den Boden und zog ein angefangenes Bild heran. Eine helle Fläche, zwei breite blaue Spuren, dazwischen eine Stelle, die ihm beim letzten Mal nicht gelungen war. Er erinnerte sich genau daran, wie ärgerlich er sie gefunden hatte. Woran es lag, wusste er heute nicht mehr.
Er mischte etwas Farbe und hielt den Pinsel über das Papier.
Beim Malen kam er leichter über diesen Augenblick hinweg als anderswo: den Moment, bevor etwas begann und man noch für jede Möglichkeit einen guten Grund fand. Sobald Farbe auf dem Blatt war, musste er sich zu ihr verhalten. Er konnte sie stehen lassen, verändern, übermalen. Auch ein misslungener Strich hatte wenigstens den Vorzug, dass er schon da war.
Er zog eine schmale Linie durch das Blau. Die Farbe war dünner, als er gedacht hatte, und lief ein Stück weiter.
„Natürlich“, sagte er.
Niemand widersprach.
Er griff nach dem Lappen, hielt ihn schon über das Blatt und wartete. Am Rand der verlaufenen Stelle blieb ein heller Saum. Wenn er ihn wegwischte, würde er auch den Saum verlieren. Er legte den Lappen neben sich und setzte den nächsten Strich weiter außen an.
Eine Weile hörte er nur den Pinsel auf dem Papier und unten das Geräusch des Staubsaugers, das näher kam und sich wieder entfernte.
Vor ein paar Wochen hatte er mit Freunden zusammengesessen. Es war um Stellen gegangen, um Wohnungen, um eine Küche, die jemand beim Einzug übernehmen sollte. Lorian wusste noch, dass ihn der Preis der Küche beeindruckt hatte. Er hatte nie darüber nachgedacht, was Schubladen kosteten, wenn man sie nicht einzeln kaufte.
„Und wenn das alles funktioniert?“, hatte er gefragt.
Einer sah ihn an. „Was?“
„Der Job. Die Wohnung. Man verdient genug, kann in Urlaub fahren. Was passiert dann?“
„Dann fährt man in Urlaub.“
Sie hatten gelacht, und Lorian hatte mitgelacht. Er mochte diese Abende. Meistens jedenfalls. Nur wusste er manchmal nicht, wie er eine Frage stellen sollte, ohne dass es klang, als hielte er die Antworten der anderen für unzureichend.
„Ich meine danach“, hatte er gesagt.
„Nach dem Urlaub? Arbeitet man wieder.“
„Klingt vernünftig.“
„Ist es auch.“
Er hatte noch etwas sagen wollen. Dann erzählte jemand von einem Vermieter, der ein Foto des zukünftigen Sofas verlangt hatte, und die Gelegenheit war vorbei.
Später war Lorian zu Fuß nach Hause gegangen und hatte das Gespräch weitergeführt, diesmal mit besseren Sätzen. Erst kurz vor der Haustür war ihm eingefallen, dass er keinen von ihnen gefragt hatte, worauf er sich freute. Er hatte wissen wollen, was nach allem kam. Die anderen waren noch dabei gewesen, ihm zu erzählen, was sie gerade anfingen.
Er dachte auch jetzt daran, mit dem Pinsel in der Hand. Es war unangenehm, wenn ein Gedanke, der ihm zunächst tief vorgekommen war, im Nachhinein etwas Unhöfliches bekam.
Er tauchte den Pinsel ins Wasser und sah zu, wie sich das Blau vom Haar löste.
In Ausstellungen ging es ihm gelegentlich ähnlich. Einmal hatte er beinahe eine Stunde vor einem Bild mit zwei dunklen Strichen verbracht. Ein Mann war neben ihm stehen geblieben, hatte kurz hingesehen und dann genickt, als hätte er eine schwierige Verhandlung erfolgreich abgeschlossen. Danach war er weitergegangen.
Die Striche hatten sich davon nicht beeindrucken lassen.
Lorian war geblieben. Nach einer Weile hatte er bemerkt, dass er vom Bild eine Gegenleistung erwartete. Wenn er schon so lange davorstand, sollte es ihm wenigstens etwas zeigen, das der andere nicht gesehen hatte.
Als er darüber lachen musste, drehte sich die Aufsicht nach ihm um.
„Alles in Ordnung?“, fragte sie.
„Ich glaube schon.“
Er hatte ihr beinahe erklärt, worüber er lachte. Dann war ihm aufgefallen, wie schwierig es werden würde, dabei vernünftig zu klingen.
Die Frau sah auf das Bild. „Ich mag den linken lieber.“
„Den Strich?“
„Mhm.“
„Warum?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Mit dem rechten wäre mir der Tag zu lang.“
Zum ersten Mal hatte er sich vorgestellt, jeden Tag in diesem Raum zu sitzen. Er fragte sie, ob sie immer hier arbeite. Sie erzählte von dem Saal im Obergeschoss, in dem es zog, und von einem kleinen Bild neben der Tür, an dem fast alle vorbeigingen. Bevor er nach Hause fuhr, war er noch hinaufgegangen.
Er erinnerte sich nicht mehr an den Titel. An die Frau erinnerte er sich genau.
Lorian lehnte sich zurück. Vor ihm lag die blaue Fläche. Die verlaufene Stelle war fast trocken; dort, wo er hatte eingreifen wollen, war das Papier noch zu sehen. Er drehte das Blatt ein wenig und nahm einen dünneren Pinsel.
Es hatte keinen Sinn, jetzt so zu tun, als sei das Missgeschick von Anfang an beabsichtigt gewesen. Der Strich war ihm davongelaufen. Aber erst, weil er ihn stehen gelassen hatte, war ihm etwas für den Rand daneben eingefallen.
Er arbeitete weiter, bis ihm ein Fuß einschlief.
Als er aufstand, war das Licht im Zimmer gewandert. Der Schatten einer Stoffbahn fiel quer über den Schreibtisch. Lorian schob den Stuhl heran und sah noch einmal in sein Buch.
Das Wort war unverändert.
Er dachte an den alten Mann im Antiquariat. An die Art, wie dieser seine Hand zurückgenommen hatte, während Lorian die Feder hielt. Damals hatte Lorian geglaubt, er werde beobachtet, weil er etwas Kostbares in den Fingern hatte.
Jetzt war er sich nicht mehr sicher, ob der Blick überhaupt der Feder gegolten hatte.
Er nahm den Kugelschreiber und schrieb unter das Wort:
Woher wusstest du das?
Dann hielt er inne. Die Frage setzte bereits voraus, dass es jemanden gab, der etwas gewusst hatte. Er war heute offenbar großzügig mit Voraussetzungen.
Trotzdem strich er den Satz nicht durch.
Er wartete noch eine Weile. Auf der Seite kam nichts hinzu. Unten rief seine Mutter, ob er den Staubsauger wieder hinauftragen könne.
„Ja“, sagte er und stand auf.
Diesmal ließ er die Frage liegen.