Kapitel 1
Frau Kuchenbrenner
Ich wollte an diesem Abend mit niemandem mehr reden. Mit dem Universum hatte ich nicht gerechnet.
Die Fensterbank ist breit genug, um darauf zu sitzen, wenn man die Beine ein wenig anzieht und sich mit dem Rücken gegen die Wand lehnt. Ich habe das Kissen vom Bett geholt und so lange zurechtgeschoben, bis es auch unter dem linken Knie liegt. Nun sitze ich bequem. Unter mir steigt die Wärme der Heizung auf, während von der Scheibe her die Kälte bis an meine Wange reicht. Zwischen meinen Händen halte ich eine Tasse Tee.
Ich hatte nur kurz hinaussehen wollen. Inzwischen fällt mir kein guter Grund ein, wieder aufzustehen.
Draußen schneit es. Im Licht der Straßenlaterne werden die Flocken sichtbar, jede für einen Augenblick deutlich, ehe sie weiter unten in der Dunkelheit verschwinden. Manche fallen beinahe gerade, andere steigen ein Stück, als hätten sie es sich anders überlegt, und werden dann doch mitgenommen. Eine besonders große treibt auf mein Fenster zu. Ich folge ihr mit den Augen, bis sie plötzlich unter den Rahmen sinkt, und beuge mich vor, um zu sehen, wo sie landet.
Auf dem Sims liegt bereits ein schmaler weißer Streifen. Dort könnte sie sein, aber erkennen würde ich sie nicht mehr. Ich schaue noch eine Weile auf die Stelle. Es hätte mich interessiert, was aus ihr geworden ist.
Meist brennt hinter mir noch die Schreibtischlampe, wenn ich mich abends mit meiner Tasse hierhersetze. Heute habe ich sie ausgeschaltet. Dadurch sind die Häuser gegenüber näher gerückt. Seit zwei Jahren sehe ich von hier aus auf dieselben Fenster. Ich erkenne die dunklen Haustüren, die Pflanzen hinter den Scheiben und das Fahrrad, das seit Tagen am selben Laternenpfahl steht. Auf seinem Sattel liegt jetzt Schnee. Jemand wird sich morgen darüber ärgern, obwohl er es schon heute hätte hereinholen können. Ich kenne solche Leute. Mein eigenes Fahrrad steht unten im Hof.
Als ich den Tee probiere, ist er noch zu heiß. Ich stelle die Tasse neben das Kissen und lasse meine Hände auf den Knien liegen. Auf den Dächern der Autos bildet sich eine weiße Schicht. Bei einem sind die Scheiben noch frei, und auf der Straße sieht man die dunklen Spuren seiner Reifen. Jemand ist gerade erst nach Hause gekommen.
Unten öffnet sich eine Tür. Ein Hund tritt auf den Gehweg und wartet, während sein Besitzer unter dem Vordach stehen bleibt und die Kapuze hochzieht. Danach sucht der Mann etwas in seiner Tasche. Der Hund sieht zu ihm zurück, geht zwei Schritte und sieht wieder zurück. Ich verstehe ihn. Wenn man schon einmal draußen ist, könnte man auch anfangen.
Am Baum ist es umgekehrt.
Der Mann geht noch einen Schritt, merkt, dass die Leine straff wird, und kommt zurück. Der Hund untersucht den Stamm, dann eine Stelle daneben und schließlich noch einmal den Stamm. Offenbar ergibt sich aus der zweiten Stelle etwas, das eine erneute Betrachtung der ersten notwendig macht. Der Mann steckt seine freie Hand in die Jackentasche und schaut die Straße entlang. Jetzt verstehe ich ihn ebenfalls.
Schließlich gehen die beiden weiter. Kurz vor der Ecke hebt der Hund den Kopf, und der Mann schaut zu ihm hinunter. Einen Augenblick laufen sie so nebeneinander her, dann verschwinden sie hinter dem Haus.
Es war eine kurze Begegnung, von der die beiden nichts wissen, und trotzdem bin ich etwas besser gelaunt.
Seit einer Weile geht mir eine Melodie durch den Kopf. Ich pfeife ihren Anfang und stocke an einer Stelle, die ich eigentlich kennen müsste. Danach wüsste ich wieder weiter, nur diese wenigen Töne fehlen. Je öfter ich es versuche, desto sicherer bin ich, dass ich die falschen inzwischen besser kann als die richtigen.
Schließlich hole ich das Handy aus der Tasche und öffne die Songsuche. Beim ersten Versuch summe ich zu kurz. Beim zweiten lasse ich mich von der fehlenden Stelle nicht aufhalten. Auf dem Bildschirm erscheint Summer Wine. Nancy Sinatra und Lee Hazlewood.
Ich spiele das Lied ab. Sofort erkenne ich auch die Töne, nach denen ich gesucht habe. Ich höre noch eine Weile zu, die Tasse auf dem angezogenen Knie, während draußen der Schnee fällt. Zum ersten Mal achte ich genauer darauf, was die beiden eigentlich singen. Dann lasse ich mir den Text anzeigen.
Am Ende ist der Mann bestohlen worden und möchte trotzdem mehr von der Begegnung.
Den Diebstahl hatte ich bisher zuverlässig überhört.
Ich lese die letzte Strophe noch einmal und höre mir dazu das Ende an. Es gefällt mir nach wie vor. Offenbar lässt sich ein unerfreulicher Ausgang sehr schön pfeifen.
Als das Lied vorbei ist, schalte ich die Wiedergabe aus. Bevor ich das Handy weglege, sehe ich nach, ob eine Nachricht gekommen ist. Auf meine Bewerbung wird um diese Zeit kaum noch jemand antworten. Ich lasse die Nachrichten trotzdem noch einmal laden. Es gibt keine neue Nachricht. Das ist mir nicht ganz recht, obwohl ich mich gerade so gut mit meiner Ruhe eingerichtet habe. Ich lege das Telefon neben mich und pfeife die Melodie weiter.
Der Tee lässt sich inzwischen trinken.
Auf dem Schreibtisch liegt der Ausdruck meiner Bewerbung. Vor dem Abschicken habe ich zwei Wörter geändert und anschließend wieder die ursprünglichen eingesetzt. Sie klingt vernünftig. Ich habe Erfahrung, ich möchte mich weiterentwickeln, ich freue mich auf neue Aufgaben. Besonders über den letzten Satz hatte ich lange nachgedacht. Auf dem Papier ist die Freude bereits vorhanden.
Abgeschickt habe ich sie vor einigen Tagen, mit dem Zeigefinger. Ich hatte mir diesen Schritt größer vorgestellt. Heute Nachmittag habe ich meinen Ausdruck trotzdem noch einmal gelesen.
Ich nehme einen Schluck und lasse die Bewerbung liegen.
Im Haus gegenüber geht ein Licht an. Eine Frau betritt die Küche und hebt eine Einkaufstasche auf den Tisch. Sie trägt noch ihren dunklen Mantel. Den Schal wickelt sie langsam vom Hals, legt ihn über eine Stuhllehne und streicht sich die Haare aus dem Kragen. Dann bleibt sie vor der Tasche stehen.
Ich kenne sie vom Sehen. Einmal stand sie beim Bäcker vor mir und zeigte der Verkäuferin auf ihrem Handy einen Kuchen, den sie selbst gebacken hatte.
»Das Rezept war gut«, sagte sie. »Ich war nur zwischendurch im Garten.«
Die Verkäuferin betrachtete das Foto. Die Frau drehte das Handy ein wenig, sodass ich ebenfalls daraufsehen konnte. Ich verstand, weshalb sie beim Bäcker war.
Sie bestellte eine Torte und lachte noch immer, als sie das Handy wieder einsteckte. Seitdem heißt sie für mich Frau Kuchenbrenner. Ihren richtigen Namen habe ich nie erfahren. Würden wir uns unten begegnen, müsste ich überlegen, ob ich sie grüßen darf.
Manchmal steht sie abends mit einem großen Becher am Fenster. Einmal hat sie ihn ein wenig angehoben und dabei in meine Richtung gesehen. Ich hatte mich umgedreht, obwohl hinter mir nur das Bücherregal stand. Als ich wieder hinaussah, war sie schon vom Fenster weggegangen. Vermutlich hatte jemand unten auf der Straße gegrüßt.
Jetzt nimmt sie ein Brot aus der Tasche, legt es auf den Tisch und verschwindet aus der Küche. Ich warte auf ihre Rückkehr. Die Melodie geht mir noch immer durch den Kopf, und ich pfeife sie so leise, dass ich zwischendurch das Rauschen der Heizung höre.
Als Frau Kuchenbrenner wiederkommt, hat sie den Mantel ausgezogen. Sie trägt eine helle Strickjacke und schiebt die Ärmel zurück, bevor sie die übrigen Einkäufe auspackt. Das Brot bleibt auf dem Tisch. Alles andere verschwindet in einem Schrank oder unterhalb der Fensterkante. Zwischendurch hebt sie etwas auf, das ihr heruntergefallen ist, und bleibt länger gebückt, als es nötig wäre, um einen einzelnen Gegenstand aufzuheben.
Eine kleine Verfolgung hat begonnen. Ich kann ihren Kopf sehen, dann eine Hand, die unter den Tisch greift. Schließlich richtet sie sich mit etwas Rundem auf. Sie hält es einen Augenblick vor sich, als müsse sie es erst wiedererkennen, und legt es neben das Brot.
Eine Orange, beschließe ich. Für einen Apfel wäre es zu weit gerollt.
Sie holt einen Teller und ein Messer. Ich sehe, wie sie das Brot schneidet, langsam, mit dem ganzen Unterarm. Dann tritt sie aus meinem Blickfeld. Als sie wieder auftaucht, hat sie einen Becher in der Hand. Darüber freue ich mich, ohne recht zu wissen, weshalb. Ich hatte gehofft, dass sie sich auch etwas Warmes macht.
Den großen Becher kenne ich. Vor einiger Zeit hatte daneben eine kleinere Tasse gestanden. Ich konnte nur sehen, wie eine Hand sie vom Tisch nahm; wer dort saß, blieb hinter der Wand verborgen. Seitdem hatte ich angenommen, dass die große ihrem Mann gehört.
Ich versuche mir vorzustellen, wie es in dieser Küche riecht. Nach frischem Brot und der kalten Luft, die noch in ihrem Mantel steckt. Der Schal hängt auf dem Stuhl, obwohl er dort stören wird, sobald jemand Platz nehmen möchte. Sie lässt ihn hängen.
In meiner Vorstellung geht jetzt die Küchentür auf, und ihr Mann kommt herein. Er hat ebenfalls eine Tüte dabei.
»Ich hab Brot mitgebracht«, sagt er.
Frau Kuchenbrenner sieht auf die Tüte, dann auf das Brot vor sich.
»Ich auch.«
»Du hattest doch geschrieben, wir brauchen welches.«
»Gestern.«
Er zieht sein Handy heraus. Sie lässt ihn nachsehen, obwohl sie beide wissen, dass sie recht hat. Während er noch liest, nimmt sie einen zweiten Teller aus dem Schrank.
»Dann brauchen wir morgen keins«, sagt er.
Er setzt sich auf den Stuhl mit dem Schal. Sie weist ihn darauf hin, und er steht noch einmal auf, zieht den Schal unter sich hervor und legt ihn auf die andere Lehne. Danach erzählen sie einander, was am Tag geschehen ist. Sie beginnt mit etwas, das sie unterwegs gesehen hat. Er unterbricht sie mit einer Frage, die sie gerade beantworten wollte. Sie sagt, er solle sie ausreden lassen, und erzählt weiter.
Ich sehe die beiden schon deutlich vor mir, obwohl gegenüber noch immer nur Frau Kuchenbrenner in der Küche steht.
Sie hat ein Buch geholt. Mit einer Hand hält sie es offen, während sie den Teller ein Stück zur Seite schiebt. Dann setzt sie sich. Der Schal bleibt über der Lehne hängen; sie hat ihn vorher ordentlich darübergelegt.
Ich schaue zur Küchentür. Herr Kuchenbrenner lässt sich Zeit. Er muss die Treppe noch hinauf oder vor dem Haus jemanden getroffen haben, der ihm etwas Wichtiges erzählt. Dass er ebenfalls Brot gekauft hat, gefällt mir. Ich möchte diesen Einfall ungern wieder aufgeben.
Die Frau beginnt zu essen und liest dabei. Nach einer Weile hält sie mitten in der Bewegung inne, das Brot noch in der Hand. Etwas auf der Seite beschäftigt sie. Sie liest weiter, nimmt einen Bissen und blättert um.
»Na, hoffentlich kommt er bald«, sage ich.
»Woher weißt du, dass es ihn gibt?«
Ich sehe von der Küche weg.
Die Frage ist so beiläufig gewesen, als säße jemand neben mir und hätte schon die ganze Zeit zugesehen. Ich schaue auf das freie Stück Fensterbank. Dort stehen meine Tasse und das Handy. Der Bildschirm ist dunkel. Aus dem Flur dringt kein Geräusch.
Eine Weile warte ich.
Ich weiß nicht, worauf. Darauf, dass die Frage wiederholt wird, oder darauf, dass mir einfällt, wie ich selbst auf sie gekommen bin. Beides geschieht nicht. Gegenüber legt Frau Kuchenbrenner das Buch flach auf den Tisch und fährt mit dem Finger über eine Seite. Dann lehnt sie sich zurück und nimmt den Becher.
Sie sieht nicht zur Tür.
Ich hätte jetzt aufstehen können. In der Küche steht noch Wasser im Kessel, und im Kühlschrank liegt etwas, das sich ohne viel Aufwand essen ließe. Aber ich möchte hierbleiben. Es interessiert mich, weshalb ausgerechnet dieser Mann, den ich mir eben noch so mühelos ausgedacht habe, auf einmal fraglich geworden ist.
Ich nehme die Tasse vom Stein. Sie ist noch warm.
»Ich weiß es nicht«, sage ich schließlich. »Ich habe ihn mir gerade ausgedacht.«
Ich höre, wie ernst ich antworte, und muss ein wenig lächeln.
»Hast du etwas gegen ihn?«
Kapitel 2
Ein Gast ohne Stuhl
»Nein«, sagt die Stimme. »Ich wundere mich nur, dass du schon auf ihn wartest.«
Ich sehe hinüber. Frau Kuchenbrenner hält ihr Buch näher ans Gesicht, schiebt die Brille hoch und liest weiter.
»Er könnte noch kommen.«
Die Stimme sagt nichts dazu. Ich möchte den Mann ungern wieder abschaffen. Er hat nichts falsch gemacht, vom Datum auf der Nachricht einmal abgesehen, und selbst das hat sich bisher nur auf die Brotmenge ausgewirkt. Es gibt schlimmere Dinge, die man in eine Ehe mitbringen kann.
Frau Kuchenbrenner bricht ein Stück von ihrer Scheibe ab, ohne aufzusehen. Ich versuche, den Einband zu erkennen. Er ist dunkel. Ein Kriminalroman wäre möglich, und ich entscheide mich vorläufig dafür. Wenn sie mitten in einer Ermittlung steckt, wird ihr Mann verstehen müssen, dass sie später miteinander reden.
Ich bemerke, dass ich ihn bereits verteidige, und lächle.
Dann fällt mir wieder ein, dass jemand mit mir gesprochen hat.
Ich stelle die Tasse neben das Kissen und schaue auf das freie Stück Fensterbank. Das Handy liegt hinter dem Kissen. Ich nehme es in die Hand. Der Bildschirm leuchtet auf, zeigt mir die Uhrzeit und nichts, was diese Unterhaltung erklären würde. Als ich es wieder hinlege, kommt mir die Bewegung vor wie eine kleine Kontrolle unter dem Tisch bei einem Zauberkunststück.
»Ich sitze hier öfter«, sage ich. »Normalerweise spricht niemand mit.«
Eine Weile höre ich nur die Heizung. Ich weiß nicht, ob ich eine Antwort erwarte oder hoffe, dass damit alles seine Ordnung hat. Beides zugleich ist unpraktisch.
»Möchtest du lieber allein sein?«
Ich könnte Ja sagen. Zu Beginn des Abends hätte ich es vermutlich getan, ohne lange darüber nachzudenken. Jetzt interessiert mich, was als Nächstes kommt.
»Ich wüsste gern, mit wem ich rede.«
»Du kannst Universum zu mir sagen.«
Ich nehme die Tasse vom Stein, bevor mein Knie sie umstößt. Ein Name dieser Größe verlangt offenbar nach einer kleinen praktischen Tätigkeit.
»Das Universum.«
»Ja.«
»Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sich jemand zuständig fühlt.«
Draußen fährt ein Auto langsam durch den Schnee. Sein Licht streicht über die unteren Fenster, bleibt kurz in einer Haustür hängen und verschwindet. Ich sehe ihm nach, obwohl es nichts Ungewöhnliches tut. Es ist angenehm, dass wenigstens ein Auto einfach ein Auto bleibt.
Universum.
Ich versuche das Wort im Stillen noch einmal. Es passt schlecht zwischen meine Tasse und das Handy. Andererseits beansprucht mein neuer Besucher bisher erstaunlich wenig Platz.
»Darunter hatte ich mir etwas anderes vorgestellt«, sage ich.
»Was denn?«
»Mehr Entfernung. Sterne. Galaxien. Dinge, bei denen jemand erklärt, wie groß sie sind, und ich hinterher noch weniger weiß, wie groß sie sind.«
»Ich nehme dein Zimmer dazu«, sagt die Stimme. »Die Frau gegenüber, den Mann mit dem Hund, dich mit deiner Tasse. Du sitzt längst mitten in mir. Wenn ihr euch kennenlernt oder zusammen etwas zustande bringt, das es vorher noch nicht gab, wird auch aus mir etwas Neues. Darauf bin ich neugierig.«
Ich schaue kurz hinter mich. Auf dem Stuhl liegt mein Pullover. Neben dem Schreibtisch steht eine Tasche, die ich seit Tagen an einen besseren Ort bringen möchte. Bisher habe ich nur bessere Orte für mich selbst gefunden.
»Dann bist du noch gar nicht fertig.«
»Du klingst, als wäre das ein Mangel.«
»Es erklärt jedenfalls einiges in meinem Zimmer.«
Ich sehe wieder hinaus. Der Gedanke ist seltsam, aber er gefällt mir. Bisher hatte ich das Universum für etwas gehalten, zu dem ich aufsehen musste. Dass meine liegen gebliebene Tasche ebenfalls darin vorkommt, macht die Sache zunächst leichter verständlich.
Eine Etage über Frau Kuchenbrenner wird ein Zimmer hell. Jemand hebt einen Koffer auf den Tisch, mit einem Schwung, der offenbar größer ausgefallen ist als beabsichtigt. Die Person hält sofort die Tischkante fest. Danach klappt der Deckel auf und verdeckt ihr Gesicht.
Ich kenne das Fenster. Im Sommer steht dort ein Ventilator, der seinen Kopf von einer Seite zur anderen dreht. Ich habe ihm schon zugesehen, wenn ich selbst nicht schlafen konnte, und mich gefragt, ob die Menschen dort etwas davon haben oder ob er nur ihre warme Luft sorgfältiger verteilt. Einmal lief er noch, als es draußen schon hell wurde.
Jetzt liegt neben dem Koffer ein Stapel heller Sachen. Eine zweite Person erscheint in der Tür und bleibt dort stehen.
»Da verreist jemand«, sage ich.
Dann fällt mir auf, wie still der andere dasteht.
»Oder jemand zieht aus.«
Kaum habe ich das ausgesprochen, tut mir die Person in der Tür leid. Eben hat sie noch gewartet. Jetzt wird sie verlassen. Dabei hat sie sich überhaupt nicht bewegt.
Ich nehme einen Schluck Tee und versuche, ihr den Urlaub zurückzugeben.
Die Person hinter dem Koffer hält ein gelbes Kleidungsstück hoch. Der andere hebt beide Hände. Ich kann nicht erkennen, ob er es nicht mitnehmen möchte oder bestreitet, dass es ihm gehört. Beides wäre verständlich. Es ist sehr gelb.
»Urlaub wäre mir lieber«, sage ich. »Irgendwo, wo sie den Ventilator brauchen.«
»Dann schauen wir noch eine Weile zu.«
Das gefällt mir als Vorschlag. Ich habe heute nichts mehr vor, und zum ersten Mal seit längerer Zeit fühlt sich das wie eine günstige Voraussetzung an.
Bei Frau Kuchenbrenner leuchtet das Telefon auf. Sie legt einen Finger zwischen die Buchseiten und nimmt es in die andere Hand. Noch bevor sie abhebt, lächelt sie.
Ich freue mich darüber. Wer auch immer anruft, hat offenbar ein gutes Ansehen in dieser Küche.
Sie hört zunächst nur zu. Dann sagt sie etwas, lacht und lässt das Buch zuklappen. Der Finger wird nicht mehr gebraucht. Ich hätte gern gewusst, was jemand sagen muss, um gegen einen guten Roman zu gewinnen, aber vermutlich kommt es darauf an, wer es sagt.
Es könnte ihr Mann sein. Er könnte sich verspäten. Er könnte allerdings auch im Nebenzimmer sitzen und Schwierigkeiten mit dem Fernseher haben. Ich kenne Paare, denen ich einen solchen Anruf zutrauen würde.
Sie steht auf, kommt einen Schritt weit und wird vom Ladekabel zurückgehalten. Einen Augenblick schaut sie auf ihre Hand, als hätte das Telefon sie eigenmächtig festgebunden. Dann zieht sie den Stecker und geht weiter.
Ich habe denselben kleinen Ruck schon oft erlebt, meistens mit der Überzeugung, jemand habe etwas im Weg liegen lassen.
Nun ist die Küche leer. Das Buch liegt neben dem Teller, der Schal hängt über der Lehne. Ohne Frau Kuchenbrenner sehen die Dinge aus, als warteten sie. Solange sie im Zimmer war, waren sie einfach dort gewesen.
»Du sagst wenig dafür, dass du das Universum bist.«
»Du hast gerade gern zugesehen.«
»Das stimmt.«
Ich hätte noch lange weitersehen können. Trotzdem kommt mir allmählich der Gedanke, dass ich eine Gelegenheit ungenutzt verstreichen lasse. Wenn schon jemand mit einem solchen Zuständigkeitsbereich neben mir sitzt, müsste ich etwas fragen, das sich lohnt. Über den Anfang von allem, über das Ende oder darüber, was sich in der Zwischenzeit eigentlich ereignen soll.
»Weißt du, wie es mit mir weitergeht?«
Da ist sie, meine große Frage. Kaum bekomme ich das Universum zu sprechen, möchte ich Auskunft über mich selbst.
Hinter mir liegt die Bewerbung auf dem Schreibtisch. Ich kenne die obere Hälfte der Seite so gut, dass ich sie auch im Dunkeln vor mir sehe. Mein Name, die Anschrift, dann die sorgfältigen Sätze darüber, weshalb ich für die Stelle geeignet bin. Ich hatte gehofft, mich nach dem Abschicken leichter zu fühlen. Stattdessen lese ich nun meinen Ausdruck und warte auf Menschen, deren Arbeitstag ich mir nur ungenau vorstellen kann.
Womöglich haben sie meine Bewerbung bereits gelesen und sind anschließend essen gegangen.
Das dürfen sie natürlich. Ich hätte trotzdem gern gewusst, was sie vorher gedacht haben.
»Ich kann dir keinen fertigen Lebenslauf vorlesen«, sagt die Stimme. »Da fehlen noch Menschen, die du bisher gar nicht kennst. Die werden ihre eigenen Pläne mitbringen. Mich interessiert, was geschieht, wenn ihr euch begegnet. Womöglich wollt ihr dann etwas, an das du heute noch gar nicht denkst.«
»Ich wäre schon mit einer Auskunft für die nächste Woche zufrieden.«
»Was möchtest du wissen?«
Ich denke an die Nachricht, die kommen soll. Zuerst würde ich sie auf dem Handy lesen, dann wahrscheinlich noch einmal am Computer, als könnte sie auf dem größeren Bildschirm etwas anderes bedeuten. Ich würde jemandem davon erzählen. Wenigstens einer würde sagen, dass er es gewusst habe.
»Ob ich mich freue«, sage ich.
Eigentlich hatte ich fragen wollen, ob ich die Stelle bekomme. Nun steht die andere Frage im Zimmer, und ich lasse sie dort. Ich möchte sie nicht gleich verbessern, nur weil sie weniger praktisch ist.
Oben legen die beiden das gelbe Kleidungsstück in den Koffer. Gemeinsam drücken sie den Deckel herunter. Auf einer Seite geht er zu, auf der anderen hebt er sich wieder. Schließlich setzt sich einer darauf.
Ich muss lachen. Vor wenigen Minuten hatte ich noch einen Abschied gesehen. Jetzt arbeiten sie gemeinsam daran, mehr mitzunehmen, als ihr Gepäckstück für vernünftig hält.
»Das schaffen sie«, sage ich.
Die Stimme widerspricht nicht.
Es ist eine der wenigen Vorhersagen, zu denen ich mich an diesem Abend bereitfinde. Einer hält dem anderen sein Handy hin. Der sieht erst darauf, dann auf seine Armbanduhr. Dann geht drüben die Deckenlampe aus. Hinter der offenen Tür bleibt ein schwächeres Licht. Ich weiß noch immer nicht, wohin sie fahren oder ob sie überhaupt fahren. Aber ich möchte später noch einmal nachsehen, ob der Koffer fort ist.
Zwei Fenster weiter links beginnen kleine blaue Lichter zu leuchten. Grün kommt dazu, dann ein dunkles Rot. Im Sommer stehen dort so viele Pflanzen, dass ich mich gefragt habe, wie man an den Fenstergriff kommt.
Eine Frau beugt sich über einen Tisch. Eine kleine Flamme erscheint, kurz darauf eine zweite. Sie schüttelt etwas aus, legt es ab und rückt eine Kerze ein Stück zur Seite. Hinter ihr wird der Fernseher hell.
Bis jetzt weiß ich von ihr nur, dass sie mehr Lichtquellen besitzt als Frau Kuchenbrenner und offenbar alle braucht. In den bunten Spiegelungen auf der Scheibe sieht es für einen Augenblick so aus, als schneite es auch in ihrem Zimmer.
Sie verschwindet und kommt mit einer großen Tasse zurück. Dann geht sie noch einmal und holt eine Schüssel. Ich hätte ebenfalls etwas zu essen mitbringen sollen. Als ich mich hierhergesetzt habe, war ich von einem kürzeren Aufenthalt ausgegangen.
»Ich wollte heute eigentlich mit niemandem mehr reden«, sage ich.
»Soll ich dich allein lassen?«
»Nein.«
Meine Antwort kommt so schnell, dass ich darüber lächeln muss. Ich ziehe die Beine etwas näher heran. Die Tasse steht sicher neben dem Kissen, draußen wird es langsam weiß, und gegenüber richtet sich jemand ebenso gründlich auf seinen Abend ein wie ich.
»Du kannst bleiben«, sage ich. »Aber ihren Namen möchte ich mir selbst ausdenken.«
»Gut.«
Die Frau setzt sich. Sie zieht die Schüssel näher und nimmt etwas heraus.
Ich frage mich, ob sie schon einmal zu meinem Fenster hinübergeschaut hat. Es wäre möglich. Seit zwei Jahren wohne ich hier und verhalte mich, als wäre die Straße nur in eine Richtung zu überblicken.
Zum ersten Mal an diesem Abend möchte ich wissen, welchen Namen sie mir geben würde.
