Kapitel 1 Der Narr und das Pferd
Ich war ein Narr, aber ich hatte ein Pferd.
Später würde ich Max heißen. Meine Mutter würde diesen Namen morgens durch einen Flur rufen, und ich würde antworten, noch ehe ich ganz wach war.
Damals rief mich niemand. Ich saß auf einem Pferd, das keinen Namen hatte, jedenfalls nicht für mich. Es war einfach da, unter mir, warm und ruhig, mit einem geduldigen Atem, dem mein eigener sich nach und nach anglich. Ich hielt die Zügel in der Hand, obwohl ich nicht sicher war, ob ich sie brauchte, denn das Pferd ging von selbst, weder eilig noch langsam, als folgte es einer Spur, die im Boden lag, bevor es Boden gab.
Unter seinen Hufen hob sich feiner Staub. Er blieb im Licht hängen, als müsse er erst lernen, dass Dinge fallen. Manchmal knackte etwas unter uns, ein trockener Halm vielleicht, ein kleiner Stein oder ein Stück einer Welt, die noch übte, Geräusche zu machen. Der Rücken des Pferdes bewegte sich gleichmäßig unter mir, und ich ließ mich tragen. Unter meinen Fingern war Fell, unter dem Fell bewegte sich der Atem. Ich hätte nicht sagen können, wann wir aufgebrochen waren.
Vor uns lag Licht. Zuerst hielt ich es für Morgen, dann für Feuer, dann für eine Stadt in der Ferne, die brannte, ohne Rauch hervorzubringen. Doch je näher wir kamen, desto weniger passte eines dieser Worte. Das Licht stand nicht vor uns wie etwas, das man erreichte, und es fiel auch nicht von oben herab. Es lag auf der Ebene, groß und ruhig, ausgebreitet wie ein goldenes Tuch, und gab Wärme ab, ohne zu brennen.
Die Sonne lag auf der Erde. Sie war nicht am Himmel, nicht hinter Wolken, nicht jene runde Scheibe, die man nur mit zusammengekniffenen Augen ertragen konnte. Sie lag vor mir auf einer weiten Ebene, größer als alles, was ich kannte, und ihr Licht war so sanft, dass niemand die Augen schließen musste. Als ich die Hand hob, lag dieselbe Helligkeit auf meinen Fingern wie auf der Ebene; ihre Ränder waren kaum zu erkennen.
Seltsamer als ihr Liegen war, dass niemand überrascht schien. Um die Sonne herum saßen Menschen und Tiere in einem weiten Kreis, so viele, dass ich keine Zahl dafür hatte. Der Kreis zog sich über die Ebene, weiter und weiter, bis mein Blick müde wurde. Einige Menschen saßen mit geschlossenen Augen, andere lehnten aneinander, manche hielten Kinder im Arm. Eine Frau wiegte ein schlafendes Kind, dessen Mund halb offen stand und dessen kleine Hand sich im Stoff ihres Kleides verfangen hatte. Ein alter Mann hatte beide Füße in den Staub gestellt und rieb mit dem Daumen über einen Stein, als müsse er prüfen, ob auch der Stein wirklich da war.
Hunde lagen neben schlafenden Männern. Vögel saßen auf Schultern, ohne fortzufliegen. Ein Fuchs hatte sich auf dem Schoß einer grauen Frau zusammengerollt und schlief so tief, als könne ihm in dieser Nähe nichts geschehen.
Ein Stück weiter ruhte ein Löwe.
Er lag auf der Seite, die Vorderpranken übereinander, die Mähne schwer im Licht. Nur die Spitze seines Schwanzes zuckte manchmal, kaum merklich, als erinnere sich sein Körper an etwas, das hier keinen Zweck mehr hatte.
Neben ihm stand eine Antilope. Sie lag nicht wie die anderen. Sie stand, schmalbeinig und still, den Kopf leicht gesenkt, die Ohren wach. Sie floh nicht, und doch blieb in ihrem Körper eine kleine Bereitschaft, ein Rest von Bewegung, der nicht wusste, wohin mit sich. Ein Vorderbein hob sich, setzte sich wieder ab. Sie blieb. Der Löwe öffnete einmal ein Auge, die Antilope bewegte ein Ohr, und dann wurden beide wieder still, als hätten sie sich auf etwas geeinigt, wofür es noch kein Wort gab.
Niemand rannte, niemand rief, niemand zeigte mit dem Finger auf die Sonne und sagte, dass sie dort nicht hingehörte. Sie saßen im warmen Licht. Ich hatte meine Fragen schon auf der Zunge und vergaß sie, als das Pferd langsamer wurde.
Seine Schultern bewegten sich anders unter mir. Es machte kürzere Schritte und wandte ein Ohr zurück.
Ich nahm die Zügel kürzer und ließ sie gleich wieder locker. Das Pferd ging noch einige Schritte weiter, dann blieb es stehen.
„Ja“, sagte ich leise. „Schon gut.“ Ich stieg ab, und der Boden unter meinen Füßen war warm, aber nicht heiß. Staub legte sich an meine Schuhe, und meine Knie brauchten einen Augenblick, um nach dem Reiten wieder mir zu gehören. Hinter mir schnaubte das Pferd tief und geduldig, senkte den Kopf und zupfte an einem hellen Halm, den ich vorher nicht gesehen hatte. Der Halm verschwand langsam zwischen seinen Lippen.
Ich führte das Pferd am Zügel weiter. Niemand wandte den Kopf. Dennoch rückte hier eine Schulter zurück, dort zog jemand einen Fuß an, gerade rechtzeitig, bevor wir vorbeikamen.
Die graue Frau mit dem Fuchs rückte ein wenig zur Seite, als wir vorbeigingen. Nicht viel, nur genug, dass ich hätte glauben können, sie mache uns Platz. Der Fuchs öffnete ein schmales, gelbes Auge, betrachtete mich, dann mein Pferd, dann meine Schuhe, und weil offenbar nichts davon dringend genug war, um wach zu bleiben, schloss er es wieder.
„Ist hier noch frei?“, fragte ich, ohne zu wissen, wen ich meinte. Die Frau hob den Blick. Ihre Augen waren hell, aber nicht alt. „Hier ist immer frei“, sagte sie. Ich sah mich um. Zwischen den Menschen blieben kleine Lücken. Ein Kind schlief mit ausgestrecktem Arm über eine davon hinweg; weiter hinten stand eine Schale im Staub.
„Warum sitzen alle hier?“ Die Frau strich dem Fuchs über den Rücken. Ihre Hand bewegte sich langsam, und unter ihren Fingern hob und senkte sich das Fell.
„Weil es angenehm ist.“ „Nur deshalb?“ Sie lächelte. „Nur deshalb ist manchmal viel.“ Ich sah zur Sonne, die von Nahem noch weniger zu begreifen war. Ihre Oberfläche flackerte nicht, kein Feuer züngelte, keine Glut fraß sich durch Holz, kein Rauch stieg
auf. Das Licht bewegte sich langsamer, wie ein Atem aus Gold. Die Sonne lag da, als hätte sie sich endlich ausruhen dürfen.
Ich ging einige Schritte näher. Das Pferd blieb zurück. „Kommst du nicht?“, fragte ich. Es kaute weiter, hob den Kopf und sah mich an. Nicht traurig, nicht fragend, nur ruhig. Dann senkte es den Kopf wieder zum Gras, und ich trat weiter auf die Sonne zu.
Je näher ich kam, desto stiller wurde alles in mir. Gedanken, die eben noch nach Namen gesucht hatten, verloren ihre Kanten. Fragen, die sich aufdrängten, wurden weich. Selbst mein Körper fühlte sich an, als müsse er sich nicht mehr ganz so sehr halten. Meine Schultern sanken, und ich merkte es erst, als es schon geschehen war.
Meine Hände wurden warm, der Atem ging tiefer. Eine Weile konnte ich das Schnauben des Pferdes hinter mir nicht von meinem eigenen Ausatmen unterscheiden. Dann kaute es hörbar weiter, und ich musste lächeln.
Meine Knie gaben ein wenig nach. Ich wollte mich setzen. Hier fehlte nichts. Kein Ort rief lauter als dieser. Kein nächster Schritt wartete ungeduldig am Rand. Kein Morgen musste kommen, weil alles schon hell war. Man konnte sich einfach setzen, die Hände in den warmen Staub legen und vergessen, dass es einmal wichtig gewesen war, irgendwo anzukommen.
Nicht weit von der grauen Frau war ein Platz frei, gerade groß genug für mich. Das Pferd hätte hinter mir stehen oder sich in den Staub legen können. Der Fuchs hätte noch einmal ein Auge geöffnet, uns geprüft und weitergeschlafen. Der Löwe hätte den Schwanz bewegt. Die Antilope hätte ein Ohr gedreht.
Ich machte einen Schritt auf den freien Platz zu. Der Staub war dort glatt, als habe noch niemand darauf gesessen und als sei das kein Mangel.
Ich sah meine eigene Hand, hell vom Licht, mit feinem Staub an den Knöcheln. Am Daumen war ein kleiner Kratzer, den ich vorher nicht bemerkt hatte.
Ich beugte die Knie, doch noch bevor ich mich setzte, hob ich den Kopf. Etwas hatte sich am Rand meines Blicks bewegt. Ich sah hin, und für einen Augenblick spürte ich den Kratzer am Daumen, den Zug des Hemdes über meinen Schultern, den Staub zwischen Schuh und Haut.
Der Platz blieb frei. Ich hätte mich noch immer setzen können. Hinter mir schnaubte das Pferd. Der Löwe öffnete wieder ein Auge, oder ich bildete es mir ein. Die Antilope stand noch immer neben ihm, und eines ihrer Vorderbeine hob sich für einen Augenblick und setzte sich wieder ab. Ich wartete, ob sie es noch einmal tun würde. Stattdessen sah sie an mir vorbei.
Nicht weit vom Rand des Kreises stand ein Mann. Er stand nicht bei den Sitzenden, aber auch nicht ganz außerhalb. Dort, wo das Licht noch warm war und doch schon dünner wurde. Dort, wo der Kreis aufhörte, ohne wirklich aufzuhören.
Sein Mantel war dunkel. Ich sah zu ihm hinüber, und diesmal blieb mein Blick dort. Hinter mir strich die Frau weiter über das Fell des Fuchses.
Kapitel 2 Der Mann am Rand
Aus der Nähe sah ich, dass der Saum seines Mantels sich bewegte. Ich spürte keinen Wind. Sein Gesicht lag im Licht, doch sooft ich glaubte, es genauer zu erkennen, blickte er ein wenig zur Seite.
Als ich stehen blieb, hob er die Hand. Nicht hoch, nicht gebieterisch, nur so weit, dass ich wusste, er meinte mich.
„Weiter solltest du nicht gehen“, sagte er. Seine Stimme war ruhig. Ich beugte mich unwillkürlich vor, um ihn besser zu hören. Als ich an ihm vorbei sah, verlor das Licht dahinter seine Selbstverständlichkeit.
Die Ebene lief weiter, der Staub lag noch immer auf dem Boden, ein paar helle Halme standen schräg in der Wärme, und doch ließ etwas nach. Zuerst merkte ich es auf der Haut.
Die Wärme zog sich von den Händen zurück, der Atem wurde aufmerksamer, und irgendwo dort draußen lag ein Rand, den man nicht deutlich sah. Man spürte ihn nur, wie man manchmal eine Tür spürt, bevor man sie findet.
„Ich dachte, hier soll ich hin“, sagte ich. Der Mann ließ die Hand sinken. „Hierher kommen viele.“ „Und dann?“ Er blickte zu den Menschen und Tieren um die Sonne. Eine Weile schwieg er, als müsse er nicht antworten, weil die Antwort vor uns saß: die graue Frau mit dem Fuchs, mein Pferd, das inzwischen wieder einen Halm zwischen den Lippen hatte, der Löwe im warmen Staub und die Antilope neben ihm, still und doch nicht ganz schwerelos.
„Dann bleiben viele“, sagte er. Erst jetzt hörte ich das Summen. Es kam aus keinem einzelnen Mund und war doch überall. Kein Lied, keine Melodie, kein Gebet. Eher ein tiefer, gemeinsamer Ton, der aus atmenden Körpern stieg, aus Menschen, Tieren, vielleicht auch aus der Sonne selbst. Er legte sich über die Ebene wie Wärme, die einen Klang gefunden hatte, und je länger ich ihm zuhörte, desto schwerer wurde es, sich vorzustellen, dass man ihn freiwillig verlassen konnte.
„Warum?“, fragte ich. Der Mann sah mich an. „Weil hier nichts fehlt.“ Ich sah zurück. Die Frau kraulte den Fuchs unter dem Kinn. Mein Pferd stand mit halb geschlossenen Augen neben ihr.
„Und du?“, fragte ich. „Ich stehe hier.“ Der Saum seines Mantels strich über den Staub. Ich sah wieder an dem Mann vorbei, dorthin, wo die Ebene nicht dunkler wurde und doch anders war.
Als ich fragte, was dort sei, schwieg der Mann so lange, dass auf dem Schoß der grauen Frau der Fuchs beide Augen öffnete, mein Pferd den Kopf hob und nicht weiterkaute.
Sogar der Löwe lag nicht mehr ganz so tief im Staub wie zuvor, und die Antilope drehte ein Ohr in unsere Richtung, ohne den Kopf zu heben.
„Die andere Seite“, sagte der Mann schließlich. „Die andere Seite wovon?“ Er sah vom Kreis zu mir und dann an mir vorbei. „Von dem hier.“ Ich blickte über den Kreis. Über die Sonne, die warm auf der Erde lag, über die Menschen, die nichts suchten, über die Tiere, deren Körper jede alte Ordnung abgelegt zu haben schienen. Dann sah ich wieder hinaus in das dünner werdende Licht.
„Und dort ist kein Licht?“ „Keines, das dich so empfängt.“ Ich wartete. Der Mann schien zu lauschen, aber nicht auf mich. Vielleicht auf etwas unter der Erde, hinter der Sonne oder in seinem eigenen Schweigen.
„Dort liegt der Mond“, sagte er. Ich verstand ihn nicht gleich. „Der Mond?“ „Er ist gefallen.“ Ich sah zur Sonne. Sie lag ruhig auf der Erde, golden, warm, beinahe freundlich. Sie sah nicht gefallen aus. Sie sah aus, als hätte sie sich entschieden, hier zu liegen.
„Wie die Sonne?“ „Wie die Sonne. Nur auf der anderen Seite.“ Ich versuchte, mir den Mond auf der Erde vorzustellen, und konnte es nicht. Für mich war er etwas Fernes gewesen, ein weißes Gesicht über Dächern, eine Scheibe zwischen Zweigen, ein Licht, das keine Wärme versprach und trotzdem Gesellschaft leistete. Ein Mond auf der Erde war schwerer zu denken als eine Sonne auf der Erde, vielleicht weil die Sonne hier alles weich machte und der Mond in meiner Vorstellung immer schon Abstand in sich trug.
„Warum geht niemand dorthin?“ In der Nähe legte eine junge Frau die Hand fester um die Finger eines Kindes. Der Fuchs blieb wach. Der Löwe hob den Kopf, langsam und schwer, als habe meine Frage einen alten Körperteil in ihm berührt. Neben ihm stand die Antilope noch immer reglos, aber jetzt sah ich, wie eine feine Spannung durch ihre Beine ging.
Der Mann sah nicht zu ihnen, und gerade deshalb wusste ich, dass sie alle zuhörten. „Weil man dort nichts sieht“, sagte er. „Gar nichts?“ „Nicht einmal die eigene Hand.“ Unwillkürlich hob ich die rechte Hand. Im Licht sah ich jede Linie der Haut, den Staub auf den Knöcheln und den kleinen Kratzer am Daumen, von dem ich nicht wusste, wann ich ihn bekommen hatte. Ich spreizte die Finger. Zwischen ihnen blieb die Ebene sichtbar, während die Haut meinen Blick aufhielt.
„Aber man könnte doch einfach weitergehen“, sagte ich. Der Mann schwieg so lange, bis mir meine eigenen Worte zu leicht vorkamen. „Hier siehst du, wohin du den Fuß setzt“, sagte er. „Dort wirst du ihn erst spüren, wenn du auftrittst.“
Ich sah wieder in die Ebene hinaus. Sie war noch immer da, aber sie wirkte plötzlich weniger wie ein Weg als wie etwas, das jeden Weg verschluckte, wenn man nicht mehr wusste, wie man ihn in sich behielt.
„Ist jemand dort?“, fragte ich. „Manche sind bis an den Rand gegangen.“ „Und weiter?“ Der Mann strich mit dem Daumen über den Saum seines Mantels. Die Bewegung war klein, fast unpassend für einen Satz, der so groß werden konnte.
„Weiter kann ich dir keinen Weg zeigen.“ Das Summen hinter mir wurde leiser, obwohl es wahrscheinlich genauso laut blieb wie zuvor.
Ich hörte meinen Atem deutlicher. Als ich die Luft anhielt, ging das Summen weiter. Ich ließ sie wieder ausströmen und lauschte, bis ich beides zugleich hörte.
„Und was ist dort noch?“ „Das weiß man erst, wenn man hineingeht.“ „Warst du dort?“ Der Mann lächelte fast. „Ich stehe am Rand.“ „Das ist keine Antwort.“ „Für jemanden, der am Rand steht, ist es eine sehr genaue.“ Ich sah auf seinen Mantelsaum, dann wieder in sein Gesicht. Er schien es mit seiner Antwort nicht eilig zu haben. Der freie Platz im Kreis wartete noch immer, nicht weit von der grauen Frau, und der Staub dort sah warm genug aus, um sich hineinzusetzen und alle weiteren Fragen später zu stellen.
Ich sah zu meinem Pferd. Es hatte wieder angefangen zu kauen, aber langsamer als zuvor, und um seine Hufe glänzte der Staub im Licht. In diesem Moment wusste ich, dass es bleiben würde, wenn ich blieb, und vielleicht auch, wenn ich ging.
„Warum sollte ich dorthin?“, fragte ich. Der Mann neigte den Kopf. „Das solltest du nicht.“ Ich musste leise lachen, mehr aus Überraschung als aus Freude. „Das ist eine seltsame Art, jemanden aufzuhalten.“
„Ich halte dich nicht auf.“ „Du hast gesagt, ich soll nicht weitergehen.“ „Ja.“ „Und?“ „Du stehst noch hier.“ Das stimmte, denn ich stand zwischen dem freien Platz und dem dünner werdenden Licht, hinter mir die Sonne, die nicht blendete, vor mir eine andere Seite, von der ich nicht einmal wusste, ob sie mich aufnehmen würde.
Neben mir stand ein Mann im Mantel, der keine Antworten gab und trotzdem nicht wegging.
„Und der freie Platz?“ „Er bleibt frei.“ „Und wenn ich zurückkomme?“ Der Mann strich mit den Fingern über den Ärmel seines Mantels.
„Dann wirst du ihn sehen.“ Ich sah ihn an. Sein Gesicht blieb unscharf, obwohl er nah genug stand. Manchmal glaubte ich, einen alten Mann zu sehen, dann wieder jemanden, der kaum älter war als ich. Einmal hatte ich den Eindruck, er trage mein Gesicht, nur ohne die Unruhe darin.
Als ich mich abwandte, lag neben meinem Fuß ein Stein. Er war halb rund, glatt wie vom Wasser geschliffen, obwohl ich kein Wasser gesehen hatte.
Aus seiner Mitte ragte ein schmaler Stab, höher als ich, und um diesen Stab schwebte ein Ring frei in der Luft. Er vibrierte kaum merklich, während auf seiner Oberfläche das Licht in dünnen Linien wanderte.
Ich war sicher, dass der Stein eben noch nicht dort gelegen hatte. Dann hüpfte er. Nicht hoch und nicht auffällig, nur mit einem kleinen, trockenen Stoß, als wolle er sagen, dass man ihn nicht übersehen sollte.
Ich trat einen Schritt zurück. Der Mann sah zu ihm hinüber. „Er kennt den Rand.“ „Er?“ Der Stein hüpfte noch einmal. „Was ist das?“, fragte ich. „Ein Gefährt.“ Ich wartete auf mehr, doch der Mann schwieg. Der Ring drehte sich langsam um den Stab, nicht schnell genug, um Wind zu machen, nur so, dass das Licht an ihm entlangglitt. Im Staub darunter entstand ein dünner Kreis, als hätte der Stein sich selbst bereits eine Spur gezeichnet.
Ich ging näher. Das Pferd schnaubte. „Ist das gefährlich?“ Der Mann sah mich an. „Alles, was trägt, kann dich auch absetzen.“ „Das beruhigt mich nicht.“ „Es soll dich auch nicht beruhigen.“ Ich legte die Hand an den Stab. Der Ring senkte sich. Ich zog die Hand nicht weg. Er glitt bis auf die Höhe meiner Brust und blieb dort stehen, ohne mich zu berühren. Ein leises Vibrieren ging durch meine Rippen, als hätte etwas eine Frage gestellt, für die es noch keine Worte gab.
„Hat er einen Namen?“ „Noch nicht.“ Der Stein stand still. Ich musste lächeln. Der Ring wartete auf Brusthöhe. „Dann nenne ich ihn Steinsegler.“ Der Mann nickte. „Steinsegler“, wiederholte ich. Ich strich über den Stab. Eben noch hatte ich ihn kaum anzufassen gewagt; nun prüfte ich, wo meine Füße stehen könnten.
Der Stein hüpfte ein drittes Mal, diesmal etwas entschiedener, und der Ring gab einen Ton von sich, so fein, dass er mehr in den Zähnen als im Ohr zu hören war.
Als ich zurück zum Pferd sah, stand es nicht mehr dort, wo ich es verlassen hatte. Langsam, sehr langsam, war es zu dem freien Platz im Kreis gegangen. Die graue Frau rückte ein wenig zur Seite. Der Fuchs tat so, als schlafe er, aber eines seiner Ohren blieb wach. Mein Pferd senkte den Kopf, knickte die Vorderbeine ein und legte sich mit einer Ruhe nieder, die mich stärker traf, als ich erwartet hatte.
„Du kommst nicht mit“, sagte ich. Das Pferd sah mich an. Es kaute nicht mehr. Ich ging zu ihm, legte die Hand zwischen seine Ohren und spürte, wie es mir den Kopf entgegenhob. Eine Weile blieb meine Hand dort.
Ich schluckte. „Gut“, sagte ich. „Dann bleib.“ Der Mann im Mantel trat zur Seite. Ich ging zum Steinsegler zurück. Der Stab stand knapp vor meiner Hand. Hinter mir schnaubte das Pferd, und ich drehte mich noch einmal um.
Die graue Frau hatte die Augen geschlossen. Der Fuchs schlief auf ihrem Schoß. Licht lag auf dem Rücken des Pferdes und auf der Stelle, an der ich hätte sitzen können.
Ich sah hinaus in die Ebene. Vom gefallenen Mond war nichts zu erkennen. Doch seit der Mann ihn erwähnt hatte, suchte mein Blick immer wieder dort, wo die Helligkeit dünner wurde. Ich wollte sehen, wie es weiterging.
Ich legte die Hand an den Stab. Ein leises Vibrieren ging durch den Stab in meine Hand. Dann stieg ich auf. Der Stein gab ein wenig nach, wie ein Tier, das Gewicht annimmt. Der Ring schloss sich weiter um mich, ohne mich festzuhalten. Ich umfasste den Stab. Er war warm wie ein Stein, der lange in der Sonne gelegen hatte und nun nicht wusste, wie schnell er seine Wärme verlieren durfte.
„Bis wohin trägt er mich?“, fragte ich. „Bis dorthin, wo das Licht endet.“ „Und danach?“ Der Mann sah zur anderen Seite. „Danach gehst du allein.“ Ich stellte den zweiten Fuß neben den ersten und prüfte, wie sicher ich stand. Ich blickte noch einmal zum Kreis. Unzählige saßen um die Sonne. Einige hatten die Augen geschlossen, andere sahen zu mir herüber. Niemand winkte. Niemand hielt mich zurück. Niemand rief mir Glück zu. Nur das Pferd hob kurz den Kopf und legte ihn dann wieder ab. Der Löwe ruhte wieder im Staub, doch seine Augen waren offen. Die Antilope stand neben ihm, und diesmal sah sie nicht zur Sonne, sondern in meine Richtung.
Der Steinsegler hob sich zuerst nur eine Handbreit. Der Boden entfernte sich kaum, und doch wusste mein Körper sofort, dass er nicht mehr stand. Der Ring vibrierte stärker. Staub löste sich unter uns und fiel nicht gleich zurück. Er blieb einen Augenblick in der Luft, als müsse auch er sich entscheiden.
Dann stiegen wir höher.
Die Sonne wurde größer und zugleich flacher. Der Kreis der Menschen weitete sich unter mir, und erst jetzt sah ich seine Form. Er war nicht vollkommen rund. An manchen Stellen war er dichter, an anderen offen. Es gab Wege zwischen den Sitzenden, kleine Linien aus Staub, Spuren von Füßen, Pfoten und Hufen.
Der Mann im Mantel stand noch immer am Rand. Von oben wirkte er kleiner, aber nicht weniger deutlich.
„Dort drüben wirst du nichts sehen“, rief er. Seine Stimme klang so nah, dass ich mich nach ihm umdrehte. Er stand weit unter mir.
Ich blickte nach vorn. Das Licht lag vor uns wie eine Fläche, die irgendwann aufhören würde.
Unter mir bebte der Steinsegler leise, und ich hielt den Stab fester, nicht weil ich dadurch mehr wusste, sondern weil meine Hände etwas brauchten, dem sie vertrauen konnten.
„Dann muss ich wohl anders sehen“, sagte ich. Der Steinsegler neigte sich. Nur ein wenig. Dann glitten wir los. Unter uns blieb die Sonne zurück, groß und warm, und die Menschen um sie herum wurden kleiner, bis sie wie dunkle Punkte am Rand eines goldenen Meeres wirkten. Der Kreis hielt noch. Das Summen hielt noch. Der freie Platz, an dem mein Pferd lag, war bald nicht mehr zu erkennen.
Vor mir wurde das Licht dünner. Ich umfasste den Stab fester und merkte erst daran, dass meine Hände kühler geworden waren. Der Ton des Rings ging durch meine Rippen. Wenn ich ihm zuhörte, war das Summen des Kreises noch darin.
Ich beugte die Knie und ließ mich tragen.
Kapitel 3 Der Morgen danach
„Max.“
Er hörte den Namen, doch für einen Augenblick wusste er nicht, wohin er gehörte. Noch war da das Vibrieren des Rings, der warme Stab unter seinen Händen, der Steinsegler, der sich neigte, während unter ihm die Sonne kleiner wurde. Er sah das Pferd im Kreis liegen, den Kopf nur kurz gehoben, bevor es ihn wieder in den Staub legte. Dann wurde das Licht dünner, der Kreis verlor seine Form, und etwas in ihm wollte weiter nach vorn sehen.
„Max.“ Diesmal kam der Name näher, gewöhnlicher, und mit ihm der Geruch von Kaffee. Der warme Stab war fort, aber in seinen Fingern blieb eine Spannung, als hätten sie eben noch etwas gehalten. Der Ring vibrierte nicht mehr um seine Rippen, doch sein Brustkorb erinnerte sich daran, als käme der eigene Atem einen winzigen Augenblick zu spät.
Als Max die Augen öffnete, stand seine Mutter in der Tür. Eine Hand lag am Rahmen, die andere hielt eine Tasse, aus der feiner Dampf aufstieg. Hinter ihr fiel Morgenlicht in den Flur, hell und sauber, das Licht eines gewöhnlichen Tages, das Türklinken, Wäschekörbe und Staub auf Regalbrettern sichtbar machte.
„Du musst aufstehen“, sagte sie. „Schule.“ Max blinzelte. Langsam kam sein Zimmer zurück: das Regal mit den schief stehenden Büchern, der Stuhl mit der Jeans darüber, das Poster an der Wand, dessen gelöste Ecke nachts manchmal klang, als würde jemand leise Papier falten. Die Decke lag halb auf dem Boden, sein Arm hing aus dem Bett, und seine Finger waren leicht gekrümmt, als hätten sie den Stab noch nicht losgelassen.
Er bewegte sie vorsichtig. Kein Ring senkte sich, kein Stein hob sich vom Boden. Übrig blieb nur seine Hand im Morgenlicht, blass, warm, ein wenig verschlafen, als gehöre sie selbstverständlich hierher.
„Hast du schlecht geschlafen?“, fragte seine Mutter. Max setzte sich auf. Der Raum schwankte nicht, doch sein Körper fühlte sich an, als müsse er erst noch beschließen, ganz in diesem Zimmer anzukommen.
„Nein.“ Seine Mutter sah ihn genauer an. „Du siehst aus, als wärst du sehr weit weg gewesen.“ Max sah an ihr vorbei in den Flur. Er hätte den Weg zur Küche mit geschlossenen Augen gefunden. Dort, wo er eben gewesen war, hätte er nicht einmal sagen können, wie weit das Pferd hinter ihm lag.
„Ich hatte einen Traum“, sagte er. Während er das sagte, hielt er noch immer die Finger gekrümmt. Er öffnete die Hand. Auf dem Daumen lag der kleine Kratzer, blass im Morgenlicht. Max strich darüber.
Seine Mutter trank einen Schluck Kaffee. „Einen schlimmen?“
Max dachte an die Sonne auf der Erde, an die Menschen und Tiere im Kreis, an den Löwen, der im Licht ein Auge geöffnet hatte, an die Antilope, die nicht floh, an den Mann im Mantel und an den Steinsegler.
„Nein“, sagte er langsam. „Schlimm war er nicht.“ „Dann erzählst du ihn mir später.“ Sie sagte es schon halb im Weggehen. „In zehn Minuten unten, ja?“
„Ja.“ Sie verschwand im Flur, und Max blieb sitzen. Draußen fuhr ein Auto vorbei, aus der Küche klapperte Geschirr, irgendwo bellte ein Hund. Der Morgen stellte alles an seinen Platz: Bett, Regal, Fenster, Stuhl, Schultasche. Er tat es nicht hart, aber gründlich, und erwartete offenbar, dass Max mitmachte.
Im Bad drehte Max den Wasserhahn auf. Das Wasser war zuerst kalt, dann nur weniger kalt.
Er spritzte es sich ins Gesicht, zog scharf die Luft ein und sah in den Spiegel: ein verschlafenes Gesicht, ein Abdruck vom Kissen auf der linken Wange, Haare, die an einer Stelle entschieden hatten, gegen ihn zu arbeiten. Er war fünfzehn. Gestern hatte er im Spiegel nachgesehen, ob der kleine rote Fleck am Kinn größer geworden war. Jetzt beugte er sich näher heran, bis sein Atem das Glas beschlug.
Das Wasser lief noch. Für einen Augenblick hörte Max ihm zu, als käme es von weiter her als aus einem Hahn, dann drehte er es ab.
Unten saß sein Vater am Tisch und las auf dem Handy. Neben seinem Teller lag ein Stück Brot, das er mit einer Hand aß, während der Daumen der anderen über den Bildschirm glitt.
Die Kaffeemaschine gab ein letztes müdes Röcheln von sich. „Morgen.“ „Morgen“, sagte Max. „Mathe heute?“ „Ja.“ „Gut vorbereitet?“ „Geht.“ Sein Vater nickte, als sei geht eine Antwort, mit der man leben konnte, solange man nicht genauer hinsah.
Seine Mutter stellte Max eine Tasse Kakao hin und schob den Brotkorb näher. „Du warst heute lange weg.“
„Ich war wach.“ „Aber nicht hier.“ Sie meinte es scherzhaft, und sein Vater lächelte kurz, ohne vom Handy aufzusehen. Max nahm ein Brötchen, schnitt es auf und hörte, wie das Messer über die Kruste kratzte. Krümel sprangen auf den Teller. Butter, Marmelade, Tasse, Tisch. Alles hatte Kanten und Gewicht.
Wenn man etwas losließ, fiel es nach unten. Diese Welt war sehr sicher in ihren kleinen Gesetzen.
„Was war das denn für ein Traum?“, fragte seine Mutter. Max hielt inne. Das Messer blieb mit Marmelade daran über dem Brötchen stehen.
„Da lag die Sonne auf der Erde“, sagte er. Seine Mutter lächelte. „Das ist schön.“ Schön war zu klein. Max sah auf die Marmelade am Messer, rot und glänzend, und versuchte, die Sonne in diese Küche zu bekommen. Sie passte nicht zwischen Kühlschrank und Kaffeemaschine, nicht unter die Deckenlampe und nicht neben den Brotkorb.
„Und sehr viele Menschen saßen drum herum.“ Sein Vater hob den Blick. „Wie bei einem Festival?“ Max suchte nach einem Bild, das in diese Küche passte. Festival hatte Lautsprecher, Müll, Gedränge, Pommesgeruch und Leute, die ihre Freunde suchten. Der Kreis um die Sonne hatte nichts gesucht.
„Ruhiger“, sagte er. Sein Vater biss in sein Brot. „Wahrscheinlich solltest du weniger Videos schauen vor dem Schlafen.“
Max nickte, obwohl er am Abend keine Videos geschaut hatte. Seine Mutter setzte sich ihm gegenüber. Das tat sie morgens nicht immer; meistens stand sie halb in der Küche, halb schon im nächsten Termin. Jetzt nahm sie ihre Tasse in beide Hände und sah ihn an.
„Und weiter?“ In ihrer Stimme lag kein Drängen. Sie wartete mit der Tasse zwischen den Händen. Max setzte das Messer auf den Tellerrand.
„Da war ein Mann“, sagte Max. „Er stand am Rand.“ „Am Rand von was?“ Max öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Genau das war die Frage. Der Rand hatte in der Nacht klarer gewirkt als alles andere, aber hier, mit Marmelade am Messer und dem Handy seines Vaters daneben, ließ er sich nicht greifen.
„Ich weiß nicht“, sagte er schließlich. Auf dem Kühlschrank klebte noch Omas Zettel vom Sonntag. Nicht vergessen, mir den Humor zurückzubringen. Max hatte den Satz beim ersten Lesen lustig gefunden und beim zweiten ein wenig übertrieben. Oma schrieb oft solche Dinge, als müsste sie das Gewöhnliche necken, damit es nicht einschlief. Seine Mutter hatte den Zettel nicht abgenommen, obwohl die Ecke schon hochstand und der Magnet kaum noch hielt.
Jetzt blieb Max einen Augenblick davor stehen. Die Schrift war schief, aber lebendig. Ein paar Buchstaben lehnten sich aneinander, andere standen zu weit auseinander, als hätten sie unterwegs kurz vergessen, wohin sie gehörten.
„Kommst du?“, rief seine Mutter. „Ja.“ Er griff nach seiner Jacke. Im Vorbeigehen drückte er die hochstehende Ecke des Zettels an den Kühlschrank. Sie löste sich sofort wieder.
Draußen roch die Luft nach feuchtem Asphalt. Max schloss sein Fahrrad auf. Der Lenker war kalt, der Ranzen zog an seinen Schultern, und zwischen zwei Häusern stand die Sonne so tief, dass sie ihn blendete. Als er die Augen zusammenkniff, sah er sie für
einen Atemzug wieder unten liegen, ausgebreitet auf der Erde wie ein goldenes Tuch. Menschen und Tiere im Kreis, das Pferd, der Löwe, die Antilope, der Mann im Mantel und hinter ihm das Licht, das dünner wurde.
Dann hupte ein Auto. Max erschrak und zog den Lenker zur Seite. Der Wagen fuhr dicht an ihm vorbei, und der Mann am Steuer warf die Hand hoch. Durch die Scheibe verstand Max kein Wort, aber er verstand genug. Sofort wurde alles fest: der Asphalt unter den Reifen, das Bremsen in den Fingern, der Gurt des Helms unter dem Kinn und sein Herz, das plötzlich schneller schlug.
Er atmete aus und fuhr weiter. Vor der Schule standen schon viele. Fahrräder lehnten an den Ständern, Türen schlugen, Rufe flogen über den Hof. Jonas rief ihn von der Treppe aus.
„Ey, Max. Mathe gelernt?“ „Ein bisschen.“ „Dann sitzt du neben mir.“ „Du sitzt immer neben mir.“ „Eben.“ Jonas grinste, als sei das eine wasserdichte Begründung. Seine Haare standen hinten ab, und an seinem Ärmel klebte etwas Weißes, wahrscheinlich Zahnpasta, vielleicht auch irgendetwas, das man besser nicht genauer bestimmte. Max lächelte und ging mit ihm hinein.
Der Flur roch nach nassen Jacken, Deo und Papier. Vor dem Sekretariat sprach ein Lehrer mit einer Frau, die einen Stapel Formulare hielt. Ein jüngerer Schüler kniete vor seinem Ranzen und suchte darin so verzweifelt, als könne zwischen Matheheft und Brotdose ein ganzes Leben verschwunden sein. Ein Mädchen wischte sich heimlich mit dem Ärmel über die Augen, ein Junge redete zu laut, obwohl niemand ihm zuhörte, und ein Lehrer balancierte drei Kaffeebecher und verlor fast einen.
Max wich dem knienden Schüler aus und hielt dem Lehrer die Tür auf. Einer der Becher schwappte über.
Im Klassenzimmer setzte Max sich ans Fenster. Draußen lag der Pausenhof im Licht, kein besonderes Licht, nur Tag. Auf dem Tisch vor ihm lag ein Blatt Papier, oben rechts Platz für Name und Datum.
Der Lehrer sprach schon, aber Max hörte nicht sofort zu. Er nahm den Stift und schrieb:
Name: Max. Das Wort stand da, ordentlich genug, nur eine Zeile auf einem Blatt. Max. Der Name, den seine Mutter durch den Flur rief. Der Name, der aufgerufen wurde, wenn er an die Tafel sollte. Er hatte ihn oft genug geschrieben. Heute drückte er beim letzten Buchstaben zu fest auf; das Papier gab unter der Spitze nach.
Er sah ihn an, bis die Buchstaben wieder gewöhnlich wurden. Dann schrieb er das Datum darunter und rückte das Blatt gerade. Name oben, Rechnung darunter. Herr Brenner ging schon zwischen den Tischen hindurch.
Draußen zog eine Wolke vor die Sonne, und für einen Moment wurde das Klassenzimmer blasser. Niemand sah auf außer Max, der wartete, ob etwas sich
veränderte. Der Ring senkte sich nicht um ihn, kein Stein hob sich vom Boden, kein Pferd wartete am Rand des Lichts.
Jonas flüsterte neben ihm, ob man bei Aufgabe drei minus oder plus rechnen müsse, und der Lehrer klopfte mit dem Stift gegen die Tischkante, weil hinten jemand redete.
Max sah noch einmal auf seinen Namen. Die Buchstaben lagen ruhig auf dem Papier, während in ihm etwas nachklang, kaum merklich, aber beharrlich, wie ein Stein, der nicht vergessen hatte, dass er fliegen konnte.
Kapitel 4 Der Rand des Lichts
In jener Nacht spürte Max beim Einschlafen noch einmal den Druck des Stiftes in seiner Hand. Dann lag darin wieder der warme Stab.
Ich stand auf dem Steinsegler. Vom Tag waren noch einzelne Dinge bei mir: die Stimmen der Klasse, das Blatt mit meinem Namen, der Geruch von Kaffee, der Kratzer an meinem Daumen, das Hupen des Autos, der kalte Fahrradlenker und die Sonne über den Dächern.
Die Stimmen verklangen. Um meinen Körper vibrierte leise der Ring. Vor mir verlor das Licht langsam seine Sicherheit. Eine Weile flog ich, ohne zu wissen, ob Weile hier schon etwas bedeutete. Der Steinsegler glitt ruhig über die Ebene, als kenne er den Weg, aber nicht sein Ende. Unter mir lag anfangs noch Gold auf dem Boden, eine dünne Haut aus Sonne über Staub und Stein. Dann mischte sich Grau hinein, erst kaum sichtbar, später deutlicher. Zuerst fror ich an der linken Schulter, dann wurden meine Finger am Stab kühl.
Ich hielt den Stab mit beiden Händen. Ich sagte mir, es sei vernünftig, sich an etwas festzuhalten, wenn man auf einem halbrunden Stein durch eine Welt flog, deren Regeln noch nicht ganz beschlossen waren. Der Stein unter meinen Füßen vibrierte bis in die Fußsohlen, nicht stark, aber stetig, und manchmal ruckte er ganz leicht zur Seite, als prüfe er den Boden aus Licht, auf dem er gar nicht lag.
Der Ring antwortete auf jede meiner Bewegungen. Wenn ich mich zu weit nach links neigte, zog er kaum merklich dagegen. Wenn ich zurücksah, wurde sein Klang tiefer. Einmal ließ ich den Stab für einen Augenblick lockerer, nur um zu sehen, ob ich es konnte, und sofort wurde der Ring enger, beinahe beleidigt.
„Schon gut“, murmelte ich und griff wieder fester zu. Die Sonne wurde hinter mir kleiner. Zuerst hatte ich geglaubt, ich würde sie lange sehen. Sie war groß genug gewesen, um eine ganze Ebene zu füllen und unzählige Menschen und Tiere um sich zu sammeln. Doch mit jeder Strecke verlor sie etwas von ihrer Nähe. Bald lag sie hinter mir wie ein goldener See, dann wie ein offenes Auge, dann wie eine Münze, die jemand auf den Boden gelegt hatte. Irgendwann war sie nur noch ein ferner Schein, und ich musste mich weit umdrehen, um ihn noch zu sehen.
Noch hätte ich umkehren können. Der Gedanke trat höflich an mich heran, als wolle er nur kurz etwas vorschlagen. Der Steinsegler hätte wenden können, nicht elegant, aber doch irgendwie. Der Kreis, die graue Frau, der Fuchs, mein Pferd und der freie Platz lagen vielleicht nur hinter einer Strecke, die kürzer war als meine Furcht vor dem Weiterfliegen.
Niemand hätte gefragt, warum ich zurückkam. Vielleicht hätte niemand überhaupt bemerkt, dass ich fort gewesen war.
Gerade das machte die Rückkehr so verführerisch, doch der Steinsegler flog weiter, als habe er den Gedanken gehört und beschlossen, ihm nicht zu antworten.
Unter uns veränderte sich die Ebene. Zuerst waren es nur Linien im Staub, helle und dunklere Spuren, als hätten Füße, Hufe und Räder lange Zeit dieselben Wege genommen.
Dann tauchten Häuser auf, vereinzelt und niedrig, mit matten Dächern und Höfen, in denen sich nichts bewegte. Vor einer Tür stand ein Eimer. An einem Brunnen hing ein Seil, das sich nicht rührte. Auf einem kleinen Platz lag ein umgestürzter Korb, und ein paar helle Dinge waren daraus gefallen. Früchte oder Steine – von oben ließ sich das nicht sagen.
Alles sah aus, als sei eben noch jemand dagewesen, doch niemand kam zurück. Aus den Kaminen stieg kein Rauch. Die Fenster lagen dunkel in den Wänden. Auf keinem Hof bellte ein Hund, kein Kind lief über einen Platz, keine Tür wurde geöffnet. Ein Stück Stoff hing an einer Leine zwischen zwei Häusern, aber es flatterte nicht. Es hing einfach da, zu leicht für die Stille und zu sichtbar, um ganz vergessen zu sein.
An manchen Stellen sah ich nur helle Rechtecke im Boden. Dann hob sich daraus ein Dach, ein Fenster trat hervor; im nächsten Augenblick verdeckte der Stab meinen Blick, und ich fand die Stelle nicht wieder. Ich beugte mich zur Seite, doch der Ring hielt dagegen.
Später wurden aus einzelnen Häusern Dörfer. Wege kreuzten sich. Brunnen standen in der Mitte kleiner Plätze. Mauern zogen kurze Schatten, die nicht wussten, wem sie gehören sollten. Dann kam eine Stadt mit Straßen wie hellen Fäden und Dächern, die sich eng aneinanderdrängten. In ihrer Mitte lag ein runder Platz, leer und still, beinahe wie eine kleine Antwort auf den Kreis um die Sonne.
Ich wartete darauf, dort unten jemanden zu sehen: einen Menschen, ein Tier, irgendetwas, das geblieben war. Doch nur das dünne Licht lag auf den Steinen und ließ sie aussehen, als erinnerten sie sich an Schritte. Einmal glaubte ich, in einer Gasse eine Bewegung zu sehen, aber es war nur der Schatten eines Mauervorsprungs, der sich verschob, weil wir darüber hinwegflogen.
Der Steinsegler glitt über die Dächer hinweg, und die Stadt fiel hinter uns zurück. Danach wurden die Häuser seltener, die Mauern niedriger, die Spuren im Staub unsicherer.
Schließlich blieb nur noch Fläche. Unter uns lagen kahle, flache Steine. Ich konnte nicht erkennen, wie hoch wir noch flogen.
Vor uns wartete der Rand. Ich sah ihn noch nicht, aber ich spürte ihn. Ich spürte ihn im Körper: Die Haut an meinen Armen wurde kühler, die Finger am Stab fester, und mein Atem hörte auf, nebenbei zu geschehen. Er wurde etwas, worauf ich achten musste. Ich lockerte den Griff und fand die raue Stelle am Stab wieder, an der mein Daumen gelegen hatte.
Der Steinsegler wurde langsamer. Zuerst hielt ich es für Einbildung, dann merkte ich, dass der Ring weniger vibrierte. Der Stein unter meinen Füßen sank ein Stück, fing sich wieder und glitt weiter, schwerer jetzt, weniger selbstverständlich. Sein glatter Körper gab ein trockenes Knacken von sich, nicht laut, aber nah genug, dass ich die Zehen zusammenzog.
„Alles gut?“, fragte ich. Es war mir sofort peinlich, mit einem Stein zu sprechen. Andererseits war an diesem Ort noch nichts geschehen, das Peinlichkeit besonders vernünftig erscheinen ließ.
Der Steinsegler antwortete nicht. Er glitt weiter, langsam und treu. Die Wärme blieb hinter mir zurück, und ich merkte erst an den Fingern, dann an den Knien und
schließlich in den Schultern, wie sehr ich sie für selbstverständlich gehalten hatte. Ich schob eine Hand unter die Achsel und hielt mich mit der anderen fest. Nach einer Weile wechselte ich.
Das Licht vor mir franste aus. Es riss nicht ab, es wurde schmaler, schwächer, ungewisser. An manchen Stellen reichte es noch weit über den Boden, an anderen griff Dunkelheit in langen, flachen Zügen danach, wie Wasser, das langsam über eine Küste steigt. Der Boden darunter wurde rauer. Ich sah Risse, helle Staubadern, flache Steine, die aussahen, als hätten sie schon lange kein Gewicht mehr gespürt.
Dann begann der Steinsegler zu sinken. Diesmal gab es keinen Zweifel. Der Ring vibrierte unruhiger, wie ein Atem, der kürzer wurde. Ich beugte mich vor und hielt den Stab fester, obwohl Festhalten wenig bedeutete, wenn das Licht selbst uns nicht länger tragen wollte.
„Nicht jetzt“, sagte ich leise. Der Boden kam näher. Erst langsam, dann so deutlich, dass ich einzelne Risse, Unebenheiten und helle Staubadern erkennen konnte. Der Steinsegler schwebte nur noch kniehoch über der Erde, glitt einige Längen weiter und blieb stehen.
Vor uns lag die Dunkelheit. Hinter mir war noch ein Rest von Schein, schwach, aber genug, um Form zu geben. Ich sah meine Füße, den Stein, den Stab, den Ring, die Linien meiner Hände und den kleinen Kratzer am Daumen. Einen Schritt weiter begann etwas, das den Blick nicht nur verdunkelte, sondern ihm jede Arbeit nahm.
Es war kein gewöhnlicher Schatten. Schatten gehören noch zum Licht. Hier bekam der Blick nichts mehr, nicht einmal Widerstand.
Der Steinsegler senkte sich ganz auf den Boden. Der Ring wurde weiter, als müsse auch er Luft holen. Ich blieb noch einen Moment stehen und wartete auf eine Stimme, auf den Mann im Mantel oder auf irgendein Zeichen aus der Ferne. Nichts kam, und obwohl ich wusste, dass niemand versprochen hatte, mir zu helfen, fand ich es unhöflich.
Dann stieg ich ab. Der Boden unter meinen Füßen war hart und kühl. Staub knirschte unter der Sohle, und in der Kälte zog sich mein Fuß zusammen, als hätte er erwartet, noch länger getragen zu werden. Je näher ich der Grenze kam, desto fremder wurde sie. Kein Strich teilte den Boden. Keine Schwelle hob sich. Von Nahem sah man erst recht nicht, wo sie begann.
Ich hob die rechte Hand und betrachtete sie im matten Licht. Staub lag an den Fingern, der Kratzer am Daumen war noch da, die Linien in der Handfläche wirkten gewöhnlich und fast beleidigend vertraut. Dann streckte ich den Zeigefinger aus und führte ihn langsam in das Dunkle.
Er verschwand aus meinem Blick, nicht aus mir, denn ich konnte ihn beugen, spürte die Kühle um ihn herum und wusste, dass er noch zu mir gehörte. Nur sehen konnte ich ihn nicht mehr.
Einen Augenblick lang blieb ich so stehen, den Arm halb ausgestreckt, den sichtbaren Teil meiner Hand im Licht, den unsichtbaren Finger in der kühlen Luft.
Ich zog ihn zurück, und da war er wieder, als sei nichts geschehen.
Ich bewegte den Finger, ließ ihn sich krümmen und strecken und führte ihn ein zweites Mal hinüber. Diesmal länger. Nichts biss zu, nichts brannte, nichts zog an ihm.
Ein leises Lachen kam aus mir heraus, nicht weil es lustig war, sondern weil mein Körper eine Antwort brauchte und keine bessere fand.
Ich trat näher an die Grenze. Einen Fuß ließ ich im Licht, den anderen setzte ich hinüber, und sofort verschwand mein Bein bis zum Knie. Ich sah auf mich hinab. Die eine Hälfte meines Körpers stand blass im letzten Schein. Wo das andere Bein sein musste, sah ich nichts.
Ich bewegte den unsichtbaren Fuß. Der Boden war da, mein Bein war da, und ich war noch da. Eine Weile stand ich so, halb im Licht und halb in dem, was danach kam. Mein sichtbares Bein begann zu frieren, oder vielleicht fror nur das andere und ich sah es nicht. Die Tasche, die noch am Steinsegler hing, schlug leise gegen den Stab, weil ein kaum spürbarer Luftzug über den Rand strich. Dieser kleine Laut tat gut. Ich drehte den Kopf danach. Die Tasche war mir beim Fliegen nicht aufgefallen.
Ich verlagerte mein Gewicht auf den unsichtbaren Fuß. Der Boden drückte gegen die Sohle. Als ich ihn ein wenig drehte, knirschte ein Stein darunter.
„Das ist also die andere Seite“, sagte ich. Meine Stimme wurde nicht zurückgeworfen. Ich wartete auf ein Echo. Keines kam. Als ich wieder ins Licht trat, konnte ich beide Beine sehen. Am rechten Schuh klebte heller Staub. Ich strich ihn ab und sah noch einmal hinüber.
Der Steinsegler stand hinter mir. Der Ring um seinen Stab drehte sich so langsam, dass er müde wirkte. Ich ging zu ihm zurück und legte die Hand auf den Stab. Er war noch warm, aber nicht mehr wie zuvor. Die Wärme lag tiefer, fast versteckt, als spare er sie für sich selbst.
„Du kommst nicht weiter, oder?“ Die Antwort kam nicht als Stimme. Sie lag plötzlich in meiner Brust, fertig verstanden, bevor ich sie hätte aussprechen können. Der Steinsegler brauchte Licht. Nicht viel, aber etwas, woran er sich halten konnte. Dort vorn gab es nichts für ihn.
„Natürlich“, sagte ich. „Ein Steinsegler, der Licht braucht.“ Der Ring vibrierte schwach. Ob es Zustimmung war oder Beleidigung, ließ sich nicht sagen.
Ich nahm die kleine Tasche vom Stab und öffnete sie. Brot, etwas Käse, zwei Äpfel und eine Flasche Wasser lagen darin, ordentlich verpackt, jedes Stück für sich in ein Tuch gewickelt. Das Brot roch trocken und hell, der Käse kräftiger, als mir lieb war, und die Äpfel waren kühl, glatt und schwer in meiner Hand. Die Tasche war leichter, als sie sein sollte, aber sie war da, und für den Anfang genügte mir das.
Ich hängte sie mir über die Schulter und sah zurück. Die Sonne war nicht mehr zu erkennen. Nur ein ferner Schein lag über dem Boden, so schwach, dass ich nicht wusste, ob er wirklich dort war oder ob mein Blick ihn erfand. Der Weg, den ich gekommen war, hatte keine Spuren behalten. Der Steinsegler stand zwischen mir und dem letzten Licht. Sein Ring schimmerte schwach.
Ich legte noch einmal die Hand an den Stab. „Danke“, sagte ich.
Der Ring senkte sich ein wenig. Es konnte eine Verbeugung sein oder ein Nachlassen der Kraft. Ich ließ beides gelten.
Vor mir lag die Dunkelheit. Hinter mir blieb der Steinsegler im letzten Schein. Ich hätte zurückgehen können, Schritt für Schritt, bis zum Kreis und zu meinem Pferd.
Ich zog den Riemen der Tasche höher auf die Schulter. Meine Hand lag noch am Stab. Dann nahm ich sie fort.
Ich hob die Hand vor mein Gesicht und sah sie ein letztes Mal im dünnen Licht. Staub auf den Knöcheln, Kratzer am Daumen, die gewöhnliche Form meiner Finger. Dann trat ich über die Grenze.
Der erste Schritt war leichter, als ich erwartet hatte. Der Boden blieb unter meinem Fuß, die Kälte nahm nur wenig zu, und auch beim zweiten Schritt geschah nichts, was von außen sichtbar gewesen wäre. Hinter mir wurde der Schein schwächer. Als ich mich umdrehte, stand der Steinsegler noch da, halb Form, halb Erinnerung. Der Ring schimmerte schwach.
Dann wurde er dunkler. Erst löste sich der Stab aus meinem Blick, dann der Ring, und schließlich blieb auch von dem Steinsegler nur noch ein schwacher Umriss, der mehr Erinnerung war als Form. Ich ging weiter, vorsichtig, mit der Tasche an der Schulter und den Händen leicht vor dem Körper, obwohl ich sie nicht mehr sah.
Nach einem weiteren Schritt war das letzte Schimmern fort. Ich hielt die Hand dicht vor mein Gesicht, bewegte die Finger, spürte sie, hörte sogar das leise Reiben der Haut, aber sehen konnte ich nichts. Es gab keinen Rand mehr, an den ich mich halten konnte, kein letztes Licht hinter mir, keine Linie vor mir, keine Richtung, die sich zeigen ließ. Nur den Boden unter meinen Füßen, die Tasche an meiner Seite, das Gewicht meines Körpers und meinen Atem, der in der Dunkelheit lauter klang, als ein Atem klingen sollte.
Ich blieb stehen, weil Stehen das Einzige war, was ich noch sicher konnte. Ich wartete, ob die Augen sich anpassen würden, ob irgendwo ein Rest von Grau auftauchte, eine Kante, ein Fleck, ein Hinweis. Aber die Dunkelheit gab nichts nach. Sie wurde nicht freundlicher, nicht feindlicher, nicht tiefer. Sie blieb einfach da.
Also setzte ich langsam einen Fuß vor den anderen. Der Boden antwortete erst, als ich ihn berührte. Kleine Unebenheiten lagen unter der Sohle, ein Stein rollte zur Seite, und meine Hände tasteten in eine Schwärze ohne Gesicht. Jeder Schritt wurde kleiner, weil ich den Weg nicht mehr vor mir hatte.
Ich hielt die Hand an die Brust und wartete, bis mein Herz langsamer schlug. Dann tastete ich weiter.
Kapitel 5 Die Augen im Dunkeln
Meine Augen taten, was Augen in jedem dunklen Zimmer tun: Sie suchten nach dem Rest eines Lichts, nach einer helleren Kante, nach einem Fenster, nach dem schmalen Spalt unter einer Tür. Aber diese Dunkelheit war kein Zimmer und kannte keine Ritzen. Ich riss die Augen auf, blinzelte, schloss sie wieder. Es machte keinen Unterschied.
Aus Gewohnheit wartete ich, denn in der Welt, aus der ich kam, gab jede Dunkelheit irgendwann ein wenig nach. Ein Schrank wurde zu einem Schrank, ein Stuhl zu einem Stuhl, die Tür zu einem dunkleren Rechteck im Dunkeln, und selbst wenn man sich fürchtete, hatte man wenigstens Formen, an denen die Furcht sich festhalten konnte. Hier geschah nichts dergleichen. Selbst nach langem Warten zeigte sich keine Kante.
Am Ende blieb mir nur der nächste Schritt. Ich ging langsam, mit vorgestreckten Händen. Immer wieder hob ich den Fuß und wagte ihn erst nach einem Zögern aufzusetzen. Der Boden antwortete erst, wenn ich ihn berührte. Kleine Steine lagen unter meinen Sohlen, manche rund, manche scharf, und jeder Schritt wurde zu einer Frage, die sich erst im letzten Moment entschied. Einmal setzte ich den Fuß auf etwas Loses, das unter mir wegrollte, und meine Arme fuhren nach oben, als könnten sie die Dunkelheit greifen.
Ich fing mich wieder, stand einen Atemzug lang still und ging weiter. Meine Hände tasteten vor mir ins Leere, die Finger gespreizt, die Schultern höher als nötig. Nach kurzer Zeit brannten die Arme vom dauernden Halten, obwohl ich nicht müde war. Es gab keinen Weg, der sich vor mir öffnete, keine Linie, der ich hätte folgen können, und nach einer Zeit, die sich nicht messen ließ, wusste ich nicht mehr, aus welcher Richtung ich gekommen war.
Ich blieb stehen und drehte mich halb um. War das die Richtung, aus der ich gekommen war? Meine Füße wussten es nicht mehr. Ich stellte sie nebeneinander und hörte auf das Rascheln der Tasche.
Trotzdem ertappte ich mich dabei, immer wieder den Kopf zu drehen, als könne hinter mir noch ein letzter Schein liegen, ein Rest vom Steinsegler, ein schwaches Glimmen des Rings.
Auch hinter mir blieb es dunkel. Nach einer Weile öffnete ich die Tasche und tastete nach der Flasche. Ich trank nicht, hielt sie nur in der Hand und war beruhigt, dass sie da war. Die Flasche war kühl und glatt. Ich fuhr mit dem Daumen über den Verschluss. Dann suchte ich nach einem Stück Brot, fand es, roch daran und legte es zurück. Ein paar Krümel blieben an meinen Fingern.
Erst als ich auf Hunger wartete, merkte ich, dass keiner kam. Mein Körper ging, mein Atem kam, meine Hände suchten vor mir in der Schwärze, aber das vertraute Ziehen im Bauch blieb aus. Auch Durst war nicht wirklich da, nur die Erinnerung daran, dass man Durst bekommen sollte, wenn man lange genug unterwegs war. Ich fuhr mit der Zunge über die Lippen, prüfte den Mund, schluckte, wartete. Nichts. Kein Verlangen, keine Schwäche, keine Dringlichkeit. Ich schloss die Tasche wieder und ging weiter.
„Seltsam“, sagte ich. Das Wort trat aus mir heraus und verschwand, ohne irgendwo anzustoßen. Ich ging weiter, und ob Stunden vergingen oder Tage, wusste ich nicht. Die Dunkelheit hatte keinen Morgen, keinen Abend, keine Schatten, die länger wurden, keine Sonne, die etwas zählte. Ich schlief nicht, oder ich merkte nicht, dass ich schlief. Müdigkeit fand keinen Ort in mir. Einmal setzte ich mich auf einen Stein, nur weil Sitzen vertraut war. Der Stein war kalt und uneben, eine Kante drückte mir in den Oberschenkel, und nach kurzer Zeit stand ich wieder auf, ohne ausgeruht zu sein, weil ich vorher nicht erschöpft gewesen war.
Irgendwann öffnete ich die Tasche erneut, und diesmal roch ich es sofort. Das Brot gab feucht unter meinen Fingern nach, der Käse klebte am Tuch. Als ich einen Apfel herausnahm, drückte mein Daumen mühelos durch die Schale. Ich tastete mit zwei Fingern hinein, fühlte etwas Nachgiebiges, Feuchtes, zog die Hand angewidert zurück und wischte sie an meiner Hose ab, obwohl ich nicht sehen konnte, ob etwas daran klebte. Der Geruch kam nun deutlicher heraus, dumpf und süßlich, als hätte in der Tasche eine kleine Zeit gearbeitet, während mein Körper von ihr nichts wissen wollte.
„Das ging aber schnell“, murmelte ich. Dann fiel mir ein, dass ich nicht wusste, was schnell hier bedeutete. Der Gedanke, nun ohne Essen zu sein, hätte mich beunruhigen müssen. Doch mein Körper verlangte nichts. Nur meine Finger rochen noch nach verdorbenem Apfel. Ich wischte sie ein zweites Mal an der Hose ab und prüfte, ob mir davon wenigstens übel wurde. Auch das nicht.
Einmal stieß ich mit dem Fuß gegen etwas Größeres und fiel beinahe. Ich fluchte, was in völliger Dunkelheit besonders sinnlos klang, und tastete den Gegenstand ab. Es war wahrscheinlich ein Stein oder etwas, das Stein genug war, um mir wehzutun. Seine Oberfläche war rau, an einer Seite scharf, und ich fuhr mit der Hand so vorsichtig darüber, als könnte er mir nachträglich erklären, warum er genau dort gelegen hatte.
Ich ging um ihn herum, eine Hand noch an der rauen Fläche. Später berührte meine Hand eine Fläche, rau und kühl, die nach oben anstieg. Ich folgte ihr einige Schritte, fand eine Kante und verlor sie wieder. Es konnte ein Fels sein, ein Hügel oder die Seite von etwas, das besser keinen Namen bekam.
Unter meiner Hand entstand ein Fels, dann eine Mauer. Ich tastete nach einer Fuge. Als meine Finger ins Leere griffen, wich ich zurück, als hätte sich etwas von mir fortbewegt.
Ich begann leiser zu gehen, gerade weil ich nichts gehört hatte. Die Dunkelheit um mich war so vollständig, dass jedes fremde Geräusch sofort eine Entscheidung verlangt hätte. Aber lange kam keines. Nur mein Fuß auf Stein, mein Atem, das Rascheln der Tasche, manchmal mein eigener Ärmel an meiner Seite. Einmal knackte etwas unter meiner Sohle, so klein, dass es auch ein Steinchen gewesen sein konnte, und trotzdem blieb ich stehen, bis mein Herz begriff, dass niemand geantwortet hatte.
Dann sah ich die Augen. Zuerst hielt ich sie für einen Fehler in mir: zwei kleine Punkte, gelb, fast golden, nicht hoch über dem Boden, aber auch nicht niedrig. Sie waren weit genug entfernt, um noch nicht ganz etwas zu sein, und nah genug, um mein Herz an seine Aufgaben zu erinnern.
Ich blieb stehen, und die Augen blieben ebenfalls stehen. Einer der Punkte verschwand kurz und war wieder da. Ich hielt die Luft an. „Hallo?“, sagte ich. Es war ein törichtes Wort für zwei Augen in der Dunkelheit, aber es war das einzige, das sich anbot.
Die Augen bewegten sich langsam zur Seite, als würde etwas Großes den Kopf drehen. Mein Mund wurde trocken. Meine Hände, die eben noch blind nach Steinen und Felsen gesucht hatten, hoben sich nun von selbst, halb zur Abwehr, halb als Zeichen, dass ich nichts hielt, womit ich gefährlich sein konnte.
„Ich sehe dich“, sagte ich. Das stimmte nicht ganz. Ich sah nur die Augen. Ich ließ den Satz trotzdem stehen. Etwas Warmes streifte meine Hand. Fell. Ich zuckte zurück, aber nicht weit, denn meine Finger hatten bereits gespürt, dass es dichtes, langes Fell war und darunter ein Körper, groß, ruhig, lebendig. Der Geruch kam erst danach zu mir, warm und trocken, nach Tier, Staub und etwas Schwerem, das nicht feindlich war und trotzdem nicht harmlos.
Vorsichtig tastete ich von der Seite nach oben. Meine Hand glitt über eine Schulter, breit und fest, dann über einen Hals, in dem eine langsame Kraft lag, und schließlich zu etwas Schwerem, Struppigem zwischen meinen Fingern. Das Fell wurde länger, dichter, rauer. Ich wollte die Hand wegziehen. Die Finger hielten noch ein Büschel davon, als mir das Wort einfiel.
Mähne. Mit dem Wort kamen sofort die Bilder, die man nicht braucht, wenn man in völliger Dunkelheit vor einem Tier steht: Zähne, Krallen, Hunger, ein Sprung, der zu schnell wäre, um ihn noch zu begreifen. Meine Knie wurden weich, nicht so sehr, dass ich fiel, aber genug, dass der Boden unter mir plötzlich wichtiger wurde.
Die goldenen Augen leuchteten näher. Und dann hörte ich eine Stimme in mir. ›Hab keine Angst.‹ Ich erstarrte. Die Stimme war tief, aber nicht laut. Sie hatte etwas Raues, wie trockenes Gras oder ein Stein, der über Stein geschoben wird. Sie sprach nicht Deutsch und auch keine andere Sprache, die ich kannte. Trotzdem verstand ich jedes Wort, und gerade das machte die Sache nicht einfacher.
›Ich habe keinen Hunger auf dich.‹ Das beruhigte mich nicht so sehr, wie es vermutlich gemeint war. Meine Hand lag noch immer in der Mähne. Ich wagte kaum, die Finger zu bewegen. Irgendwo unter dem Fell ging ein Atem, groß und langsam, und mit jedem Atemzug hob sich der Körper kaum merklich gegen meine Hand.
„Was bist du?“, fragte ich, obwohl ich es längst wusste. Die Augen senkten sich ein wenig. ›Ein Löwe.‹
Ich stand in der Dunkelheit, die Hand halb im Fell eines Löwen, den Mund trocken, die Tasche mit dem verdorbenen Essen an meiner Schulter, und dachte, dass mein Pferd möglicherweise die bessere Entscheidung getroffen hatte.