Kapitel 1
Die Kirschen
Leipzig · 20. Juli 2040 · 10:04 Uhr
Julia sah zuerst die Ordnung.
Die Frau vor ihr hatte ihre Waren in drei kleine Gruppen gelegt. Links lag das Brot, zwei dunkle Laibe, geschnitten und sauber verpackt. In der Mitte lagen drei für sie zusammengestellte Medikamenteneinheiten mit blauen Etiketten, auf denen ihr Name stand. Rechts lag eine durchsichtige Tüte mit Kirschen. Kaum mehr als zwei Hände voll, rot und dunkel glänzend.
Julia hätte gern eine genommen.
Bei Besprechungen standen gelegentlich Kirschen auf dem Tisch, meistens in diesen flachen weißen Schalen, die so aussahen, als habe jemand Obst ausdrücklich für eine Besprechung erfunden. Julia mochte Kirschen. Trotzdem nahm sie selten eine. Sie wusste nie, wohin mit dem Stein.
Es gab Menschen, die darüber offenbar erst nachdachten, wenn sie ihn bereits im Mund hatten. Sie legten ihn auf einen Unterteller, wickelten ihn in eine Serviette oder ließen ihn mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit irgendwo verschwinden. Julia gehörte zu den Menschen, die solche Probleme lösten, bevor sie entstanden.
Meistens nahm inzwischen jemand anderes die letzten beiden.
Sie sah wieder auf die Tüte.
Die Frau trug einen hellgrauen Mantel, obwohl es draußen warm war. An ihrer rechten Schulter war der Stoff dünn geworden, vermutlich von einem Taschenriemen. Ihre Hände lagen auf dem Griff eines Rollators. Sie stand so gerade davor, dass Julia den Eindruck hatte, das Gerät müsse ihr erst noch beweisen, dass sie es brauchte.
Mit dem Daumen strich sie über eine kleine Unebenheit im Griff, immer dieselbe Stelle, oder über eine Stelle, die nur durch diese Bewegung überhaupt eine Unebenheit wurde. Julia sah einen Augenblick länger auf ihre Hand.
Sie selbst stand seitlich der Ausgabezone hinter einer halbhohen Glaswand, die kaum etwas verbarg. Trotzdem genügte sie, um Julia von den Wartenden zu unterscheiden. Dazu kam der Ausweis an ihrem dunkelblauen Blazer. Ministerielle Evaluierung. Sie hatte ihn beim Eintreten so gedreht, dass er sich lesen ließ, und ärgerte sich nun darüber, dass ein Mann in der Wartelinie immer wieder zu ihr herübersah. Wahrscheinlich versuchte er nur herauszufinden, wer dort zusah, ohne eine Nummer zu ziehen.
Hinter dem Schalter saß eine junge Mitarbeiterin mit dunklem Haar, das zu einem Knoten gebunden war. Ihr Namensschild zog den Stoff der Bluse ein wenig nach unten: Sarah Klee – Teilhabeassistenz.
„Das Brot ist freigegeben“, sagte sie. „Und die Medikamente auch. Den Einnahmeplan haben Sie auf Ihrem Gerät. Ich kann ihn Ihnen aber noch mal ausdrucken, wenn Ihnen das lieber ist.“
„Auf Papier wäre gut.“
„Ja, natürlich.“
Neben Sarahs Bildschirm öffnete sich ein schmaler Schlitz. Sie nahm den gefalteten Ausdruck heraus, legte ihn auf den Tresen und drehte ihn so, dass die Frau ihn lesen konnte.
Zugewandte Übergabe hieß das inzwischen in den Schulungsunterlagen. Julia erinnerte sich an die Sitzung, in der über die Formulierung gesprochen worden war. Empfänger hatte jemand zu technisch gefunden. Leistungsempfangende war anschließend vorgeschlagen worden. Am Ende hatte eine Frau aus Dresden gefragt, ob man den Menschen nicht einfach das Blatt richtig herum hinlegen könne.
Julia hatte gelacht. Später war genau daraus eine Schulungsfolie geworden.
Von der Sitzung wusste Sarah vermutlich nichts. Sie hatte der Frau einfach das Blatt richtig herum hingelegt. Jetzt wollte sie offenbar die Ausgabe abschließen. Ihre Hand blieb über der Glasfläche stehen.
„Frau Bäumer, bei den Kirschen zeigt mir das Konto leider eine Einschränkung.“
Die Frau sah auf die Tüte. „Eine Einschränkung?“
„Ja. Also, Ihr Zusatzrahmen für diese Woche ist schon ausgeschöpft. Das betrifft nur die Sachen, die nicht zum Grundbedarf gehören. Brot und Medikamente sind natürlich nicht betroffen.“
„Ich habe diese Woche nichts Zusätzliches geholt.“
Sarah prüfte den Eintrag. „Am Montag wurde ein süßer Aufstrich verbucht.“
„Das war Marmelade.“
„Ja.“
„Die war im Brotpaket.“
Sarah sah noch einmal hin, als könne beim zweiten Lesen etwas anderes auf dem Bildschirm stehen. „Die Marmelade wurde als Genusskomponente geführt.“
Julia sah auf die Uhr. Torben Lenz, der Leiter des Zentrums, erwartete sie im ersten Stock. Sie hatte sich schon zur Treppe wenden wollen.
Am Schalter suchte Sarah bereits weiter. Julia blieb stehen. Am Bürgerkonto hatte sie mitgearbeitet; wenn jemand wegen einer Marmelade keine Kirschen bekam, wollte sie wenigstens hören, wie es weiterging. Es musste eine Möglichkeit geben, mit solchen Fällen umzugehen. Sie war auf einmal sehr darauf angewiesen, dass Sarah sie fand.
Hinter ihr räusperte sich jemand. Sieben Menschen warteten in hell markierten Feldern. Auf dem Boden stand: Wartezeit ist gemeinsame Rücksicht. Der Mann, der zu Julia herübergesehen hatte, stellte seine Tasche ab und wechselte sie anschließend doch auf die andere Schulter.
„Ich könnte noch schauen, ob wir ein Anlassfeld nehmen können“, sagte Sarah.
„Ein was?“
„Ein Anlassfeld. Also … manchmal kann man Zusatzwaren freigeben, wenn es einen besonderen persönlichen Grund gibt. Zum Beispiel Geburtstag. Oder Besuch. Genesung nach einer Operation, Trauerzeit, eine ärztliche Empfehlung oder ein eingetragener sozialer Termin.“
Frau Bäumer hörte bis zum Ende zu. „Ich habe keinen Geburtstag.“ Als Sarah sie ansah, ergänzte sie: „Heute nicht, meine ich.“
„Bekommen Sie Besuch?“
„Nein.“
„Gibt es vielleicht einen medizinischen Grund?“
„Für Kirschen?“
Sarah wurde rot. „Ich muss es leider fragen.“
„Nein. Keinen medizinischen Grund.“
„Es gibt auch Erinnerungsanlässe“, sagte Sarah. „Aber nur, wenn sie im Profil hinterlegt sind.“
„Mein Mann hat Kirschen geliebt.“
Sarah hob den Blick. „Ist Ihr Mann gestorben?“
„Vor acht Jahren.“
„Oh.“ Sarah nahm die Hände vom Bildschirm. „Das tut mir leid.“
Frau Bäumer nickte. Sarah sah wieder auf den Bildschirm und strich mit dem Zeigefinger über eine Zeile.
„Bei Traueranlässen gilt der Zeitraum leider nur für die ersten zwölf Monate.“
Sie sah sofort auf. Frau Bäumer betrachtete die Kirschen, dann ihre Hände auf dem Rollator.
„Nach acht Jahren liebt man also nichts mehr“, sagte sie.
Sarah öffnete den Mund. „Nein, so ist das nicht …“
Dann brach sie ab.
Niemand hinter Julia räusperte sich mehr. Sarah strich sich eine Haarsträhne zurück und sah wieder auf den Bildschirm.
„Ich könnte sie für nächste Woche vormerken. Falls Ihr Zusatzrahmen dann wieder offen ist.“
Die Frau lächelte kurz. „Kirschen warten nicht, Fräulein.“
„Nein“, sagte Sarah. „Stimmt.“
Julia nahm die Mappe unter den anderen Arm. Sie wollte an den Schalter treten, aber noch während sie nach einem
ersten Satz suchte, schob Frau Bäumer ihren Rollator näher an den Tresen.
„Dann nehme ich nur das Brot und die Medikamente“, sagte Frau Bäumer.
Sarah schob ihr den Ausdruck hin. „Den Plan lege ich Ihnen noch dazu. Und … Ihr Bewegungssender hat seit vier Tagen keine Strecke mehr übertragen.“
„Der Sender ist leer.“
„Sie benutzen noch das lokale Modell.“
„Das reicht mir.“
„Wir können ihn hier vollständig laden und prüfen. Das dauert ungefähr zwölf Minuten.“
„Ich komme morgen wieder.“
Sarah zögerte. „Ja. Das geht natürlich. Nur wenn noch drei Tage keine Rückmeldung kommt, kann Ihr Aktivierungswert sinken. Dann könnte es sein, dass sich Ihr Mobilitätsfenster nächste Woche verändert.“
Frau Bäumer fasste den Griff fester. „Ich komme morgen.“
„Gut.“ Sarah nickte zu schnell. „Dann ist alles noch im grünen Bereich.“
Sie räumten den Tresen leer, jede von ihrer Seite. Sarah reichte die Medikamente hinüber, Frau Bäumer legte sie mit dem Ausdruck zwischen die beiden Brote in den Korb. Die Kirschen blieben liegen. Schließlich berührte Sarah die Tüte mit zwei Fingern und schob sie zu den nicht freigegebenen Waren. Dort lagen bereits eine kleine Schokolade, eine Tube duftende Handcreme und eine Packung Batterien.
Als Frau Bäumer den Rollator drehte, quietschte ein Rad. Sie ging an Julia vorbei, ohne sie anzusehen. Julia roch
Lavendelseife und hatte kurz das Bedürfnis, ihr etwas zu sagen. Einen guten Tag zu wünschen kam ihr nach dem, was sie beide gerade gehört hatten, unpassend vor. Während sie noch überlegte, was sonst, war die Frau schon an der Tür.
Vor der automatischen Tür richtete Frau Bäumer den Rollator noch einmal aus. Sie wartete, bis das Glas ganz zur Seite geglitten war, und trat ins helle Vormittagslicht.
Julia sah auf ihren Ausweis. Er lag vollkommen gerade. Es gab Tage, an denen sie froh war, dass er erklärte, weshalb sie irgendwo stehen durfte. Sie musste ihre Neugier nicht begründen. Sie war zuständig. Sie schob einen Finger unter den Clip, ließ den Ausweis aber am Blazer.
Sarah rief die nächste Nummer auf. Ein Mann mit einer gelben Dokumentenmappe kam an den Schalter und begann sofort, etwas daraus hervorzusuchen. Julia hatte einen großen Teil ihres Berufslebens damit verbracht, Verfahren zu entwickeln, die nicht von der Stimmung eines Einzelnen abhingen. Auf die schlechte Laune eines Sachbearbeiters sollte niemand angewiesen sein, und auf dessen Großzügigkeit möglichst ebenso wenig.
Die Tüte lag neben der Schokolade. Sie würde Lenz danach fragen.
Auf dem Weg zur Treppe kam sie an den übrigen Wartenden vorbei. Ein Mann hatte Hände, die noch nach Lagerarbeit aussahen, obwohl Lager längst von Systemen geführt wurden, die keine Pausen brauchten. Eine Frau mit einem flachen Wartungsmodul an der Hüfte stand am Mobilitätspunkt und betrachtete die Anzeige, als entscheide sie dort über den Rest ihrer Woche. Weiter hinten hielt ein junger Vater ein Kind auf dem Arm und sprach leise in sein Gerät. Das Kind versuchte, ihm an die Nase zu fassen. Er
drehte den Kopf weg, redete weiter und gab schließlich nach. Für einen Moment hatte es seine ganze Aufmerksamkeit.
Früher hätten viele dieser Menschen Schichten gehabt, Teams, Routen, Kunden und Kolleginnen. Jemand hätte bemerkt, wenn sie morgens nicht erschienen. Jetzt hatten sie Zeitfenster, Förderpfade und ein Konto, das sie vor dem Absturz bewahrte.
Nach den großen Automatisierungswellen konnte die Gesellschaft mehr hervorbringen als je zuvor. Nur erhielten immer weniger Menschen ihren Anteil daran durch eigene Erwerbsarbeit. Das Bürgerkonto sicherte Wohnen, Ernährung, Gesundheit, Mobilität und Bildung. Julia wusste noch, wie viel Arbeit allein in diesem Versprechen gesteckt hatte.
Was willst du einmal werden? Schon als Kind hatte Julia verstanden, dass darauf ein Beruf als Antwort erwartet wurde. Später hatte sie die Frage selbst gestellt. Der Sohn einer Kollegin hatte ihr einmal geantwortet, er wolle später viel schwimmen. Sie hatte gelacht und ihm erklärt, was sie mit der Frage gemeint hatte.
Wenn Maschinen immer mehr Arbeit übernahmen, hätte doch mehr Zeit für ein eigenes Leben bleiben können. Julia sah noch einmal zum Vater hinüber. Sie wusste nicht, mit wem er gesprochen hatte. Vielleicht kümmerte er sich um eine Lernstelle. Oder er wollte sich nur mit jemandem zum Mittagessen verabreden. Sie hatte ihm, kaum dass sie ihn sah, schon eine Fallbegleitung zugedacht.
Der Vater setzte sein Kind ab. Es wollte die letzten Schritte selbst gehen, hielt aber noch seine Hand.
Häuser wie das Versorgungszentrum Leipzig-Südwest hatte Julia lange verteidigt. Außen Glas, Holz und flache Pflanzflächen, ein Eingang ohne Schwelle. Innen warme Lichtflächen, ruhige Stimmen und Wege, die sich beinahe von selbst erklärten. Niemand sollte hier das Gefühl haben, um etwas bitten zu müssen. Wer eintrat, sollte spüren, dass der Staat und seine Systeme bereits wussten, was gebraucht wurde.
Als Sonderbeauftragte für Sozialstaatsarchitektur im Bundesministerium stand sie selten auf Podien. Sie saß an den Tischen, an denen entschieden wurde, was der Staat noch tragen konnte, seit Arbeit nicht mehr hielt, was sie einmal versprochen hatte. Auch für das Gespräch mit Lenz hatte sie Zahlen, Ablaufberichte und die letzten Beschwerden vorbereitet. Sie zog die Mappe unter ihrem Arm hervor und ließ sie geschlossen.
Der Fahrstuhl stand offen. Julia nahm die Treppe. Sie wollte gehen und dabei kurz niemandem erklären müssen, weshalb.
Torben Lenz kam ihr vor dem Besprechungsraum entgegen. Er war ein schmaler Mann mit randloser Brille und hatte die Arbeitsfläche bereits in der Hand. Als Julia ihm die Hand entgegenstreckte, wechselte er das Gerät auf die andere Seite.
„Frau Dr. Reuter. Schön, dass Sie sich unten schon selbst umgesehen haben.“
„Entschuldigen Sie die Verspätung. Ich wollte das Gespräch am Schalter noch zu Ende hören.“
„Ja, natürlich. Bitte.“
Er hielt ihr die Tür auf. Durch die breite Glaswand des Raums konnte man in die Halle sehen. Von hier oben war der Betrieb leichter zu überblicken. Menschen standen in den
hellen Feldern, gingen an die Schalter oder setzten sich für eine Weile. An der Kaffeestation nahm eine Frau zwei Becher und reichte einen davon einem älteren Mann. Er griff zu spät danach, und sie hielt ihm den Becher geduldig noch einmal hin.
„Wir sind mit der Entwicklung im Großen und Ganzen sehr zufrieden“, begann Lenz. „Die Wartezeiten liegen seit der Umstellung auf das neue ANZIOM-Modul deutlich unter dem Landesdurchschnitt. Auch die Beschwerden sind zurückgegangen. Vor allem die offenen Konflikte im Ausgabe- und Mobilitätsbereich.“
Julia setzte sich. Der Stuhl passte sich ihrem Rücken an, während sie noch nach der richtigen Haltung suchte. Unten sprach Sarah mit dem Mann, dessen gelbe Mappe nun offen vor ihr lag. Sie zog ein Blatt heraus, zeigte ihm etwas und wartete, bis er nickte.
„Frau Klee ist gut“, sagte Julia.
Lenz entspannte sich. „Ja. Wirklich sehr gut. Zuverlässig, kaum Eskalationen, gute Rückmeldungen. Auch in der würdesensiblen Kommunikation.“
„Würdesensible Kommunikation?“
„Ein Schulungsprogramm.“ Er lächelte kurz. „ANZIOM Civitas stellt uns dafür Gesprächsübungen bereit. Wenn jemand eine Einschränkung nicht versteht, darf er sich ja trotzdem nicht einfach abgewiesen fühlen.“
„Und wenn er sie versteht?“
Lenz sah sie fragend an.
„Ich meine, wenn jemand genau versteht, weshalb etwas nicht geht“, sagte sie, „und sich trotzdem abgewiesen fühlt. Was kann Frau Klee dann tun?“
„Es gibt die Beschwerdewege.“
„Auch wegen Kirschen?“
Er schob die Brille zurecht. „Die Sache ist bei mir schon angekommen. Frau Klee hat korrekt gehandelt. Der Zusatzrahmen war ausgeschöpft. Am Montag wurde ein süßer Aufstrich als Genusskomponente verbucht. Ärgerlich, aber regelkonform.“
„Die Marmelade lag im Brotpaket.“
„Das habe ich prüfen lassen. Seit März werden süße Aufstriche anders geführt, wenn eine herzhafte Alternative verfügbar ist.“
„Was wäre denn die Alternative gewesen?“
Lenz sah nach. „Hülsenfruchtaufstrich, natur.“
Julia hätte gern gewusst, wer zwischen diesen beiden Aufstrichen entschieden hatte und ob er sie vorher hatte probieren müssen. Lenz sah auf. Sie behielt die Frage für sich.
„Ich weiß, wie das klingt“, sagte er. „Aber irgendwo müssen wir eine Linie ziehen. Wenn wir bei jedem Menschen noch Alter, Geschmack, Erinnerungen oder Tagesform einbeziehen, weiß am Ende niemand mehr, warum der eine etwas bekommt und der andere nicht. Dann wird es eben auch ungerecht.“
„Ja. Ich kenne das Argument.“
„Natürlich. Entschuldigen Sie.“
„Sie müssen sich nicht entschuldigen. Das Argument ist ja richtig.“
Lenz legte die Arbeitsfläche auf den Tisch und wartete auf eine Fortsetzung. Julia hätte ihm gern sagen können, wo er
anders hätte entscheiden sollen. Sie hatte selbst oft genug darauf bestanden, dass die Regeln auch für diejenigen gelten mussten, deren Geschichte gerade niemand erzählte.
„Was geschieht mit den Sachen, die nicht freigegeben werden?“
„Die gehen zurück in den Bestand.“
„Auch Frischware?“
„Wenn die Haltbarkeit es zulässt. Sonst gibt es am Abend ein Mitarbeitendenfenster. Oder die Kompostierung. Je nach Hygienevorgabe.“ Er verzog das Gesicht. „Das kommt aber selten vor.“
„Dass kompostiert wird?“
„Nein. Also … dass man es so deutlich sieht.“
Er schwieg, als hätte er sich selbst überrascht. Unten schob Sarah dem Mann seine Papiere zurück. Er begann, sie einzeln in die Mappe zu ordnen. Sie wartete, bis er fertig war.
Lenz bot Julia an, ihr die Beratungsräume, die Gesundheitskabinen und den Mobilitätspunkt zu zeigen. Sie bat darum, später darauf zurückzukommen. Beim Aufstehen blieb sie mit dem Ärmel am Mappenverschluss hängen. Lenz hielt die Mappe fest, während sie den Stoff löste.
„Danke“, sagte sie.
Sie wollte nachsehen, ob die Kirschen noch auf dem Tresen lagen.
Unten war Schalter vier vorübergehend geschlossen. Julia ging zur Kaffeestation und legte ihre Mappe auf die Ablage. Kaffee hatte sie an diesem Morgen schon genug getrunken. Der Automat bot mild, kräftig, koffeinfrei und sozialverträglich an. Sie las das letzte Wort zweimal, sagte leise „Oh je“ und wählte einen Tee.
Aus der Ausgabe glitt ein dünnwandiges Trinkgefäß. Es fühlte sich warm an, die Oberfläche erinnerte an helles Steinzeug. So etwas hätte ihr zu Hause gefallen. Julia stellte es unter den Auslauf. Am Rand erschien ein kleines Rückgabesymbol.
Während der Tee einlief, nahm sie eine Broschüre aus dem Wandregal.
Ihr Bürgerkonto und Sie.
Darunter: Sicher versorgt in bewegten Zeiten.
Auf dem Umschlag saßen drei Menschen auf einer Bank. Eine junge Mutter, ein Mann mit grauem Bart und ein Kind, das eine flexible Lernfläche hielt. Julia blätterte und blieb an einem Abschnitt hängen, den sie sofort wiedererkannte. Grundbedarf, Gesundheit, Mobilität, Lernen, Begleitung. Kurze Sätze, freundliche Grafiken. Wer wenig hatte, sollte nicht mehr bitten müssen. Wer überfordert war, sollte Hilfe bekommen, bevor aus einer Schwierigkeit ein Absturz wurde.
Ein Konto statt Bittgang.
Sie hatte den Satz nachts um drei auf eine weiße Tafel geschrieben. In Berlin, in einem zu warmen Raum, zwischen Menschen, die seit Stunden versuchten, etwas zu Ende zu bringen. Der Kaffee war kalt gewesen. Jemand hatte gelacht, dann hatten sie eine Weile alle auf die Tafel geschaut. Julia erinnerte sich an ihre Erleichterung. Endlich ließ sich in wenigen Worten sagen, wozu die langen Sitzungen gut sein sollten.
Sie hatte damals gern dort gearbeitet. Auch nachts, auch mit schlechtem Kaffee. Manchmal war sie morgens nach Hause gegangen und hatte im Bett noch einen Einfall notiert, damit er nicht verloren ging.
Sie strich die aufgeklappte Seite glatt. An dem Versprechen fand sie noch immer nichts falsch.
„Frau Dr. Reuter?“
Sarah stand wenige Schritte entfernt. Sie hielt die Kirschen in der Hand und sah kurz zur Treppe, bevor sie näher kam.
„Entschuldigung. Ich wollte Sie nicht stören.“
„Tun Sie nicht.“ Julia legte die Broschüre neben ihre Mappe.
„Herr Lenz hat gesagt, Sie sind vom Ministerium.“
„Das stimmt.“
„Dann darf ich das wahrscheinlich erst recht nicht fragen.“
Julia wartete. Sarah hob die Tüte ein Stück an.
„Gibt es dafür eigentlich eine andere Regel? Also, nicht nur für Kirschen. Für solche kleinen Sachen.“
„Welche Sachen?“
„Manchmal möchte jemand einen späteren Bus, weil er noch auf den Friedhof will. Oder eine zweite Creme. Die erste ist medizinisch, die andere riecht einfach schön. Oder Batterien für ein altes Radio, das im Bedarf nicht mehr auftaucht, weil es nicht registriert ist.“
„Wie oft erleben Sie das?“
„Eigentlich jeden Tag.“ Sarah sah auf die Früchte. „Manchmal sind gerade die kleinen Dinge schwierig, weil man keinen großen Grund dafür findet.“
Julia nahm einen Schluck Tee. Er war noch zu heiß. Sie stellte das Gefäß wieder ab und ließ Sarah weiterreden.
„Und ich verstehe die Regeln ja“, sagte Sarah. „Wirklich. Manche Angehörige versuchen, Sachen über die Konten von alten Leuten zu bekommen. Manche tauschen Waren weiter. Manche Menschen geben alles sofort aus und haben dann am
Ende der Woche nichts mehr. Also, ich weiß schon, warum wir Grenzen brauchen.“
„Aber?“
Sarah atmete aus. „Ich habe ihr gerade erklärt, dass ihr Mann schon zu lange tot ist.“ Sie drehte die Tüte in den Händen. „So hat es sich doch angehört.“
Julia sagte nichts.
„Ich wollte nur noch irgendeinen Weg finden“, sagte die junge Frau.
„Haben Sie das in der Supervision angesprochen?“
Sarah lächelte kurz. „Da sagt man es anders.“
„Wie?“
„Dass die emotionale Last bei kleinteiligen Ablehnungen steigt.“
„Und dann?“
„Dann bekommt man ein Modul zur Gesprächsentlastung.“
Eine Weile standen sie nebeneinander. An der Station neben ihnen füllte jemand eine Flasche. Sarah ließ ihn durch, ohne sich von Julia zu verabschieden.
„Was machen Sie jetzt mit den Kirschen?“, fragte Julia.
„Zurücklegen.“
Julia nickte. Sarah wandte sich jedoch nicht ab.
„Meine Großmutter hat früher immer welche auf dem Markt gekauft. Sie meinte, die könne man nicht planen. Wenn sie da sind, muss man sie essen. Sonst waren sie wohl nicht für einen bestimmt.“
„Klingt nach einer klugen Frau.“
„Ja.“ Sarah lächelte. „Sie hätte dieses Konto allerdings gehasst.“
Im selben Moment erschrak Sarah über ihren eigenen Satz.
„Mit so etwas sollten Sie vorsichtig sein“, sagte Julia.
Sarah wurde blass.
Julia hatte sie schützen wollen. Für sie selbst hatte das mit in dem Satz gelegen, ganz selbstverständlich. Erst an Sarahs Gesicht merkte sie, dass sie es nicht mitgesagt hatte.
„Oh, nein. So meinte ich das nicht. Nicht wegen mir.“
„Natürlich.“
Sarah hielt die Tüte fester. Julia wollte es noch einmal versuchen, aber ihr fiel nur eine längere Fassung derselben Erklärung ein.
Draußen stand inzwischen ein Quartierbus vor dem Zentrum. In der zweiten Reihe rechts saß Frau Bäumer, den Rollator im Haltebereich befestigt, die Hände im Schoß. Ein Fahrgast ging an ihrem Fenster vorbei. Sie sah kurz auf und wandte den Kopf dann wieder zum Eingang.
„Gibt es irgendeinen Weg, ihr die Kirschen noch zu geben?“, fragte Julia.
Sarah folgte ihrem Blick. „Nicht ohne Freigabe.“
„Kann ich sie kaufen?“
„Nicht hier. Das Zentrum verkauft nichts frei.“
Julia dachte nach. Sie kannte die Verfahren, auch die selten benutzten. In ihren Unterlagen standen sie für Situationen, in denen die reguläre Entscheidung zu lange dauerte.
„Beschwerdevorgriff?“
Sarah antwortete nicht. Sie sah zur Treppe.
„Wer gibt das frei?“
„Herr Lenz.“
„Dann holen Sie ihn bitte.“
„Der Bus fährt in drei Minuten.“
„Dann sollten wir uns beeilen.“
Sarah ging. Julia nahm die Broschüre von ihrer Mappe und legte sie zurück ins Regal. Draußen stieg ein letzter Fahrgast ein. Frau Bäumer sah zum Eingang des Zentrums.
Lenz kam die Treppe herunter, Sarah hinter ihm. Er sah zuerst zu Julia und dann auf die Tüte.
„Gibt es noch ein Problem?“
„Nein, nur eine Lösung. Frau Bäumer sitzt im Bus. Ich möchte, dass Frau Klee ihr die Kirschen gibt. Wir dokumentieren das im Rahmen meiner Evaluierung.“
„Dafür ist der Beschwerdevorgriff eigentlich nicht gedacht.“
„Wofür denn?“
„Für Fälle, bei denen eine spätere Genehmigung zumindest wahrscheinlich ist.“
Julia sah hinaus. „Dann machen wir sie eben wahrscheinlich.“
„Frau Dr. Reuter.“ Lenz senkte die Stimme. „Wenn ich das freigebe, muss ich bei der nächsten Prüfung dafür einstehen. Frau Klee auch. Ich brauche etwas, auf das ich mich dann berufen kann.“
Julia hatte bereits das Dienstgerät in der Hand. Sie hielt inne. Er brauchte etwas, das auch noch galt, wenn sie wieder weg war.
„Sie bekommen es schriftlich. Auf meine Anweisung, im Rahmen der Evaluierung.“
Das gelbe Licht über der Bustür begann zu blinken. Sarah ging einen Schritt zur Tür des Zentrums und blieb stehen. Draußen schlossen sich die Bustüren.
„Können wir ihn so lange aufhalten?“, fragte Julia.
„Nur bei einem medizinischen Grund oder einer Systemanweisung.“
Sie öffnete das Prüfprotokoll, wählte die laufende Evaluierung und hielt fest, dass die Ausgabe auf ihre Anweisung erfolgte. Dann setzte sie Frau Bäumers Übergabevorgang vorübergehend auf offen. Lenz las den Hinweis auf seiner Vorgangsfläche, atmete durch und nickte Sarah zu. Draußen öffnete sich die Bustür wieder.
Die junge Frau ging los. Auf dem Platz fiel sie in einen kurzen Trab. Julia sah ihr nach und rückte unwillkürlich näher an die Scheibe, obwohl sie von dort nicht mehr erkennen konnte als vorher.
Vorn im autonom fahrenden Bus saß eine Mobilitätsbegleiterin, die beim Einsteigen, Sichern und Umsteigen half. Sie blickte auf ihre Anzeige und ließ Sarah vorbei. Frau Bäumer hob den Kopf. Die junge Frau hielt ihr die Tüte hin und sagte etwas, das Julia durch die Scheibe nicht hören konnte.
Zunächst nahm Frau Bäumer die Kirschen nicht. Sie sah Sarah an und blickte dann zum Zentrum hinüber. Julia wusste nicht, ob sie sie erkannte. Schließlich griff die Frau nach der Tüte, legte sie auf ihren Schoß und öffnete sie. Eine Kirsche nahm sie heraus und hielt sie am Stiel fest.
Sarah stieg wieder aus. Als sie sich umwandte, hob Frau Bäumer die Hand mit der Kirsche. Lenz bestätigte die
Übergabe. Die Türen schlossen sich. Noch bevor der Bus anfuhr, führte Frau Bäumer die Frucht zum Mund.
Julia hätte gern gewusst, ob sie so süß war, wie sie aussah.
„Gut“, sagte Lenz neben ihr. „Ich dokumentiere es im Rahmen Ihrer Evaluierung.“
„Ja.“
„Mit temporärer Ablaufunterbrechung.“
„Ja, Herr Lenz.“
Er sah noch einmal auf seine Fläche. Julia ließ ihn. Sarah kam zurück, die Wangen gerötet, und blieb bei ihnen stehen.
„Danke“, sagte sie.
Julia sah auf ihre leeren Hände. Vorhin hatte Sarah die Tüte so fest gehalten, dass die Folie geknistert hatte.
„Gern.“
Die junge Frau lächelte. Diesmal blieb das Lächeln etwas länger. Dann sah sie zum Schalter hinüber und strich die Bluse unter ihrem Namensschild glatt.
„Ich muss wieder.“
„Ja“, sagte Lenz. „Gehen Sie ruhig.“
Sarah ging zum Schalter zurück. Julia sah ihr noch einen Augenblick nach.
Sie nahm ihre Mappe von der Ablage. „In den Bericht gehört auch, dass Frau Klee ihr die Kirschen ohne meinen Eingriff nicht hätte geben dürfen.“
Lenz nickte und machte eine Eingabe. Julia wartete, bis er fertig war.
Der Tee war inzwischen lauwarm. Sie trank einen letzten Schluck, stellte das Gefäß in die Rückgabe und ging zur Tür.
Draußen war die Luft warm. Ein Lieferroboter fuhr an ihr vorbei, langsam genug, dass sie ihm ohne Eile Platz machen konnte. Auf seinem Rücken blinkte ein blaues Licht. An der Haltestelle wurde das nächste Mobilitätsfenster in siebzehn Minuten angezeigt. Neben dem Wartehäuschen stand ein junger Zierkirschbaum, gestützt von zwei Pfählen. Er trug keine Früchte. Julia blieb darunter stehen, obwohl sein Schatten kaum für ihre Schultern reichte.
Ihr Dienstgerät vibrierte. Martin hatte geschrieben.
Wie läuft Leipzig?
Sie tippte „Stabil“. Das Wort stand einen Augenblick im Nachrichtenfeld. Dann löschte sie es. Hinter ihr schloss sich die Tür des Zentrums. Julia sah noch auf das leere Feld, bevor sie das Gerät einsteckte.
THOMAS:
Julia und ich kannten uns damals noch nicht. Das ist vielleicht wichtig zu wissen, bevor ich mich hier einfach in ihre Geschichte einmische.
Später erzählte sie mir oft von diesem Vormittag. Von den Kennzahlen und Berichten war dann kaum die Rede. Aber an Frau Bäumers Blick erinnerte sie sich und an Sarahs Hände um die kleine Tüte.
Ich habe sie einmal gefragt, ob die Kirschen wirklich der Anfang gewesen seien.
Sie dachte eine Weile darüber nach.
»Nein«, sagte sie schließlich. »Aber wahrscheinlich war es der Augenblick, in dem ich zum ersten Mal gemerkt habe, dass mir etwas fehlt.«
Damals wusste sie noch nicht, was. Und ganz bestimmt wusste sie nicht, dass sie schon am nächsten Tag einem Mann begegnen würde, der ihr irgendwann ziemlich wichtig werden sollte.
Den letzten Satz hätte sie an dieser Stelle vermutlich gestrichen.
Aber zum Glück erzähle ich diese Geschichte mit.
Kapitel 2
Alles im Rahmen
Der Wagen wartete am Rand des Platzes, als hätte er Julia schon gesehen, bevor sie selbst wusste, dass sie gehen wollte. Er war silbergrau, niedrig, ohne Lenkrad und ohne Armaturenbrett im alten Sinn. Vier Sitze standen einander leicht zugewandt, dazwischen eine helle Ablagefläche ohne Knöpfe oder Hebel.
Julia stieg ein und stellte die Mappe neben sich. Die Tür glitt hinter ihr zu. Mit dem Lärm des Platzes verschwand auch das Gefühl, von irgendwoher noch angesprochen werden zu können. Sie saß einen Augenblick ganz still. In der Stille setzte die Lüftung ein, so leise, dass man sie eher auf der Haut spürte als hörte.
„Ziel?“, fragte die Stimme des Fahrzeugs.
„ANZIOM Civitas. Regionalforum Leipzig.“
„Bestätigt. Fahrzeit: zweiundzwanzig Minuten. Auf der schnellsten Route liegt eine leichte Verzögerung im Bereich Kurt-Eisner-Straße. Soll ich eine ruhigere Strecke wählen?“
„Die schnellste.“
„Bestätigt.“
Der Wagen widersprach nicht. Das war eine seiner angenehmeren Eigenschaften. Er setzte sich in Bewegung, weich und ohne jenen kleinen Ruck, an dem Julia früher erkannt hatte, ob jemand ungeduldig fuhr.
Das Versorgungszentrum glitt zurück, dann der Platz, der junge Kirschbaum und die Haltestelle. Einen Augenblick
glaubte sie, den Quartierbus noch am Ende der Straße zu sehen. Es war nur ein Lieferfahrzeug mit demselben gelben Lichtband.
Sie hätte Martin antworten sollen. Seine Nachricht wartete noch immer auf ihrem Dienstgerät.
Wie läuft Leipzig?
Martin stellte selten offene Fragen. Selbst seine Fürsorge hatte die Form einer Lageabfrage. Früher hatte Julia das gemocht. Wenn beide mit Krisen, Zahlen und Akten lebten, konnte Nüchternheit wie Zärtlichkeit wirken. Fragte er, wo sie sei, hatte er manchmal nur wissen wollen, wie lange es dauerte, bis sie nach Hause kam.
Bei solchen Anrufen hatte sie gelegentlich Geschirr im Hintergrund gehört. Hast du schon gegessen? Noch nicht, hatte er gesagt. Sie hatte ihm eine Fahrzeit genannt. Auf dem Heimweg war ihr dann eingefallen, dass sie ihn gar nicht gefragt hatte, was es gab. Meistens hatte er etwas gekocht, das sie mochte.
Auf dem Display stand noch immer seine Frage.
Seit drei Jahren wohnten sie getrennt, ohne ihre Ehe zu beenden. Auch das hatten sie eher organisiert als entschieden. Es gab keinen einzelnen Abend, auf den Julia hätte zeigen können. Irgendwann war es selbstverständlich geworden, dass jeder nach einem langen Tag in eine andere Wohnung zurückkehrte. Sie wussten noch immer erstaunlich genau, wo der andere sich aufhielt.
Sie hätte ihm gern erzählt, wie Frau Bäumer im Bus die erste Kirsche gegessen hatte. Früher hatte sie ihn auch angerufen, wenn sie selbst noch nicht recht wusste, was sie eigentlich sagen wollte.
Julia öffnete seinen Kontakt. Einen Moment lang ließ sie den Finger über dem Anrufsymbol stehen. Er würde fragen, was geschehen sei, und sie würde mit dem Zusatzrahmen anfangen, mit der Marmelade und den zwölf Monaten. Schon hatte sie den Vorgang im Kopf geordnet. Das Bild der Frau mit der Kirsche passte ans Ende, dorthin, wo ein Bericht seine Lösung bekam.
Sie wollte aber mit dieser Hand beginnen, die sich hinter der Scheibe gehoben hatte. Mit einer Kirsche zwischen zwei Fingern. Julia suchte nach einem ersten Satz und wechselte zurück zur Nachricht.
„Nachricht an Martin Reuter“, sagte sie.
„Bereit.“
Julia sah auf ihre Hände. Sie lagen ruhig auf der Ablagefläche.
„Leipzig läuft planmäßig. Sitzung im Regionalforum. Später mehr.“
„Senden?“
„Senden.“
Ein weicher Ton bestätigte den Versand. Sie legte das Gerät neben die Mappe.
Der Wagen bog in eine breitere Straße ein. Alte Gründerzeithäuser wechselten sich mit neuen Versorgungsbauten ab. Dazwischen lagen Lieferbuchten, Ladepunkte, Mobilitätsinseln und Türen, die sich öffneten, bevor jemand davorstand. Vieles an dieser Stadt wirkte inzwischen, als habe eine unsichtbare Hand beschlossen, Reibung sei ein Fehler.
Vor einem Mobilitätspunkt wartete ein Vater mit zwei Einkaufstaschen unter einem schmalen Dach. Neben ihm
stand ein Junge mit einem kleinen Rucksack. Über ihnen zeigte ein Lichtband die verfügbaren Plätze der nächsten Fahrten: Grün bedeutete frei, Gelb prüfbar, Rot verschoben. Im Augenblick stand das Feld über ihrer Verbindung auf Gelb, am Rand bereits rötlich, als wisse die Entscheidung selbst noch nicht, wohin sie gehörte.
Der Vater erklärte dem Jungen etwas. Julia konnte nicht hören, was er sagte. Der Junge trat mit der Schuhspitze gegen den Bordstein. Sein Vater sah von ihm zur Anzeige und wieder zurück.
Als der Wagen weiterfuhr, standen die beiden noch immer unter dem gelben Lichtband. Julia blickte auf den freien Sitz gegenüber. Ihr Wagen war für vier Menschen eingerichtet. Sie fuhr fast immer allein.
Sie hatte ANZIOM lange verteidigt. Als Kommunen den Übergang kaum noch bewältigten, hatte der Konzern Versorgung, Mobilität und Infrastruktur stabilisiert. Kritiker konnten sich empören und danach gehen. Julia musste wissen, was am nächsten Morgen noch funktionierte. Das war weiterhin richtig. Sie hatte nur heute Morgen gesehen, wie wenig dieser richtige Satz Sarah am Schalter geholfen hätte.
An einer Hauswand erschien ein großes Display. Eine Familie saß an einem Küchentisch: vier Teller, eine dampfende Schüssel, ein älterer Mann, der einem Kind etwas auf einer Folienfläche zeigte. Darunter stand:
Bürgerkonto. Weil Sicherheit Freiheit braucht.
Julia wandte den Blick nicht sofort ab. Sie dachte an Frau Bäumer. An ihre Hände auf dem Rollator und den Blick auf die Kirschen.
„Außenanzeigen dimmen“, sagte sie.
„Bestätigt.“
Die Werbung verlor ihre Schärfe. Julia lehnte den Kopf zurück. Die restliche Fahrt ließ sie sich durch die Stadt bringen, ohne auf die Anzeigen zu achten.
Das Regionalforum Leipzig befand sich in einem früheren Messegebäude am Rand der Innenstadt. Als der Wagen hielt, nahm Julia ihre Mappe und das Dienstgerät und stieg aus. Erste Regentropfen hinterließen dunkle Punkte auf den breiten Stufen. Sie ging etwas schneller zum Eingang.
Die hohen Glasflächen waren geblieben, die Schilder hatten sich geändert. Über der Tür hing das Zeichen von ANZIOM Civitas: ein offenes Quadrat, darin ein Punkt. Unter dem Namen stand in kleiner Schrift: Allgemeines Netzwerk für Zuteilung, Infrastruktur, Organisation und Mobilität.
Am Eingang erkannte Julia die Kamera, bevor diese ihr Gesicht erfasste. Ein kurzer Lichtimpuls wanderte über die seitliche Säule.
„Dr. Julia Reuter“, sagte die Empfangsstimme. „Willkommen im Regionalforum Leipzig. Sitzungssaal drei. Ihre Ankunft wurde übermittelt.“
Die Tür öffnete sich in eine kühle Halle. Schalter gab es nicht mehr. Zwischen runden Inseln bewegten sich Empfangsassistenzen, begrüßten Menschen, wiesen Wege oder blieben bei jemandem stehen, der offensichtlich mehr als eine Richtungsangabe brauchte. Manche waren Menschen, andere nicht. Meist fiel es erst auf, wenn man länger hinsah.
Eine junge Frau begleitete einen älteren Besucher zum Aufzug. Sie ging neben ihm, passte ihr Tempo an und wandte
ihm beim Sprechen den Kopf zu. Erst als der Mann plötzlich stehen blieb, verriet sie sich. Ihr Körper hielt mitten in der Bewegung inne, ohne das Gewicht noch einmal zu verlagern, ohne jenen winzigen Ausgleich, den ein Mensch fast unwillkürlich gemacht hätte. Einen Augenblick später lächelte sie und wartete, bis der Mann weiterging.
Niemand musste eine Nummer ziehen. Das System wusste bereits, wer wohin gehörte. Wenn es das nicht wusste, stellte es Fragen, bis aus einem Menschen ein Vorgang geworden war.
Ein junger Mann in hellbraunem Anzug trat zu ihr. „Frau Dr. Reuter? Herr Valters erwartet Sie bereits.“
„Das nehme ich an.“
„Ich bringe Sie gern hinauf.“
„Ich kenne den Weg.“
Sein Lächeln blieb, wurde aber ein wenig kleiner. „Natürlich.“
Trotzdem ging er an ihrer Seite. Julia nahm es hin. In Häusern wie diesem war Begleitung eine Höflichkeit, die sich kaum von Kontrolle unterscheiden ließ. Sie hatte selbst oft genug jemanden gebeten, einen Besucher abzuholen. Dabei hatte sie an einen freundlichen Empfang gedacht, gelegentlich auch daran, dass er unterwegs niemandem begegnete, mit dem er vor der Sitzung noch etwas besprechen wollte.
Der gläserne Aufzug brachte sie in den dritten Stock. Unter ihnen wurde die Halle kleiner und übersichtlicher, bis Menschen und Empfangsinseln beinahe wie Bestandteile eines Modells wirkten. Im Gang dämpften helle Holzflächen die Schritte. Am Ende stand eine Tür offen.
„Sitzungssaal drei.“
„Danke.“
Julia trat ein.
Die Fensterfront zeigte Leipzig in einem klaren Vormittagslicht. Nur lag Leipzig von hier aus eigentlich in der anderen Richtung.
Sie blieb einen Augenblick stehen. Das Glas hatte die tatsächliche Aussicht gegen eine ruhigere Perspektive über die Stadt ausgetauscht. Am Horizont lag warmes Licht, zwischen den Gebäuden schimmerten Grünflächen, und selbst die Wolken hatten offenbar beschlossen, heute keinen Anlass zur Sorge zu geben. Julia strich mit zwei Fingern über die Tischkante.
Das Bild verschwand.
Draußen regnete es.
Das war ihr lieber.
Der Raum war größer, als er für diese Runde hätte sein müssen. Ein ovaler Tisch stand vor der breiten Fensterfront, gegenüber eine Wand, auf der Daten erscheinen konnten, ohne wie Daten auszusehen. ANZIOM Civitas zeigte Zahlen gern als Landschaften: sanfte Flächen, Bewegungen, Übergänge. Harte Balken und steile Kurven hatten etwas Anklagendes. Landschaften luden dazu ein, Steuerung für Natur zu halten.
Gregor Valters stand am Fenster. Sein dunkelgrüner Anzug hätte an einem anderen Mann beinahe freundlich gewirkt. Bei Valters wirkte selbst Freundlichkeit wie etwas, das zuvor auf seine Folgen geprüft worden war. Er nahm Räume durch sein Schweigen ein.
„Frau Reuter“, sagte er und wandte sich um. „Danke, dass Sie direkt aus dem Zentrum gekommen sind.“
„Sie haben den Termin so gelegt.“
„Ja.“
„Dann müssen Sie sich nicht bedanken.“
Seine Mundwinkel bewegten sich. „Ich tue es trotzdem.“
Er reichte ihr die Hand. Warm, kurz, genau dosiert. Julia erwiderte den Händedruck und fragte sich, weshalb sie ausgerechnet über seine Begrüßung hatte streiten müssen.
Am Tisch saßen bereits fünf Personen. Helene Maschke hatte Julia sofort gesehen, hob aber nur kurz die Hand. Julia freute sich, sie zu sehen. Nach dem Vormittag hätte sie gern ein paar Minuten mit ihr gesprochen, bevor sie sich setzte. Helene kannte die Arbeit, die hinter den freundlichen Broschüren lag, und auch die Stellen, an denen sie beide damals nicht weitergekommen waren.
Vor Jahren hatten sie gemeinsam an der Frage gearbeitet, was aus einer Gesellschaft wurde, wenn Erwerbsarbeit nicht mehr ihr verlässliches Zentrum war. Damals hatten sie noch geglaubt, für die Antwort etwas mehr Zeit zu haben.
Neben Helene saß Ramon Seidel vom Wirtschaftsrat. Er hatte bereits ein Getränk vor sich und betrachtete die leere Wand mit dem Misstrauen eines Mannes, der wusste, dass dort gleich etwas erscheinen würde, das Geld kostete.
Vera Noll lächelte Julia zu. Sie war Ärztin gewesen, bevor sie in die Steuerung wechselte, und gehörte zu den wenigen Menschen in solchen Runden, die bei einer Statistik über Rückenbeschwerden gelegentlich noch an einen Rücken dachten.
Die beiden anderen kannte Julia nicht. Sie erwiderte ihre Begrüßung und setzte sich. Die Mappe legte sie rechts vor sich auf den Tisch. Als ihre freie Hand die matte Oberfläche berührte, erschienen ihr Name und die Tagesordnung.
Sie überflog die Punkte und blieb beim dritten hängen.
Morgental / Informationsrisiko
Julia hob den Blick. Valters hatte sich noch nicht gesetzt.
„Wir beginnen pünktlich“, sagte er. „In instabilen Zeiten ist das eine kleine Form von Anstand.“
Seidel lachte kurz. Helene griff nach ihrem Stift.
Julia sah wieder auf den Namen. Morgental. Sie kannte ihn. Nicht gut genug, um ein Bild damit zu verbinden, aber gut genug, um zu wissen, dass er in Unterlagen erstaunlich häufig am Rand auftauchte und erstaunlich selten in der Mitte. Nun stand er dort.
Auf ihrer Tischfläche erschien für einen Moment eine zusätzliche Zeile.
Interne Vorprüfung Morgental / Veyr
Veyr war kein Amt. Trotzdem genügte der Name, damit an mehreren Stellen gleichzeitig Menschen anfingen, genauer hinzusehen.
Dann verschwand die Zeile. Julia blickte zu Valters. Er wusste vermutlich, dass sie sie gesehen hatte. Keiner von beiden sagte etwas.
Die Wand hinter ihm wurde hell. Eine Ministeriumsvorlage erschien, und Julia erkannte die Schrift, bevor sie den Titel gelesen hatte.
Grundversorgung und produktive Rückbindung in automatisierten Gesellschaften Arbeitsfassung 3.2
Reuter / Maschke / Arbeitsgruppe „Sozialstaat 2040“
Etwas in Julia wurde still. Sie hatte nicht damit gerechnet, diese Fassung noch einmal in einer Sitzung zu sehen. Schon gar nicht hier und in einer Größe, die es unmöglich machte, für einen Augenblick an etwas anderes zu denken.
Helene hatte damals gegen den Titel protestiert. Wer solle nach solchen Worten noch Lust haben, die nächste Seite zu lesen? Julia hatte ihn trotzdem verteidigt. Er musste durch mehrere Häuser, durch Fachreferate und Abstimmungsrunden; sie wollte, dass man ihn ernst nahm. Später hatten sie sich darüber gestritten, welche Sätze sie vereinfachen konnten, ohne dass jemand behauptete, sie hätten die Schwierigkeiten nicht verstanden. Es war ein Streit gewesen, nach dem beide weiterarbeiten wollten.
Hinter dem sperrigen Titel hatte eine ziemlich einfache Frage gestanden: Wenn Maschinen immer mehr von dem übernahmen, womit Menschen bisher ihr Geld verdienten – wem sollte dann gehören, was diese Maschinen zusätzlich erwirtschafteten?
Julia und Helene hatten vorgeschlagen, einen Teil davon direkt an die Menschen zurückzugeben. Als ihren Anteil an einem Wohlstand, dessen Grundlagen die Gesellschaft gemeinsam geschaffen hatte.
Der Gedanke hatte es nicht weit geschafft. Zu teuer. Zu schwer erklärbar. Zu riskant. Irgendwann war der entsprechende Absatz aus der Arbeitsfassung verschwunden. Danach hatten andere Fragen auf dem Tisch gelegen,
dringende Fragen, und Julia hatte weitergearbeitet. Sie wusste noch immer, wo der Absatz gestanden hatte.
„Woher haben Sie das?“
„Aus dem Archiv.“
„Das war kein ANZIOM-Papier.“
„Nein. Aber ANZIOM hat später große Teile der beschlossenen Infrastruktur umgesetzt.“
„Der gekürzten Infrastruktur.“
„Der beschlossenen.“
Julia wandte den Kopf zu ihm. „Das ist nicht dasselbe.“
„Politisch schon.“
Sie musste beinahe lachen. So ruhig, wie er das sagte. Sie hatten Monate damit verbracht, den Gedanken durch die Gremien zu bringen, und nun saß sie hier und bestand auf einer Unterscheidung, die an den damaligen Beschlüssen nichts mehr änderte. Trotzdem wollte sie nicht, dass er die beiden Wörter einfach gegeneinander austauschte.
An der Wand wurde eine Passage markiert. Julia kannte den Rhythmus. Es war einer ihrer Sätze.
Wenn Erwerbsarbeit als Hauptkanal gesellschaftlicher Teilhabe schrumpft, darf Versorgung nicht allein als gesteuerte Bedürfnisverwaltung organisiert werden. Ein Teil automatisierter Produktivität ist als gemeinsame Dividende zu denken, da ihre Voraussetzungen aus der gesamten Gesellschaft hervorgehen.
Niemand sprach.
Julia las die Zeilen, als stammten sie von einer jüngeren Frau, die ihr ähnlich sah und noch nicht wusste, welche Sätze später aus ihren Papieren verschwinden würden. Sie
erinnerte sich an deren Gewissheit. Man musste es nur gründlich genug erklären, die Einwände ernst nehmen, die nächste Fassung besser machen. Bei der Erinnerung daran wurde ihr zugleich warm und unbehaglich. Sie hätte diese Frau gern gegen einen spöttischen Blick verteidigt, obwohl im Raum niemand gelächelt hatte.
Helene sah auf die Tischfläche.
„Du wusstest, dass er das zeigen würde“, sagte Julia.
Helene hob den Blick. „Ja.“
Julia wartete. Auf einen Zusatz, ein kurzes Zeichen, dass Helene verstand, wie es war, die eigenen aufgegebenen Sätze vor anderen wiederzufinden. Eine Nachricht am Morgen hätte genügt. Sie hätte dann wenigstens gewusst, worauf sie sich einstellen musste.
Mehr kam nicht.
Julia wandte sich wieder Valters zu. „Wozu brauchen Sie heute dieses Papier?“
Er ließ neben dem alten Text eine Karte erscheinen.
„Morgental.“
Das Tal lag zunächst nur als topografische Fläche vor ihnen. Dann erschienen Siedlungen, Energieverbünde, Verkehrswege und einige Bereiche, deren Darstellung blass blieb.
„Dort erhält jeder Einwohner einen freien Anteil an regionalen Erträgen. Ohne Bedürftigkeitsprüfung und ohne Nachweis, wofür er verwendet wird. Man nennt ihn Morgenanteil.“
Julia sah von der Karte zu ihrem alten Satz.
„Wie lange schon?“
„Lange genug, dass wir nicht mehr von einem kurzfristigen Versuch sprechen können.“
„Und es funktioniert?“
Valters ließ sich einen Moment Zeit. „Das ist Teil des Problems.“
Julia sah ihn an. Seidel bewegte sich auf seinem Stuhl.
Valters ergänzte: „Wirtschaftlich bislang erstaunlich gut.“
Jetzt musste Julia tatsächlich beinahe lächeln. „Eine erfolgreiche Region ist Ihr Problem?“
„Eine erfolgreiche Ausnahme kann politisch interessanter werden als eine erfolglose.“
Das wiederum verstand sie. Sie hatte genug Sitzungen erlebt, in denen ein Beispiel lästiger gewesen war als jede Forderung. Trotzdem blieb sie an dem Wort erfolgreich hängen. Sie hätte sich die Zahlen zeigen lassen können, die Berechnungen, die Vergleichszeiträume. Normalerweise hätte sie längst danach gefragt. Einen Augenblick lang wollte sie nur hören, dass es stimmte.
Vera Noll beugte sich vor. „Und bevor wir nur über Geld reden: Die Gesundheitsdaten sind ebenfalls gut. Hartnäckig gut.“
„Mehr Personal?“, fragte Seidel.
„Nicht eindeutig. Viel Automatisierung, viel Assistenz. Trotzdem mehr persönliche Kontakte.“
Vera ließ einige Werte auf der Wand erscheinen und schob sie gleich wieder zur Seite.
„Das Interessante steht ohnehin nicht darin. In mehreren Quartieren sehen wir dasselbe Muster: Menschen sind medizinisch versorgt, ihre Werte bleiben lange unauffällig,
und trotzdem wird ihr Leben immer kleiner. Sie gehen seltener hinaus, treffen weniger Menschen, irgendwann warten sie eigentlich nur noch darauf, dass wieder etwas von ihnen verlangt wird.“
Julia dachte an den Jungen unter dem gelben Lichtband. „Und in Morgental?“
„Dort scheint früher aufzufallen, wenn jemand anfängt, aus seinem eigenen Leben zu verschwinden.“
„Woran?“
Vera überlegte. „An Dingen, für die wir kaum Datenfelder haben. Jemand kommt plötzlich wieder regelmäßig zum Frühstück. Eine Frau übernimmt zweimal in der Woche den Garten einer Nachbarin, obwohl sie Pflanzen früher nach eigener Aussage hauptsächlich durch Vernachlässigung getötet hat. Zwei Männer bauen seit Monaten an einem alten Segler und sind sich über fast nichts einig.“
Um Veras Mund erschien ein kleines Lächeln.
„Medizinisch ist das alles ziemlich uninteressant.“
„Und trotzdem werden die Menschen gesünder.“
„Nicht alle. Und wir wissen noch nicht einmal sicher, was Ursache und was Folge ist.“ Vera sah auf die verschwundenen Werte. „Aber sie haben wieder etwas vor.“
Julia hätte gern mehr von den beiden Männern gehört. Ob einer von ihnen überhaupt segeln konnte. Ob sie am nächsten Morgen trotzdem wieder gemeinsam vor dem Boot standen, wenn sie am Abend zuvor im Streit auseinandergegangen waren. Sie stellte sich einen von ihnen vor, der schon das Werkzeug auslegte, während er noch über den anderen schimpfte. Und dann kam der andere doch.
Julia dachte an Frau Bäumer. Nicht an ihre Medikamente oder an die Versorgung, die funktioniert hatte. An die Kirschen. Morgental lag noch immer als Karte vor ihnen, aber es fiel ihr jetzt schwerer, nur Verkehrswege und Energieverbünde darin zu sehen.
„Ich würde gern mit den Menschen sprechen, die dort arbeiten.“
Valters sah sie an. „Dazu kommen wir noch.“
Seidel zog seinen Stuhl etwas näher an den Tisch. „Genau da sollten wir vorsichtig werden. Es geht nicht nur darum, Menschen wieder etwas vorhaben zu lassen. Wenn Sie ihnen sagen, Arbeit sei nicht mehr der Boden von allem, nehmen Sie ihnen möglicherweise auch etwas.“
Julia wandte sich ihm zu.
„Mein Großvater hatte einen Betrieb“, sagte Seidel. „Mein Vater hat ihn übernommen. Morgens wurde aufgeschlossen, abends zugemacht. Mein Vater konnte Ihnen an jedem einzelnen Tag sagen, wofür er gebraucht wurde.“
Seine Hand lag auf der Tischkante. Zum ersten Mal an diesem Vormittag sah Julia in ihm nicht den Vertreter eines Wirtschaftsrats. Sie hatte auf einen Einwand gegen die Finanzierung gewartet. Nun erzählte er von seinem Vater.
„Das fehlt vielen“, sagte Seidel.
„Ich weiß.“
Sie wusste auch, dass sie selbst auf die Frage nach ihrem Leben fast immer mit ihrer Arbeit geantwortet hatte. Noch heute Morgen hätte sie aufzählen können, wer auf sie wartete, welche Entscheidung sie brauchte und wann der nächste Termin begann. Bei der Frage, worauf sie sich freute, hätte sie länger überlegen müssen.
„Dann sollten wir vorsichtig sein mit dem, was wir hier wieder hervorholen.“
Julia sah zur Wand. „Ich habe es nicht hervorgeholt.“
Seidel folgte ihrem Blick auf ihren alten Satz und schwieg.
Valters wartete, bis Julia ihn wieder ansah.
„Sie bringen die Szene aus dem Versorgungszentrum mit.“
„Natürlich.“
„Kirschen.“
„Frau Bäumer.“ Julia hörte selbst, wie scharf ihre Stimme geworden war. „Sie heißt Bäumer.“
Valters nickte. „Frau Bäumer.“
Er ließ ihr den Namen. Julia lehnte sich zurück und legte die Hände auf ihre Mappe.
„Was wollen Sie von mir?“
„Zunächst, dass Sie verstehen, weshalb wir Morgental prüfen.“
„Weil es funktioniert?“
„Weil wir nicht wissen, was geschieht, wenn andere verlangen, was dort funktioniert.“
Da war er.
Nicht Morgental war das Problem.
Die Möglichkeit, dass jemand hinsah und anschließend eine Frage stellte.
Julia betrachtete die Karte. „Die ersten politischen Anfragen gibt es bereits.“
„Ja.“
„Und Sie möchten wissen, wie gefährlich die Idee werden kann.“
Valters strich mit dem Daumen über den Rand seines Zeigefingers. Dann hörte die Bewegung auf. „Ich war während des zweiten Winternotstands in Halle.“
Die Karte blieb zwischen ihnen stehen.
„Drei Tage lang wusste niemand sicher, ob die nächste Insulinlieferung rechtzeitig durchkam. Am dritten Tag standen private Sicherheitsdienste vor den Versorgungsdepots. Nicht weil irgendjemand beschlossen hatte, die Ordnung aufzugeben. Sondern weil zu viele Dinge gleichzeitig nicht mehr zuverlässig ineinandergriffen.“
Er sah Julia an.
„Wer eine bestehende Ordnung öffnet, sollte deshalb sehr genau wissen, was danach trägt.“
Der Satz klang bei ihm nicht wie eine Drohung. Eher wie etwas, das er einmal gesehen hatte und nicht noch einmal sehen wollte. Julia unterschätzte solche Erinnerungen nicht. Auch sie hatte Entscheidungen verteidigt, weil die Alternative bedeutet hätte, dass am nächsten Tag etwas fehlte, auf das Menschen angewiesen waren. Es ärgerte sie, wie viel sie davon verstand. Sie wollte ihm widersprechen, ohne so tun zu müssen, als wären seine Gründe erfunden.
Julia sah zu ihrem alten Satz an der Wand. Sie erinnerte sich an die Abende mit Helene, an einen Einwand, über den sie sich geärgert und am nächsten Morgen weiter nachgedacht hatte. Damals hatte sie zur nächsten Besprechung gewollt. Nicht nur, weil sie dort erwartet wurde.
„Es macht doch einen Unterschied, ob ich von morgen etwas erwarte oder mich nur davor fürchte“, sagte sie. „Wenn wir überall die Wiederholung alter Fehler vermuten, halten wir irgendwann auch an dem fest, was uns längst nicht mehr
genügt. Wir müssen aus der Vergangenheit lernen können und trotzdem etwas vor uns haben, auf das wir uns freuen.“
Valters sah sie einen Augenblick an. „Und woran erkennen Sie, ob diese Freude berechtigt ist?“
Julia wollte antworten und hielt inne. Sie hatte die Zahlen nicht geprüft. Sie wusste nichts über die Menschen, die in diesem Tal die Entscheidungen trafen. Bis vor wenigen Minuten hatte sie kaum mehr als seinen Namen gekannt.
„Das weiß ich noch nicht.“
Es fiel ihr schwerer, das zu sagen, als sie erwartet hatte. Ihr eigener Satz stand hinter ihm, als hätte sie schon Partei ergriffen. Sie blickte wieder auf die Karte.
„Deshalb will ich mir Morgental ansehen.“
Helene legte ihren Stift auf den Tisch. Valters antwortete nicht sofort.
Julia bemerkte es. „Was?“
„Damit beschäftigen Sie sich nicht.“
Sie glaubte zunächst, ihn falsch verstanden zu haben.
„Wie bitte?“
„Bis zum Abschluss der Vorprüfung soll kein Kontakt aufgenommen werden.“
Julia sah zu Helene.
„Das gilt auch für dich“, sagte Helene.
Bei diesem du blieb Julia hängen. Du, bleib noch kurz. Mit solchen Worten hatte Helene sie früher nach Sitzungen zurückgehalten, wenn sie etwas nicht vor der ganzen Runde besprechen wollte. Manchmal hatten sie dann länger geredet als zuvor am Tisch und waren auf dem Weg zum Aufzug immer noch nicht fertig gewesen.
Julia hatte zu ihr gesehen, weil sie auf ein solches Zeichen gewartet hatte. Auf dem Tisch lag der Stift, den Helene eben aus der Hand gelegt hatte. Helene sagte nichts weiter.
Julia wandte sich wieder Valters zu. „Sie holen meine alte Arbeitsfassung aus dem Archiv, erklären mir, dass eine Region möglicherweise genau diesen Gedanken verwirklicht hat, und anschließend soll ich nicht hinsehen.“
„Gerade deshalb.“
„Das müssen Sie mir erklären.“
Valters legte die Hände flach auf den Tisch. „Sie sind nicht unabhängig.“
Der Satz traf sie härter, als er vermutlich sollte. „Weil ich dieses Papier mitgeschrieben habe?“
„Weil Morgental Ihnen etwas zurückgeben könnte, das Sie einmal für richtig hielten und später aufgeben mussten.“
Julia schwieg. Sie hatte sofort widersprechen wollen. Bis vor wenigen Minuten hätte sie behauptet, es gehe ihr um eine fachliche Prüfung. Jetzt stellte sie sich vor, dass dort Menschen längst taten, was sie vor Jahren nur aufgeschrieben hatte. Sie wollte sich zu ihnen an einen Tisch setzen und fragen, wie sie es geschafft hatten. Sie hätte ihnen wohl auch erzählt, dass sie einmal an etwas Ähnlichem gearbeitet hatte. Noch bevor sie wusste, wie diese Menschen auf sie reagieren würden, wünschte sie sich, dass sie nachfragten.
Valters saß da und wartete auf ihre Antwort. Julia sah wieder zu ihrem Satz an der Wand.
„Sie halten mich für beeinflussbar.“
„Ich halte Sie für einen Menschen.“
Valters hielt ihrem Blick stand. „Wenn Sie dorthin fahren, sind Sie keine neutrale Prüferin. Für Morgental wären Sie mehr als eine Besucherin. Sie wären eine Bestätigung.“
„Und für ANZIOM?“
„Ein Risiko.“
Jetzt lächelte Julia tatsächlich, allerdings ohne Freude. „Immerhin ist das ehrlich.“
Sie sah zu Helene. „War das mit dir abgestimmt?“
„Dass du vorerst keinen Kontakt aufnimmst, ja.“
Julia sah noch einmal auf die beiden Namen an der Wand. Reuter / Maschke. Sie hätte gern mit Helene allein gesprochen. Gefragt, warum sie ihr nichts gesagt hatte und ob sie wirklich glaubte, Julia würde nach Morgental fahren und dort jeden freundlichen Menschen für einen Beweis halten. Zugleich wollte sie nicht um dieses Gespräch bitten müssen. Jedenfalls nicht hier, während Valters neben ihnen saß.
„Und wer prüft Morgental?“
„Die zuständigen Stellen.“
„Und ANZIOM.“
Helene zögerte. „Auch ANZIOM.“
Julia stand auf. Die anderen blieben sitzen.
„Sie zeigen mir vor allen Leuten, was ich damals nicht durchbekommen habe, und jetzt soll ich Ihnen die Gründe dafür noch einmal aufschreiben.“
„Wir brauchen Ihre Einordnung“, sagte Valters.
„Die bekommen Sie. Historisch.“
„Mehr verlange ich nicht.“
Julia nahm ihre Mappe. „Doch.“
Valters sah sie an.
„Sie verlangen, dass ich nicht hinsehe.“
„Ich verlange, dass Sie warten.“
Julia ging zur Tür und blieb dort noch einmal stehen. „Wie lange?“
„Bis die Vorprüfung abgeschlossen ist.“
„Wann ist das?“
Valters antwortete nicht.
Julia sah noch einmal zur Wand. Ihr alter Satz stand dort weiterhin, hell vor dem dunkleren Hintergrund. Sie hatte ihn nach den damaligen Beratungen in einen Ordner gelegt und war mit der nächsten Aufgabe weitergegangen. Nun lag irgendwo hinter den Linien dieser Karte ein Ort, an dem er vielleicht längst zum Alltag gehörte. Sie wollte wissen, wie dieser Alltag aussah. Der Wunsch war auch dann noch da, als sie zu Helene hinübersah.
Dann öffnete sie die Tür.
Als sie das Regionalforum betreten hatte, war Morgental kaum mehr als ein Name für sie gewesen. Jetzt sollte sie ausgerechnet dort nicht hin.
Es war erstaunlich, wie viel interessanter ein Ort dadurch werden konnte.
Auf dem Gang roch es nach Holz, Kaffee und einem Reinigungsmittel, das teuer genug war, um nicht nach Reinigung zu riechen. Der junge Mann im hellbraunen Anzug wartete bereits.
„Darf ich Sie zum Ausgang begleiten?“
„Nein.“
Sein Lächeln saß sofort wieder an der richtigen Stelle. „Natürlich.“
Julia ging allein zum Aufzug. Sie wartete einen Augenblick, bevor sie einstieg, und hörte hinter sich die Tür des Sitzungssaals. Niemand kam ihr nach.
Erst als sich die Aufzugtüren geschlossen hatten, vibrierte ihr Dienstgerät. Kein Absender. Keine Kennung. Kein Betreff.
Nur ein kurzer Text:
Sie haben die Kirschen gesehen. Dann sehen Sie jetzt auch den Rest.
Nicht das System. Die Menschen.
Darunter standen eine Koordinate und ein Zeitpunkt.
Morgen, 6:10 Uhr.
Julia las die Nachricht ein zweites Mal. Jemand wusste von den Kirschen. Sie dachte an die Halle des Versorgungszentrums, an die Wartenden, an Sarah. Sie wusste nicht, wer von ihnen etwas erzählt haben könnte oder ob die Nachricht auf einem ganz anderen Weg entstanden war.
Eigentlich hätte sie zuerst herausfinden müssen, wer ihr schrieb. Stattdessen las sie die Zahlen noch einmal, langsam, damit sie sie behielt. In der spiegelnden Fläche neben der Tür sah sie sich mit dem Gerät in der Hand stehen. Ausgerechnet jetzt, wenige Minuten nachdem man ihr gesagt hatte, sie sei nicht unabhängig.
Sie wusste nicht, was sie an diesem Ort erwartete und weshalb ausgerechnet sie dort erscheinen sollte. Es konnte jemand sein, der ebenso genau wie Valters wusste, wie er sie erreichen konnte. Trotzdem fühlte sich die Nachricht anders
an als die Termine auf ihrer Tagesordnung. Jemand wollte ihr etwas zeigen. Sie sollte kommen und selbst hinsehen.
Eine Einladung. Das hätte sie beunruhigen sollen.
Tat es auch.
Nur nicht genug.
Der Aufzug hielt im Erdgeschoss. Als sich die Türen öffneten, löschte sich die Nachricht von selbst. Julia blieb noch einen Moment vor dem leeren Feld stehen, dann trat sie hinaus.
Durch die hohe Glasfront fiel Tageslicht in die Halle. Draußen bewegten sich Menschen über den Platz, manche mit Taschen, andere nur mit einer Tasse in der Hand. Ein Kind lief hinter einem kleinen Transportmodul her, das immer wieder langsamer wurde, als wolle es sich fangen lassen.
Julia sah ihm zu. Als das Kind stehen blieb, hielt auch das Modul an. Sobald es wieder loslief, setzte sich das Modul ebenfalls in Bewegung.
Sie hatte noch nicht entschieden, ob sie hingehen würde. Aber als sie über den Platz ging, wiederholte sie in Gedanken die Zahlen der Koordinate.
Die Geschichte geht weiter
Wohin führt Julias nächster Morgen?
Morgental ist in Vorbereitung. Mehr über das Buch:
© 2026 Peter Dasch · Mehr Licht Verlag