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Leseprobe · Kapitel 1 und 2 · zusätzlicher Auszug aus Kapitel 7

Elias Tischbein – Protokoll einer Explosion

Manche Verbrechen beginnen mit einer Tat. Andere mit einer Erklärung.

Die Leseprobe beginnt mit Kapitel 1 und 2. Danach folgt ein gesondert gekennzeichneter Auszug aus Kapitel 7.

Kapitel 1 Die letzten fünfzig Kilometer

Ole Brandt hatte sich den Abend nicht groß vorgestellt.

Ein Empfang am Kai mit Gerede und großen Umarmungen wäre ihm zu viel gewesen. Dabei taten alle so, als sei ein Mann nach ein paar Wochen auf See ein anderer geworden. Ole mochte solche Heimkehrbilder nicht. Sie waren ihm zu laut, zu ausgedacht, zu nah an den Filmen, die Leute sahen, wenn sie vom Meer sprechen wollten, ohne je länger als eine Fährenfahrt darauf gewesen zu sein.

Er wollte nach Hause. Das war alles. Die Tasche im Flur abstellen und bis zum nächsten Morgen stehen lassen. Die Schuhe ausziehen, den Kühlschrank öffnen, ein Bier herausnehmen. Den Flaschenhals kurz gegen die Kante des Spülbeckens tippen, weil er das immer tat, ohne zu wissen warum. Dann endlich das Sofa. Nach Wochen in der schmalen Koje, mit der vibrierenden Wand neben dem Ohr und dem gleichmäßigen Arbeiten des Schiffes unter dem Rücken, wollte er dort sitzen. Auf einem Sofa, das nichts von ihm wollte.

Um acht wollten die anderen kommen. Klaus, Jens und Basti. Fußball, Bier, Chips, dumme Sprüche, die nach zehn Minuten wieder klangen, als sei Ole nie weg gewesen. Genau darauf freute er sich. Auf dieses Zurückfallen in eine Gewöhnlichkeit, die niemand feiern musste.

Blieb der nächste Tag ruhig, würde er Maren schreiben. Nur schreiben. Nichts Großes.

Ob sie Lust hatte, am Wasser entlangzugehen. Ein Weg, auf dem man nebeneinander gehen konnte, ohne schon beim Bestellen eines Abendessens wissen zu müssen, was das bedeutete.

Maren arbeitete in einer kleinen Buchhandlung in der Nähe seiner Wohnung. Ole hatte sie vor der Abfahrt zweimal gesehen, einmal länger mit ihr gesprochen, über ein Buch, das er am Ende nicht gekauft hatte. Später hatte er sich geärgert. Hatte das Buch ihn gelangweilt, oder hatte er es über dem Gespräch schlicht vergessen?

Sie hatte gelacht, als er sagte, er lese auf See manchmal nur deshalb, weil Maschinen nicht antworteten.

„Vielleicht antworten sie doch“, hatte sie gesagt. „Nur nicht in ganzen Sätzen.“

Seitdem hatte Ole diesen Satz behalten. Er war nicht verliebt. Das sagte er sich jedenfalls. Verliebt war ein Wort für Leute, die an Land blieben und Zeit hatten, aus Blicken eine Gegend zu machen. Aber er dachte manchmal an sie. An ihre Hände, die beim Sprechen kurz über die Bücher fuhren, als prüfe sie, ob die Dinge noch an ihrem Platz waren. An ihre Stimme, die nichts versprach und trotzdem etwas offenließ.

Er würde ihr schreiben, sobald er ausgeschlafen hatte und ihm ein Satz einfiel, der nicht klang wie einer von diesen Männern, die nach ein paar Wochen auf See plötzlich glaubten, das Leben müsse ihnen etwas schulden.

Die Alwine arbeitete unter ihm. Der alte Mehrzweckfrachter schob sich durch graue See, ungefähr fünfzig Kilometer vor der deutschen Küste. Das Ziel war nah genug, dass die Männer an Bord innerlich schon an Land gingen, obwohl ihre Körper noch mit dem Schiff schwankten. Ole ertappte sich selbst dabei, schon über den

Weg vom Kai nach Hause nachzudenken. Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Maschine.

Oben würden sie anfangen, Taschen zu kontrollieren, Nachrichten zu schreiben, Gesichter zu glätten. Einer würde so tun, als freue er sich auf seine Frau, obwohl er Angst vor dem ersten Abend mit ihr hatte. Einer würde noch vor dem Anlegen wissen wollen, wo man rauchen durfte. Einer würde auf sein Handy starren und darauf warten, dass Netz kam, als beginne das Leben erst dort wieder, wo Empfang war.

Ole stand im Maschinenraum und hörte zu. Die meisten hätten gesagt, die Maschine laufe. Sie lief ja auch. Sie stampfte, vibrierte, schob, übertrug Kraft, hielt durch. Wer nur nach einem Defekt suchte, fand keinen. Die Anzeigen blieben ruhig; auch das Metall gab keinen Laut von sich, den ein Mann an Land als Warnung verstanden hätte.

Für Ole war das zu wenig. Eine Maschine konnte laufen und trotzdem nicht mehr bei sich sein. Sie konnte einen Ton tragen, der nicht in sie gehörte. Sie konnte sich zusammennehmen wie ein Mensch, der beim Treppensteigen nicht zeigen wollte, dass ihm die Luft fehlte. Die Alwine war alt, aber sie war nicht fertig. Das hatte Ole oft genug gesagt, wenn einer von den Jüngeren über sie spottete.

Er legte die Hand an ein Rohr. Seine Hand bemerkte Dinge, bevor sein Kopf sie in Ordnung brachte: Wärme, Schwingung, ein Nachzittern, das nicht ganz zum Takt passte. Ein Widerstand, kaum stärker als die falsche Betonung in einem vertrauten Satz. In einem Gutachten wäre daraus vorerst nur ein Gefühl geworden.

Der Sturm lag ihnen noch in den Knochen. Ole hatte schlimmere Stürme erlebt. Die schlimmsten prahlten. Sie kamen mit Wasserwänden, mit Funkstimmen, die plötzlich höher wurden, mit Tellern, die aus Schränken sprangen, mit Männern, die aufhörten, Witze zu machen. Dieser Sturm hatte länger gearbeitet. Geduldiger. Er hatte an der Alwine gezogen, Stunde um Stunde, bis jede Schraube etwas über sich wusste, was sie vorher nicht gewusst hatte.

Danach hatte die Maschine anders geklungen. Ole hatte es zu Benno gesagt, halb im Vorbeigehen, als sie beide in der Messe standen und der Kaffee aussah, als könne man damit Dichtungen abdunkeln.

„Sie läuft doch“, hatte Benno gesagt. Ole hatte den Becher genommen und nicht gleich geantwortet.

„Ja“, hatte er dann gesagt. „Aber nicht mehr wie sie.“ Benno hatte ihn angesehen, als habe Ole gerade von einer alten Tante gesprochen. Ole hatte beinahe gelacht. Er wusste selbst, wie das klang. Trotzdem fiel ihm für das, was sich seit dem Sturm verändert hatte, keine bessere Beschreibung ein.

Ole ging zwei Schritte weiter und blieb vor der Anlage stehen.

Da war es wieder. Der Lauf war unverändert laut, doch etwas darin klang falsch.

Ein dünner Nebenton unter dem eigentlichen Lauf. Wie etwas, das mitsprach, obwohl es nicht gefragt war. Ole zog die Stirn zusammen. Er mochte keine zweiten Stimmen in Maschinen.

Er nahm die Lampe, leuchtete über Verkleidung, Flansche, Leitungen, Kanten. Der Lichtkegel sprang über Metall, Ölfilm, Schrauben, alte Markierungen. Alles sah nach Arbeit aus. Nach Gebrauch. Nach Meer. Nach einem Schiff, das mehrere Wochen lang getragen hatte, was andere in Frachtlisten gepresst hatten: Maschinenersatzteile, technische Komponenten, Metallhalbzeuge, Industrieausrüstung. Wörter von Landmenschen. Unten im Bauch des Schiffes klangen sie alle gleich.

Irgendwo hinter ihm schlug etwas leise gegen Blech. Ole hob den Kopf. „Wer ist da?“ Keine Antwort. Er wartete. Ole lauschte in die Richtung, aus der der Schlag gekommen war. Bei diesem Seegang schlug manches gegen Blech. Er wartete noch einen Moment, bis sich das Geräusch im Stampfen der Maschine verlor.

Ole hätte nach oben gehen können. Einen Kaffee holen. Dem Kapitän sagen, dass er später noch einmal nachsah. Er hätte sich selbst glauben können, dass die Alwine die letzten Kilometer noch schaffte. Wahrscheinlich hätte sie es getan.

Er blieb. Sein Nacken war steif. Seit dem Sturm zog es ihm zwischen den Schultern. Neununddreißig war kein Alter, aber auf See zählten Jahre anders. Sie zählten nach Wintern, Maschinenstunden, schlechten Matratzen, angerissenen Nächten und all den Morgen, an denen man nicht wusste, ob man müde war oder einfach nur schon zu lange funktionierte.

Er dachte wieder an Maren, an ihre Hände über den Buchrücken. Ob sie sich an das Gespräch erinnerte? Er sah sie an einem Regal stehen und die Nachricht lesen, die er noch schreiben musste. Eine Antwort konnte er sich schlecht vorstellen. Er kannte sie kaum. Gerade das gefiel ihm: dass noch etwas offen war, auf das er sich freute.

Er stellte die Lampe anders. Der Ton veränderte sich. Zuerst so gering, dass ein anderer ihn nicht bemerkt hätte. Ein leises Einziehen. Als nähme tief im Metall etwas Luft, obwohl Maschinen das nicht taten. Ole richtete sich auf. Sein Körper verstand schneller als sein Kopf, dass etwas den Takt verlassen hatte.

Der Druck stieg nicht einfach. Er sammelte sich. In der Wandung, in der Leitung, in einem alten, übermüdeten Stück Stahl, das nach dem Sturm vielleicht nur noch gehalten hatte, weil Halten seine letzte Gewohnheit war.

Ole machte einen Schritt. Er wusste selbst nicht, ob er näher hinwollte oder zurück. Die Lampe schwankte in seiner Hand.

Seine Hand hob sich. Eine kleine Bewegung, kaum mehr als die Bitte an die Dinge, für einen Augenblick zu bleiben, was sie waren.

Die Dinge blieben nicht. Der erste Riss war kein Geräusch, sondern das Ende einer Vereinbarung.

Dann kam der Schlag. Er kam nicht von einer Seite. Er nahm dem Raum die Ecken, dem Boden seine Fläche, der Luft ihren Abstand. Hitze stieß durch Metall, Druck wurde Wand, Wand wurde Bewegung, Bewegung wurde überall. Ole sah Licht auf einem Rohr, eine Kante, den hellen Sprung eines Teils, das im selben Augenblick aufhörte, Teil zu sein.

Aber der Körper war nicht das Erste, was verschwand. Zuerst verschwand der Abend. Das Sofa verlor seinen Platz im Wohnzimmer. Das Bier stand nicht mehr im Kühlschrank. Klaus kam nicht mehr zu spät. Jens brachte keine Chips. Basti rief nicht mehr über den Schiedsrichter. Maren stand nicht mehr zwischen den Regalen, und die Nachricht, die Ole hatte schreiben wollen, fand keinen Satz.

Ein letzter Gedanke schien noch anzusetzen: Ich muss— Aber das Ich war schon nicht mehr schnell genug. Dann verloren die Dinge ihre Namen. Maschine war nicht mehr Maschine. Metall war nicht mehr Metall. Hand war nicht mehr Hand. Der Maschinenraum hörte

auf, Maschinenraum zu sein. Was eben noch Ort gewesen war, wurde Stoß. Was eben noch Richtung hatte, wurde zerrissen in ein Überall, das keinen Mittelpunkt mehr brauchte.

Noch eben hatte er einer Frau schreiben wollen. Ein Stück am Wasser entlanggehen, mehr hatte er sich nicht ausgedacht.

Für einen Augenblick gab es noch eine Richtung. Eine Richtung, die sich keinem Oben, Unten oder Fort mehr zuordnen ließ.

Dann verlor auch die Richtung ihren Besitzer. Was Welt gewesen war, wurde still. Dann war nicht einmal Stille.

Kapitel 2 Rettung

Zuerst glaubte Benno Riekers, er sei taub geworden.

Es war, als hätte jemand die Welt unter Wasser gedrückt und vergessen, sie wieder heraufzuholen. Alles war noch da, aber es kam nicht mehr richtig an. Stimmen bewegten Münder, Metall ächzte ohne Klang, irgendwo schlug Wasser gegen etwas, das vor wenigen Sekunden noch Wand gewesen war.

Benno lag auf der Seite. Sein Gesicht klebte an kaltem Blech. Oder an Deck. Oder an etwas dazwischen. Er wusste es nicht sofort. Der Geschmack in seinem Mund war bitter und metallisch, aber nicht Blut allein. Öl. Rauch. Salz. Dazu etwas Verbranntes, in dem sich der Geruch des ganzen Schiffes sammelte.

Er wollte aufstehen und verstand nicht, warum sein Körper ihn erst fragen musste.

Dann kam der Ton zurück. Erst ein Pfeifen in seinem rechten Ohr, dann fernes Brüllen und schließlich ein einzelner Schrei, viel zu nah. Jemand rief einen Namen. Seinen oder einen anderen; Benno konnte es nicht unterscheiden. Die Namen klangen nach dem Unglück alle gleich: kurz, hart, wie Dinge, die man finden musste.

„Benno!“ Diesmal war er es. Er hob den Kopf. Der Raum um ihn herum war kein Raum mehr, jedenfalls nicht der, den er kannte. Rauch zog tief über den Boden. Eine Lampe hing schräg und flackerte in einer Geschwindigkeit, die alles noch unwirklicher machte. Irgendwo

war Wasser. Nicht viel, aber genug, dass es sich bewegte, wo es sich nicht bewegen sollte.

Selbst beschädigt arbeitete die Alwine weiter, nur jetzt ohne Ordnung. Sie klang wie ein verletztes Tier, das versuchte, seinen eigenen Körper zu verstehen.

Benno drückte sich hoch. Sein linker Arm gehorchte. Der rechte auch, aber langsamer. Er sah an sich herunter und fand keine Antwort, nur Kleidung, Schmutz, eine aufgerissene Naht, dunkle Flecken, die nicht alle von ihm stammen mussten. Sein Kopf wollte zählen. Finger, Beine, Atem. Da. Da. Noch da.

„Benno!“ Marten. Der Name kam vor dem Bild. Benno drehte sich, aber der Rauch nahm ihm die Sicht. Er hustete, und der Husten riss ihm etwas durch die Brust, als hätte jemand innen eine Schublade zu fest aufgezogen. Er kroch, weil Stehen noch nicht möglich war. Ein Stück Metall lag vor ihm, verbogen wie etwas Weiches. Er erkannte es nicht. Das machte ihm mehr Angst als die Form. Er wusste nicht, ob er sich daran festhalten durfte.

„Marten!“ Seine Stimme kam heraus, aber zu klein. Der Rauch schluckte sie.

Jemand packte ihn von hinten an der Jacke. Benno fuhr herum, hob instinktiv den Arm, aber es war Riko. Riko Sahin, das Gesicht grau unter Ruß, die Augen weit offen, als sähe er noch etwas, das gar nicht mehr vor ihm war.

„Hoch“, sagte Riko. Oder vielleicht sagte er nur: „Komm.“ Benno wusste später nicht mehr, welches Wort es gewesen war.

Riko zog ihn nicht wirklich hoch. Dazu war er selbst zu unsicher. Sie kamen gemeinsam auf die Knie, zwei Männer, die einander halfen und dabei kaum genug Kraft für sich selbst hatten. Über ihnen knallte etwas. Nachträglich musste sich ein Teil gelöst haben, eine Luke oder eine Halterung. Die Alwine gab Geräusche von sich, die Benno nicht kannte.

Ole. Der Name kam plötzlich, ohne dass Benno ihn gerufen hatte. Ole war unten. Ole war immer unten, wenn etwas nicht stimmte. Das war ja der Fehler an Ole gewesen. Oder das Gute. Benno wusste es in diesem Moment nicht auseinanderzuhalten.

„Ole!“, rief er. Riko sah ihn an. In Rikos Blick stieß Benno auf eine Grenze, die er nicht verstand. Der Junge war vierundzwanzig, aber sein Blick war in diesem Moment älter als das Schiff.

„Wir müssen raus“, sagte Riko. „Ole ist unten.“ „Benno.“ Riko hielt seinen Blick fest, bis Benno sich mit ihm zum Aufgang wandte.

Sie bewegten sich Richtung Aufgang. Benno kannte den Weg, auch wenn der Weg nicht mehr aussah wie der Weg. Er hielt sich an Rohren fest, an Kanten, an allem, was noch etwas versprach. An einer Stelle war der Boden warm. Zu warm. Riko stolperte. Benno griff ihn, und für einen Augenblick stützten sie sich so unbeholfen aneinander, dass keiner von beiden wusste, wer wem half.

Dann kam wieder ein Ruf von oben. Diesmal mehrere Stimmen. „Raus! Raus da!“

Ein Schatten tauchte im Rauch auf. Groß, geduckt, mit einer Lampe in der Hand. Benno erkannte die Haltung, bevor er das Gesicht sah.

Nils Ewert. Nils hatte Blut an der Stirn. Er hielt die Lampe ruhig und zeigte ihnen den Weg. Benno versuchte, ihm zu folgen.

„Hierher“, rief Nils. „Nicht stehen bleiben.“ „Ole ist noch unten“, sagte Benno. Nils sah ihn an. Der Blick dauerte kaum eine Sekunde. Später würde Benno sich fragen, ob er ihn wirklich gesehen hatte oder ob sein Kopf ihn nachträglich gebaut hatte. Nils’ Gesicht blieb merkwürdig geschlossen.

„Da kommt keiner mehr durch“, sagte Nils. „Woher weißt du das?“ Hatte Benno die Frage ausgesprochen oder nur gedacht? Im Lärm ließ sich das nicht mehr unterscheiden.

Nils griff nach Riko, schob ihn Richtung Aufgang und drückte Benno hinterher. „Los. Oben sammeln. Wir verlieren sonst noch mehr.“

Wir verlieren sonst noch mehr. Später erinnerte Benno sich noch an diese Worte, während ihm anderes aus den Minuten auf Deck fehlte.

Oben war die Welt heller und nicht besser. Das Deck war nass. Nicht nur von See. Überall lagen Teile, Tauwerk, Splitter, schwarze Spuren, gelöste Abdeckungen. Rauch quoll aus einem Bereich, der nicht rauchen durfte. Männer liefen zwischen den Trümmern hindurch und riefen einander Anweisungen zu.

Der Kapitän stand am Funk, oder dort, wo Benno ihn vermutete. Jemand brüllte Koordinaten. Jemand anders zählte Köpfe. Die See war grau und unbeteiligt, als hätte sie mit dem Ganzen nichts zu tun. Weit draußen, kaum mehr als ein dunkler Strich, lag ein anderes Schiff. Oder Benno bildete es sich ein.

„Rettungsinseln klar!“ „Brandabschnitt dicht!“ „Marten? Wo ist Marten?“ Der Name schnitt durch alles. Benno drehte sich. Riko war neben ihm, dann nicht mehr. Für einen Moment sah Benno seinen Hinterkopf zwischen zwei Männern, dann verschwand er hinter Rauch und Bewegung.

„Riko!“ Keine Antwort. Benno machte einen Schritt zurück Richtung Aufgang, aber jemand hielt ihn fest. Diesmal war es nicht Nils. Ein Matrose, dessen Namen Benno kannte und in diesem Augenblick nicht fand.

„Du gehst da nicht wieder runter.“ „Riko war gerade noch ...“ „Du gehst da nicht wieder runter.“ Der Mann hatte recht. Benno hasste ihn dafür. Nils bewegte sich über Deck, gab kurze Anweisungen, half beim Losmachen, kontrollierte, zählte mit. Er sah aus wie einer, der funktionierte, und auf einem beschädigten Schiff war das viel wert. Benno sah ihn durch den Rauch und wollte dankbar sein. Ob das schon Dankbarkeit war, wusste er nicht. Er klammerte sich an den, der noch wusste, was zu tun war.

Und doch. Als Nils an ihm vorbeikam, griff Benno nach seinem Ärmel. „Ole“, sagte er. Nils blieb stehen. „Ole war unten.“ „Ich weiß.“

„Marten auch?“ Diesmal antwortete Nils nicht sofort. Ein kurzer Blick zur Seite. Zur Öffnung. Zum Rauch. Zu den Männern, die dort standen, als könnten sie durch Warten jemanden zurückholen.

„Marten sollte nicht dort sein“, sagte Nils. In der Kälte auf Deck, mit dem Pfeifen im Ohr und dem Geschmack von Öl und Rauch im Mund, verstand Benno den Satz nicht.

Er verstand nur, dass Nils nicht gefragt hatte. Er hatte nicht gefragt: War Marten unten? Er hatte gesagt: Marten sollte nicht dort sein. Bevor Benno etwas erwidern konnte, kam eine Welle über die Seite, nicht groß, aber hart genug, um alle einen Schritt aus der eigenen Absicht zu drücken. Jemand fluchte. Ein anderer lachte kurz auf. Benno drehte sich nach ihm um, fand aber nur die Rücken der Männer vor sich.

Die Rettungsinsel schlug gegen die Bordwand. Benno half, weil seine Hände etwas tun mussten. Er zog, hielt, reichte, stolperte, stand wieder. Rufe kamen von allen Seiten. Namen. Zahlen. Befehle. Der Funk knackte. Die Alwine neigte sich nicht dramatisch, aber sie lag anders im Wasser.

„Riko?“, rief Benno noch einmal. Der Rauch antwortete nicht. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Diesmal war es Nils. „Benno, hör mir zu.“ Benno sah ihn an. „Du gehst jetzt in die Insel. Du hast Rauch abbekommen.“ „Ich bleib.“ „Nein.“ „Ole ist ...“ „Ole ist nicht mehr erreichbar.“

Da war er wieder, dieser vernünftige, womöglich notwendige Satz. Er kam zu schnell. Er legte sich über Ole wie eine Plane, bevor jemand den Mann gesucht hatte.

Benno riss sich los. „Sag nicht so.“ Nils’ Gesicht blieb ruhig. „Wir müssen die Lebenden runterbringen.“ Die Lebenden. Auch das war richtig. Alles war richtig. Jeder Satz, den Nils sagte, hätte in einem Bericht stehen können. Daran schien Benno hängen zu bleiben, ohne es schon benennen zu können. Nils sprach, als stünde der Bericht bereits hinter ihm.

Benno stieg in die Rettungsinsel, weil zwei Männer ihn schoben und weil sein Körper nicht mehr genug Widerstand hatte. Das Material gab unter ihm nach. Ein fremder Arm lag über seinem Bein. Jemand atmete keuchend. Jemand betete, ohne Worte zu verwenden. Die Insel löste sich vom Schiff, erst zögernd, dann mit einem Ruck, der Benno den Magen hob.

Die Alwine entfernte sich. Oder sie entfernten sich von ihr. Vom Wasser aus sah der Frachter kleiner aus und zugleich schlimmer. Rauch zog aus ihm heraus, als habe er eine dunkle Erinnerung bekommen, die er nicht mehr loswurde. Männer standen noch an Deck. Figuren, keine Menschen. Der Bug hob sich, senkte sich. Ein Schiff, das kurz vor dem Ziel gewesen war und nun nicht mehr wusste, ob Ziel ein Wort war, das noch zu ihm gehörte.

Benno suchte Ole. Natürlich war Ole nicht zu sehen. Das war unsinnig. Man sah keinen Menschen durch Stahl, Rauch, Entfernung und Unglück. Trotzdem suchte Benno. Er suchte auch Riko. Und Marten. Er suchte alle Namen, die nicht in der Insel waren.

Neben ihm zitterte jemand.

„Wie viele?“, fragte eine Stimme. Niemand antwortete. Nach einer Weile kam das andere Schiff näher. Ein Versorger oder Küstenfahrzeug, Benno konnte es nicht einordnen. Seine Augen brannten. Das Pfeifen im Ohr war wieder lauter geworden. Er wollte schlafen. Er durfte nicht schlafen. Er wollte zurück. Er durfte nicht zurück. Er wollte wissen, was geschehen war, aber Wissen war noch zu groß.

Nils saß in der anderen Rettungsinsel. Benno sah ihn nur kurz zwischen zwei Wellen. Nils hatte den Kopf gesenkt. Erschöpfung oder Trauer konnten ihn so aussehen lassen; Benno wusste selbst kaum, was es bedeutete, überlebt zu haben.

Dann hob Nils den Blick. Für einen Augenblick sahen sie einander über das Wasser hinweg an.

Später konnte Benno nicht mehr sagen, was ihn an diesem Blick gestört hatte. Er schien zu prüfen, wer noch da war.

Das Rettungsschiff kam längsseits. Hände griffen nach ihnen. Fremde Gesichter beugten sich über den Rand. Jemand sagte ruhig, sie sollten nacheinander kommen. Benno wartete, bis die Hand sich ihm entgegenstreckte.

Benno wurde hochgezogen. Sein Knie stieß gegen Metall. Er spürte den Schmerz und war fast dankbar dafür. Schmerz hatte wenigstens einen Ort.

Oben wickelte ihm jemand eine Decke um die Schultern. Eine Frau fragte nach seinem Namen.

„Benno Riekers.“ „Können Sie laufen?“ Er nickte.

„Wie viele waren unten?“ Ein Mann hinter der Frau hatte gefragt. Benno konnte ihn weder der Crew noch den Rettern sicher zuordnen. Einer, der schon zählen musste, bevor alle gezählt waren.

Benno öffnete den Mund. Ole. Marten. Riko. Die Namen standen bereit, aber Benno zögerte. Einmal ausgesprochen, stellten sie die Männer an einen Ort, aus dem man sie womöglich nicht mehr zurückholte.

„Ole Brandt“, sagte Benno schließlich. „Marten Jessen. Riko Sahin.“

Der Mann schrieb mit. Benno sah auf den Stift. Der Stift stockte auf dem nassen Papier. Benno sah zu, bis alle drei Namen dort standen.

„Sicher?“, fragte der Mann. Benno sah ihn an. Nein, dachte er. Er hatte Riko eben noch neben sich gehabt. Dann war er weg gewesen. Wie sollte er etwas sicher wissen?

Aber er sagte: „Ja.“ Hinter ihm wurde Nils an Bord gezogen. Er stand sofort wieder, obwohl auch er schwankte. Jemand wollte ihn hinsetzen, doch er schüttelte den Kopf. Er sprach mit einem Mann der Rettungscrew, zeigte zurück zur Alwine, erklärte etwas mit knappen Bewegungen.

Benno hörte nur Bruchstücke. „Maschinenraum.“ „Nach dem Sturm.“ „Brandt war zur Kontrolle unten.“ „Keine Chance.“ Keine Chance. Wieder richtig.

Wieder zu früh. Benno zog die Decke enger um sich. Seine Hände zitterten so stark, dass er die Ränder kaum zusammenhalten konnte. Er sah wieder zu Nils, der immer noch mit dem Mann der Rettungscrew sprach.

Die Alwine rauchte weiter. Die See trug sie, als trage sie alles. Schuld, Stahl, Öl, Namen, die Lebenden und die, für die man gleich andere Worte finden würde.

Vermisst. Tot. Nicht erreichbar. Benno sah zu Nils hinüber. Nils bemerkte es und nickte ihm zu. Nils nickte ihm auf dieselbe ruhige Art zu, mit der er ihn an Bord geholt hatte.

Benno nickte nicht zurück. Er wusste nicht warum.

Ein weiterer Auszug: Elias Tischbein

Nach dem Romananfang folgt hier Kapitel 7. Die Kapitel 3 bis 6 sind in dieser Leseprobe ausgelassen.

Kapitel 7 Drei Umstiege nach Hamburg

Elias Tischbein stand in seiner Küche und hörte dem Wasser zu.

Der Wasserkocher war alt genug, um eigene Launen zu haben. Er arbeitete sich in Stufen zum Kochen hinauf. Erst ein kaum hörbares Ziehen, dann ein leises Klacken im Boden, dann dieses helle, ungeduldige Singen kurz vor dem Siedepunkt.

Auf dem Tisch lag eine Zeitung von gestern, ordentlich gefaltet, aber nicht gelesen. Daneben ein Bleistift, ein kleines Notizbuch und eine Scheibe Brot, auf der der Käse bereits so lange lag, dass er seine Temperatur mit dem Raum verhandelt hatte. Aus dem Flur kam ein leises Scharren. Wahrscheinlich Dion, der wieder zu spät bemerkt hatte, dass er seine Schuhe nicht dort ausgezogen hatte, wo er sie suchte.

Im Flur fiel ein Schuh zu Boden. Elias musste lächeln. Dreißig Jahre lang hatte er in Räumen gearbeitet, in denen schon ein Räuspern alle Köpfe herumgehen ließ. Hier suchte Dion seine Sachen, während nebenan seine Frau las. Elias konnte stehen bleiben und auf das Wasser warten.

Dion wohnte seit einer Weile bei Elias und seiner Frau, in dem Zimmer, das früher kaum ein Zimmer gewesen war. Ein schmaler Raum, ein Bett, ein Schreibtisch, ein Regal, zu viele Kabel, zu viele Bücher, ein unvernünftig treuer Rucksack und

die seltsame Fähigkeit, genau dann aufzutauchen, wenn jemand im Haus glaubte, allein zu sein. Elias’ Frau hatte einmal gesagt, mit Dion brauche man keinen Wecker mehr. Sie hatten beide gewusst, dass sie ihn gern im Haus hatte.

Elias nahm die weiße Tasse aus dem Schrank. Sie war schwer und schlicht, mit einem kleinen dunklen Punkt in der Glasur, den er seit Jahren kannte. Die blaue blieb stehen; ihr Henkel hatte einen Sprung, über den Elias irgendwann entscheiden musste. Er stellte die weiße auf den Tisch, legte einen Teebeutel hinein und wartete, bis der Wasserkocher sich selbst beendete.

Das Telefon klingelte. Elias sah nicht sofort hin. Menschen hatten sich angewöhnt, Anrufe für dringlicher zu halten als den Raum, in dem sie standen. Elias glaubte das nicht. Ein Telefon war ein Vorschlag. Kein Befehl.

Es klingelte zum dritten Mal. Dann zum vierten. Aus dem Flur kam Dions Stimme. „Dein Telefon. Hörst du’s?“ „Freilich. Ich komm schon.“ „Es klingelt zum vierten Mal.“ Elias nahm ab. „Tischbein.“ Am anderen Ende zögerte jemand einen Atemzug lang. „Elias?“ Elias stellte den Wasserkocher zurück auf die Platte. „Hobs“, sagte er. Das Schweigen danach war kein fremdes Schweigen. Es hatte nur lange nicht im Zimmer gestanden.

„Du erkennst mich noch.“ „Grüß dich, Hobs. So anders klingst du auch wieder nicht.“ „Gut. Ich war mir nicht sicher, ob die Nummer noch stimmt.“

Holger Bundschuhs leises Lachen brach ab. Elias konnte nicht hören, ob die Leitung stockte oder Hobs selbst.

Elias sah zur Küchentür. Dion stand dort, barfuß, eine Socke in der Hand, die andere vermutlich irgendwo in seinem Leben verloren. Er formte mit den Lippen: Wer?

Elias hob leicht die Hand. Nicht jetzt. Dion verstand das als Einladung, in der Tür stehen zu bleiben.

„Ich störe dich?“, fragte Hobs. „Ja.“ „Bei etwas Wichtigem?“ „Das Wasser war gerade fertig.“ „Dann rufe ich in einem besseren Moment an.“ „Den gibt es selten.“ Elias goss das Wasser auf. Unter dem Teebeutel breitete sich eine dunkle Fahne aus; er zog die Tasse zu sich heran.

„Was ist passiert?“, fragte er. Hobs schwieg wieder. Elias wollte schon nachfragen, ließ es dann aber. Im Gerichtssaal hatte er oft erlebt, wie ein Zeuge mitten im Suchen unterbrochen wurde und anschließend nur noch auf die neue Frage antwortete. Er hielt das Telefon ans Ohr und wartete, bis Hobs weitersprach.

„Ein Frachter ist explodiert“, sagte Hobs schließlich. „Vor der deutschen Küste. Maschinenbereich. Drei Tote oder Vermisste, je nachdem, wie höflich man formulieren will.“

Elias setzte sich langsam. Dion verschwand aus der Tür. Er schien begriffen zu haben, wie weit der Anruf die Küche gerade veränderte.

„Name des Schiffes?“, fragte Elias. „MS Alwine.“ „Alt?“ „Ja.“

„Route?“ „Walvis Bay, Las Palmas, zurück nach Deutschland. Schwerer Sturm vor ein paar Tagen. Kurz vor dem Ziel die Explosion.“

Elias nahm den Teebeutel aus der Tasse, obwohl der Tee noch etwas Zeit hätte haben können.

„Warum rufst du mich an?“ „Weil ein Satz zu früh fertig ist.“ Elias schob die Zeitung zur Seite und zog sein Notizbuch heran.

„Welcher?“ Hobs atmete aus. Mit dem Wechsel zum Fall verlor seine Stimme die private Unsicherheit. Jetzt sprach er aus der Akte.

„Maschinist Ole Brandt befand sich aufgrund routinemäßiger Nachkontrolle im Maschinenraum.“

Elias wiederholte den Satz nicht laut. Er ließ ihn stehen. Aufgrund routinemäßiger Nachkontrolle. Das war ein Satz mit frisch geputzten Schuhen. Er konnte stimmen. Aber von Rauch, Wasser und der überstandenen Rettung war in ihm nichts zu hören. Er klang wie ein zweiter Entwurf.

„Wer hat ihn gesagt?“, fragte Elias. „Noch nicht klar. Vermutlich aus den ersten Angaben von Nils Ewert, zweiter Offizier, Ladung. Aber er läuft inzwischen durch mehrere Unterlagen.“

„Dann gehört er bald allen.“ „Genau.“ „Und keinem mehr.“ „Deshalb rufe ich an.“ Elias nahm die Tasse, trank aber nicht. Der Tee war zu heiß. Er wusste es, ohne zu prüfen.

„Du hast lange nicht angerufen“, sagte er.

„Du auch nicht.“ „Ich telefoniere ungern.“ „Das war schon 1990 keine Ausrede.“ „Damals gab es weniger Gründe.“ „Damals hast du bei jedem Appell ausgesehen, als würdest du eine andere Verfassung prüfen.“

„Es war auch nötig.“ Jetzt lachte Hobs wirklich. Bei dem Lachen erkannte Elias den jungen Hobs wieder. Er sah ihn beinahe vor sich, damals zwischen den Spinden, eine zweite Decke über dem Arm, die offiziell niemand übrig gehabt hatte. Danach waren Jahre mit seltenen Besuchen und ausgelassenen Geburtstagen vergangen. Elias nahm die Tasse in beide Hände und fragte weiter.

„Wer ermittelt?“, fragte Elias. „Grete Sander. Sonderermittlung See und Tod.“ „Klingt wie ein Gedicht, das keinen Verlag gefunden hat.“ „Sag ihr das nicht.“ „Warum?“ „Weil ich gern weiterlebe.“ „Du schätzt sie.“ Am anderen Ende sagte Hobs nichts. Elias lächelte kaum sichtbar. „Ah“, sagte er. „Was ah?“ „Nichts.“ „Dieses Nichts kenne ich aus der Kaserne.“ „Es war schon damals zuverlässig.“ „Grete ist zuständig. Ich bin Versicherung. Wir haben einen Überlebenden befragt. Benno Riekers. Der sagt, Ole hätte nicht routinemäßig nachgesehen. Er hätte gesagt: Ich hör mir die Alte noch mal an.“

Elias stellte die Tasse ab.

„Das ist ein anderer Mensch“, sagte er. „Ja.“ „Wer ist die Alte?“ „Die Maschine.“ „Gut.“ „Gut?“ „Ein Mann, der seine Maschine die Alte nennt, schreibt nicht routinemäßige Nachkontrolle.“

„Das habe ich auch gedacht.“ „Nein“, sagte Elias. „Du hast gedacht, dass ich das denken würde.“

„Das ist unfair präzise.“ „Du hast mich angerufen.“ Hobs schwieg kurz, dann sagte er: „Es gibt noch mehr. Nils Ewert sagt Dinge, die richtig sind. Zu richtig. Benno beschreibt es so: Ewerts Sätze kommen fertig an.“

Elias sah zum Fenster. Draußen fuhr ein Fahrrad vorbei. Der Mann darauf hatte eine gelbe Regenjacke an, obwohl es nicht regnete. Er fuhr langsam und schaute in die geparkten Autos, als suche er in jedem Wagen ein neues Argument.

„Fertig ankommen“, sagte Elias. „Ja.“ „Das hat Benno so gesagt?“ „Ja. Grete hat es aufgeschrieben. Und mir gesagt, ich soll nicht zu zufrieden aussehen.“

„Dann tu das nicht.“ „Es fällt mir schwer.“ „Das fiel es dir immer, wenn du Angst hattest, recht zu haben.“

Am anderen Ende wurde es still. Elias trank, obwohl er wusste, dass der Tee noch zu heiß war.

„Kannst du kommen?“, fragte Hobs. Elias sah auf das Notizbuch. Auf der ersten Seite standen drei Wörter, die er am Vortag in der Straßenbahn gehört hatte: „Muss halt gehen.“ Er hatte sie notiert, weil der Mann, der sie gesagt hatte, dabei nicht wie jemand geklungen hatte, der gehen wollte. Darunter stand ein Satz aus einem alten Prozess, den Elias nie ganz vergessen hatte: Ich habe ihn nicht angefasst. Nicht: Ich habe ihn nicht geschlagen. Nicht: Ich war es nicht. Nur: nicht angefasst. Die Wahrheit hatte damals im ausgelassenen Wort gelegen.

Vom alltäglichen Geplauder vergaß er viel. Manche Aussagen blieben ihm dagegen mit jeder Korrektur im Gedächtnis. Manchmal hörte er noch die Stimme dazu und erinnerte sich, wie lange es gedauert hatte, bis der nächste Satz kam. Auf der Seite vor ihm war unter den alten Notizen noch Platz. Er schrieb den Namen des Schiffes hin.

„Ich komme“, sagte er. Hobs atmete aus. „Gut.“ „Aber ich fliege nicht.“ „Natürlich nicht.“ „Warum sagst du natürlich?“ „Weil ich dich kenne.“ „Ein paar Jahre sind schon vergangen, Hobs.“ „Für die Sache mit dem Fliegen reicht’s noch.“ Elias stand auf und ging zum kleinen Schrank im Flur, in dem Fahrpläne lagen, obwohl kein Mensch mehr Fahrpläne aufhob. Auf Papier begann für ihn die Reise, bevor ein Gerät sie berechnete.

„Wann brauchst du mich?“, fragte er. „So bald wie möglich.“ Elias hielt inne. „Das ist keine Uhrzeit.“ „Heute.“

„Zum Nachmittag kann ich los. Reicht dir das?“ „Morgen früh Befragung Ewert, wahrscheinlich. Vorher wäre gut.“

„Dann nehme ich den Zug am Nachmittag.“ „Es gibt Flüge.“ „Ich weiß.“ „Hamburg ist weit.“ „Darum fährt man ja.“ Hobs lachte wieder, diesmal müder. „Du hast dich nicht verändert.“

„Doch. Ich habe nur nicht alles verbessert.“ „Ich schicke dir die Unterlagen.“ „Nicht zu viele.“ „Du kommst in einen Fall mit Explosion, drei Toten und möglichen Frachtproblemen.“

„Dann schick mir die Sätze.“ „Die Akten bestehen aus Sätzen.“ „Nein. Die meisten Akten bestehen aus Absichten, die sich als Sätze verkleiden.“

Hobs schwieg. „Ich habe dich vermisst“, sagte er dann. Elias stellte den Fahrplan auf den Küchentisch. „Du hast halt zu lange gewartet mit dem Anrufen“, sagte er. „Du hättest auch anrufen können.“ „Ja.“ Elias sah auf den Tee. „Ich dich auch, Hobs.“ Eine Weile blieb es ruhig in der Leitung. „Ich melde mich mit der Verbindung“, sagte Elias. „Ich kann dir ein Hotel buchen.“ „Nicht in Bahnhofsnähe.“ „Warum?“ „Ich würde nachts gern schlafen. Such mir etwas Ruhiges, ein Stück weg von den Gleisen.“

„Grete wird dich lieben.“

„Ich komme nicht, um geliebt zu werden.“ „Das ist gut. Dann bist du richtig.“ Sie legten auf. Elias blieb in der Küche stehen. Dion war wieder in der Tür. Jetzt mit zwei Socken, die nicht zusammengehörten, aber offenbar einen Kompromiss geschlossen hatten.

„Fährst du nach Hamburg?“, fragte Dion. „Ja. Auf einem Schiff hat es eine Explosion gegeben.“ „Und die glauben, dass es ein Mord war?“ „Das wissen sie noch nicht.“ Dion sah auf das Notizbuch. „Deshalb sollst du dir anhören, was die Leute sagen?“

„Erst einmal das, ja.“ Aus dem Wohnzimmer kam Elias’ Frau. Sie trug eine Strickjacke über dem Kleid und hielt ihr Buch mit einem Finger zwischen den Seiten. Ihr Blick ging von Elias zum Notizbuch auf dem Tisch.

„Hobs?“, fragte sie. Elias nickte. „Lebt er noch?“ „Ja.“ „Dann ist der Anlass schlecht.“ Dion lehnte am Türrahmen. „Wer ist Hobs eigentlich? Du hast noch nie von ihm erzählt.“

„Ein Freund aus der Wehrdienstzeit“, sagte Elias. „Wir sehen uns selten.“

„Und jetzt ruft er an, und du fährst gleich los?“ „Er braucht Hilfe.“ Dion sah zu Elias’ Frau. „Ich fänd’s komisch, wenn sich jemand jahrelang nicht meldet.“

„Kommt darauf an, wer es ist“, sagte sie.

„Bei Hobs ist es halt so“, sagte Elias. „Wir haben auch früher nicht über alles geredet. Aber wenn etwas war, ist er geblieben.“

Dion überlegte. „Dann müsst ihr euch am Telefon nicht erst erklären, warum ihr so lang nichts voneinander gehört habt.“

„Haben wir auch nicht.“ Dion zog die Socke an seinem Knöchel hoch. „Das ist eigentlich ganz gut. Sonst wärst du jetzt noch am Telefon.“

Elias’ Frau legte ihr Buch auf die Zeitung. Elias nahm das Notizbuch und schrieb: Ole Brandt. „Ich hör mir die Alte noch mal an.“ Nicht: routinemäßige Nachkontrolle. Darunter: Wer setzt zuerst die Ordnung? Seine Frau trat näher. „Tote?“, fragte sie. „Drei. Hobs hat mir die Namen genannt.“ Sie sah auf die Seite und blieb einen Moment neben ihm stehen.

„Wie fährst du?“, fragte sie. „Zug.“ „Natürlich.“ Dion grinste. „Flugzeug wäre ja auch viel zu direkt.“ „Im Zug kann ich aus dem Fenster schauen.“ „Sagt der Mann, der einmal drei Minuten gebraucht hat, um zu fragen, ob noch Kaffee da ist“, sagte seine Frau.

„Es war eine komplizierte Kanne.“ „Es war eine leere Kanne.“ „Das ist kompliziert genug.“ Dion sah zwischen beiden hin und her. „Soll ich währenddessen auf Chilikid achten?“

Aus dem kleinen Zimmer neben dem Flur kam ein leises Rascheln. Chilikid nagte an seiner Pappe. Elias sah zur Tür.

„Chilikid achtet auf uns“, sagte Elias. „Dann sind wir verloren“, sagte Dion. Elias’ Frau ging zum Schrank und holte die braune Reisetasche heraus, bevor Elias danach greifen konnte. Sie stellte sie auf den Küchenstuhl.

„Zwei Hemden“, sagte sie. „Eins reicht.“ „Zwei.“ „Hamburg hat Geschäfte.“ „Du kaufst keine Hemden in fremden Städten.“ „Das ist wahr.“ „Also zwei.“ Elias holte ein zweites Hemd aus dem Schrank. Er packte langsam. Zwei Hemden, ein Pullover, Socken, Waschzeug, ein zweites Notizbuch, Bleistifte. Keine überflüssige Technik. Das Handy, obwohl er es lieber liegen gelassen hätte. Eine dünne Mappe für Ausdrucke, falls Hobs sich nicht beherrschen konnte. Seine Frau legte ihm ein Päckchen Taschentücher dazu, obwohl sie wusste, dass er sie nie dort wiederfinden würde, wo sie lagen.

Dion verschwand und kam mit einem Müsliriegel zurück. „Für den Zug. Sonst vergisst du wieder, dir was zu kaufen.“ Elias nahm den Müsliriegel. „Ich verhungere schon nicht.“ „Dann bringst du ihn halt wieder mit.“ Dion steckte ihn in die Außentasche, gleich neben die Taschentücher. Elias’ Frau schloss den Reißverschluss und strich mit der Hand über den Stoff.

„Ruf an, wenn du da bist“, sagte sie. Am Münchner Hauptbahnhof war zu viel los, also genau richtig.

Vor den Anzeigetafeln standen Reisende mit hochgezogenen Schultern, einige telefonierten, andere aßen im Gehen. Elias ließ einen Mann mit zwei Koffern vorbei. Dahinter standen zwei Menschen noch immer eng beieinander, obwohl einer von ihnen längst hätte zum Gleis gehen müssen. Elias dachte an seine Frau in der Küche und griff nach dem Trageriemen seiner Tasche.

Elias stand vor der Anzeigetafel und betrachtete die Verbindungen.

Es gab eine schnelle. München–Hamburg, direkt, wenn alles gutging. Er nahm sie nicht. Eine direkte Verbindung erzählte ihm zu wenig von der Strecke. Man stieg ein, man stieg aus, und dazwischen wurde die Welt zur Scheibe. Elias brauchte Übergänge. Er musste wissen, wie ein Ort langsam aus einem anderen hervorging.

Er wählte eine Verbindung mit Umstieg in Nürnberg, weiter über Hannover, dann Hamburg. Damit konnte er reisen.

Am Automaten vor ihm stand ein Mann mit einem Rollkoffer und sprach ins Handy.

„Ich bin praktisch schon unterwegs“, sagte der Mann. Elias sah auf seine Schuhe. Sie standen fest auf Münchner Boden.

Praktisch schon unterwegs. Elias kaufte sein Ticket. Am Gleis roch es nach Brezen, kaltem Metall, Parfüm, Dieselrest und zu vielen Menschen. Eine junge Frau saß auf ihrem Koffer und weinte leise, während sie eine Sprachnachricht löschte, bevor sie sie abschickte. Ein Mann in Anzugschuhen sagte zu jemandem am Telefon: „Ich hab’s im Griff“, und suchte gleichzeitig hektisch in seiner Tasche. Zwei Kinder stritten darüber, ob Hamburg am Meer liege. Die Mutter sagte ja, der Vater sagte fast, beide wirkten unzufrieden.

Elias stellte seine Tasche ab. Ein Zug fuhr auf dem Nachbargleis ein, Luft bewegte sich, Stimmen wurden kurz lauter. Auf der Anzeigetafel wechselte eine Zahl. Menschen hoben Köpfe, als habe jemand ihren Namen gesagt.

Sein Handy vibrierte. Hobs hatte Unterlagen geschickt. Zu viele. Elias öffnete nur die erste Nachricht. Benno Riekers: „Er sprach so, als würde schon jemand mitschreiben.“

Elias las den Satz einmal. Dann schloss er das Handy. Der Zug nach Nürnberg fuhr ein. Elias wartete, bis die Eiligen eingestiegen waren. Er hatte nie verstanden, warum Menschen mit solcher Hast in einen Zug drängten, der anschließend für alle zur selben Zeit losfuhr. Dann stieg er ein, suchte seinen Platz, legte die Tasche über sich und setzte sich ans Fenster.

Gegenüber saß ein älterer Herr mit einer Zeitung. Er nickte Elias zu.

„Nach Hamburg?“, fragte er. „Ja, mit zwei Umstiegen. Ich bin gern ein bissl unterwegs.“ Der Mann faltete die Zeitung schmaler. „Ich muss nur bis Nürnberg.“

Elias nickte und sah zum Fenster. Der Zug setzte sich in Bewegung. München glitt nicht sofort weg. Eine Stadt verschwand nie auf einmal. Erst kamen Bahnsteige, dann Mauern, Graffiti, Hinterhöfe, Fenster mit Pflanzen, ein Balkon mit einem roten Stuhl, eine Frau, die Wäsche aufhängte, obwohl der Himmel dagegen sprach. Dann wurden die Häuser niedriger, die Abstände größer, und irgendwann war man nicht mehr in der Stadt, aber auch noch nirgends anders.

Elias nahm sein Notizbuch. Unter Ole Brandts Namen standen die beiden Formulierungen, und er las sie noch einmal: routinemäßige Nachkontrolle, die Alte. Hobs musste ihm sagen, von wem sie jeweils stammten.

Dann ließ er das Buch auf den Knien liegen und sah hinaus.

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