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Leseprobe · Prolog und Kapitel 1–2

Du bist schon Morgen

Er wartet auf eine Zusage. Es meldet sich sein zukünftiges Ich.

PROLOG

Der Schuss

Pontecchio, Italien, 1895

Als der Schuss fiel, hatte Guglielmo Marconi die Hand noch auf der Taste seines Senders.

Er fuhr zusammen und sah zum Hügel hinüber. Vom Hang kam das Echo zurück. Ein Vogel stieg aus den Bäumen auf, dann noch einer. Hinter dem Hügel wartete sein Helfer bei einem zweiten Apparat. Marconi konnte weder den Mann noch den Empfänger sehen. Dazwischen lagen Erde, Bäume und fast zwei Kilometer Entfernung.

Kurz zuvor hatte er die Taste dreimal gedrückt. Drei kurze Zeichen, der Buchstabe S im Morsealphabet. In einem Telegrafenamt hätte man sie durch einen Draht zum nächsten Ort geschickt. Zwischen seinen beiden Apparaten gab es keine solche Verbindung. Die Zeichen sollten als Funkwellen hinübergelangen, bis auf die andere Seite des Hügels.

Auf kürzeren Strecken hatte es funktioniert. Doch hier konnte sein Helfer ihm nicht einmal mehr mit einem Tuch zuwinken, wenn etwas ankam. Deshalb hatte er das Gewehr mitgenommen. Sobald der Empfänger die drei Zeichen wiedergab, sollte er in die Luft schießen.

Marconi hatte die Anordnung verändert, die Verbindungen geprüft und gewartet, bis der andere hinter dem Hügel verschwunden war. Dann hatte er gesendet und in die Stille hinausgelauscht.

Jetzt war der Schuss gefallen. Er sah auf die Taste unter seiner Hand. Die kleine Bewegung seiner Finger hatte dort drüben etwas ausgelöst, an einem Ort, den er von hier aus nicht sehen konnte.

Marconi griff nach dem Tisch. Eine Schraube rollte an den Rand und fiel ins Gras. Er ließ sie liegen.

»È arrivato!« Es war angekommen. Er sagte es zunächst leise. Dann lief er los, den Hang hinunter, und rief es noch einmal.

Hinter ihm stand der Apparat zwischen Werkzeug und losen Drähten. Jemand würde ihn später aufräumen müssen.

KAPITEL 1

Was wegkann

Brettgemhausen, Deutschland, 2026

Der Schuss kam aus einem Gerät, das Noah seit zehn Minuten für Elektroschrott hielt.

Er fuhr herum, stieß mit dem Ellenbogen gegen das Regal und riss eine Schachtel Steckverbinder herunter. Die kleinen Plastikteile sprangen über den Boden. Im selben Augenblick schlug ihm eine Stimme entgegen.

»È arrivato!« Noah stand zwischen den verstreuten Steckern und wartete auf die Fortsetzung.

Vom Hof kam das Rückwärtswarnen eines Lieferwagens. Jemand hämmerte im Stockwerk darüber gegen ein Rohr. Der graue Kasten auf dem Arbeitstisch schwieg.

»Sehr witzig«, sagte Noah. Er hatte gehofft, jemanden hinter dem Türrahmen zu erwischen. Dort hing nur Rolfs alte Jacke.

Der Raum sollte bis Freitag leer sein. Heute war Donnerstag, und Noah bekam sechzehn Euro die Stunde dafür, den Nachlass eines Mannes zu sortieren, der offensichtlich nie einen Gegenstand besessen hatte, von dem er sich trennen konnte. Auf drei Regalböden lagen Netzteile ohne Geräte. Auf dem vierten Geräte ohne Netzteile. Eine Blechdose enthielt sorgfältig gebündelte Kabelbinder, die schon einmal benutzt worden waren.

Noah verstand den Mann. Er hatte selbst zwei Kartons zu Hause, die seine Mutter seit Jahren als den Elektromarkt bezeichnete. Der Unterschied war, dass Noah wusste, was darin lag. Ungefähr.

Den grauen Kasten hatte er hinter einem Stapel Fachzeitschriften gefunden. Breit wie ein alter Verstärker, mit einem schwarzen Drehknopf und einer kleinen ovalen Öffnung an der Vorderseite. Keine Marke. Kein Bildschirm. Hinten zwei Buchsen und eine verschraubte Platte.

Er hob ihn an und sah darunter nach. »Wenn du mich jetzt fallen lässt, wird Julie dir das nie verzeihen.« Noah setzte ihn so schnell ab, dass es krachte.

Die Stimme hatte Deutsch gesprochen. Männlich, etwas heiser. Als wäre der Sprecher gerade eine Treppe hochgelaufen.

»Wer ist da?« Ein Kratzen, dann ein fernes Klappern. »Noah? Hörst du mich?« Er nahm sein Telefon heraus. Kein Anruf, keine laufende Wiedergabe. Er schaltete Bluetooth aus und hielt es trotzdem noch einen Moment an sein Ohr. Das war sinnlos, aber er brauchte etwas, das er tun konnte.

»Rolf?« »Nein. Hör zu. Ich habe nicht viel Zeit«, antwortete der Mann aus dem Kasten.

»Dann schick eine Mail.« Der Mann lachte kurz auf. Noah ärgerte sich darüber, wie vertraut das klang. Er ging zur Tür und sah in den Flur. Das Treppenhaus roch nach Farbe und dem Essen aus der kleinen Kantine im Erdgeschoss. Durch Julies Studiotür drang ein dumpfer Bass. Sie war also da.

»Was soll das?«, fragte er, zurück im Raum. »Steck das blaue Netzteil nicht ein.« Noah sah auf seine Hand. Das Netzteil hatte auf dem Tisch gelegen. Er hatte es mitgenommen, ohne darüber nachzudenken. Ein passender Stecker war schließlich ein Anfang.

»Wo ist die Kamera?« »Du wirst keine finden.« »Klar.« Er legte das Netzteil hin und betrachtete die Decke. Ein Rauchmelder, eine nackte Leuchtstoffröhre, Kabel in einem offenen Kanal. Er war Elektroniker für Geräte und Systeme. Er wusste, wie klein eine Kamera sein konnte und wie lange man brauchte, um eine gut versteckte zu finden.

»Noah, das Netzteil hat vierundzwanzig Volt. Bitte.« Er drehte es um. Vierundzwanzig Volt. »Steht drauf«, sagte er. »Guter Trick.« Der Mann holte Luft. Durch das Rauschen hindurch hörte Noah eine Frau etwas rufen. Der Mann antwortete, aber offenbar vom Mikrofon abgewandt. Dann war er wieder da.

»Du hast bei der praktischen Prüfung einen Widerstand falsch abgelesen. Braun statt Rot. Du warst überzeugt, dass du durchgefallen bist.«

Noah sagte nichts. »Der Prüfer hat dich gefragt, ob du noch einmal nachmessen möchtest. Du hast Nein gesagt. Dann doch Ja. Anschließend hast du auf dem Klo Finn angerufen und behauptet, es wäre alles problemlos gewesen.«

Noah griff nach dem Drehknopf und drehte ihn nach links. Die Stimme wurde leiser. Er drehte zurück.

»Finn«, sagte er. »Ich bring ihn um.« »Finn weiß das mit dem Widerstand nicht. Du hast es ihm nie erzählt.« Das stimmte. Was bedeutete, dass der Mann geraten hatte. Oder dass Noah es doch erzählt hatte. Menschen erzählten Dinge und vergaßen sie wieder. Es gab Podcasts darüber.

Er zog den Kasten näher heran. An der ovalen Öffnung hing ein Faden grauer Staub. Er hielt zwei Finger davor und fühlte ein leichtes Zittern.

»Du klingst wie ich«, sagte er. Eine Pause. »Ja.« Noah lachte jetzt ebenfalls. Es kam dünn heraus. »Das kann inzwischen jeder.« »Hol Julie«, sagte der Mann aus dem Kasten. »Die hast du schon erwähnt.« »Sie muss die erste Aufnahme machen. Auf ihrem Gerät. Deins ist gleich leer.«

Sein Telefon zeigte drei Prozent. Noah legte es mit dem Display nach unten auf den Tisch. Seit fünf Monaten hatte er keine feste Stelle. Er hatte gelernt, es anders zu formulieren. Berufliche Neuorientierung klang gut. Übergang auch. Seine Mutter sagte, mit einer abgeschlossenen Ausbildung stünden ihm alle Türen offen. Bisher hatte hinter jeder Tür jemand gesessen, der gerade niemanden einstellen konnte.

Jetzt zahlte ihm Rolf Geld aus dem Räumungsbudget. Wenn hier ein Scherz lief, dann benutzte jemand dafür Dinge, die Noah noch nicht einmal selbst gern ansah.

»Hör auf«, sagte er. »Womit?« »Mit der Stimme. Mit meinem Telefon. Mit dem ganzen Scheiß.«

Auf der anderen Seite wurde es stiller. Ein gleichmäßiges Geräusch blieb, fast wie Regen.

»Ich weiß«, sagte der Mann. Noah schob den Kasten von sich. »Nein. Weißt du nicht.« Er wollte den Stecker ziehen. Der Kasten hatte keinen. Das ärgerte ihn mehr als alles andere. Er packte das Gerät mit beiden Händen, trug es zur Tür und stellte es im Flur auf den Boden. Als er sich aufrichtete, sprach die Stimme wieder.

»Du kannst es da stehen lassen. Aber geh nicht.« »Warum?« »Weil ich mich daran erinnere, dass du geblieben bist.« Noah sah hinunter. Aus dem Lautsprecher kamen jetzt andere Geräusche. Schritte. Ein kurzes, helles Scheppern. Ein Kind fragte etwas, das er nicht verstand.

»Einen Moment«, sagte der Mann zu dem Kind. Noah kniete sich hin. Der Boden war kalt durch die Jeans. »Was für ein Datum haben wir?«, fragte Noah. »Bei dir?«, kam es aus dem Kasten. »Bei dir«, sagte Noah. Das Rauschen schwoll an. Die Frau im Hintergrund rief den Mann, diesmal deutlich beim Namen.

Noah. Er hörte, wie der Sprecher etwas abstellte. »Den siebzehnten September 2040.« Noah blieb noch einen Augenblick auf den Knien. Dann hob er den Kasten hoch, trug ihn zurück und stellte ihn auf den Tisch.

»Du bleibst jetzt da«, sagte er. Er wusste selbst nicht, ob er den Mann meinte oder das Gerät. Vor Julies Tür hielt er kurz inne. Auf dem handgeschriebenen Zettel unter ihrem Namen stand TONAUFNAHMEN. BITTE NICHT KLOPFEN.

Er klopfte. Keine Antwort.

Er öffnete die Tür einen Spalt. Julie saß mit Kopfhörern vor zwei Bildschirmen. Auf einem bewegte eine Frau stumm die Lippen, auf dem anderen liefen grüne Linien. Julie hielt einen Finger hoch.

Noah wartete. Sie drehte sich um, nahm eine Ohrmuschel ab und sah sein Gesicht. »Was hast du kaputt gemacht?« »Noch nichts.« »Das ist keine Antwort.« »Kannst du mitkommen?« Sie legte die Kopfhörer ab. »Was ist los?« »Ich glaube, ich bin am Telefon.« Julie sah auf seine leeren Hände. »Mit mir«, sagte Noah.

KAPITEL 2

Bitte wiederholen

Julie hörte dem Kasten siebenunddreißig Sekunden lang zu. Dann sagte sie: »Nein.«

»Was nein?«, fragte Noah. »Das lasse ich mir nicht von einem Lautsprecher erklären.« Sie stellte ihren Audiorekorder auf den Tisch und drückte Aufnahme. Anschließend fotografierte sie die Vorderseite, die Rückseite und die Buchsen. Ihre Hände bewegten sich schnell. Noah war froh darüber.

»Name?«, fragte sie. »Noah Brandt.« »Geboren?« Die Stimme nannte Noahs Geburtstag. Julie sah zu ihm. »Was hat er gesagt, bevor ich gekommen bin?« »Etwas über meine Prüfung.« »Das möchte ich auf der Aufnahme haben.« Noah zögerte, dann nickte er. Auf Julies Bitte erzählte die Stimme noch einmal von dem falsch abgelesenen Widerstand, dem Angebot des Prüfers, nachzumessen, und Noahs anschließendem Anruf bei Finn. Julie unterbrach nicht. Als die Stimme verstummte, prüfte sie kurz den Aufnahmepegel.

»Woher sendest du?« »Aus einem Nebenraum der alten Güterhalle. Hinten an den Gleisen.« Julie blickte zu Noah. »Die steht leer.« »Bei euch.« »Und welches Datum haben wir bei dir?« »Den siebzehnten September 2040.« Sie zeigte auf den Kasten, bedeutete Noah mit einer Bewegung, nichts zu sagen, und ging zur Tür. Sie öffnete sie ruckartig. Der Flur war leer.

»Ist Finn beteiligt?« »Nein«, sagte Noah. Aus dem Kasten kam gleichzeitig dieselbe Antwort. Julie zog die Tür zu. »Stimmkopie«, sagte sie zu Noah. »Mit einer vernünftigen Aufnahme von dir kriegt man das hin. Auch live. Persönliche Daten sind kein Beweis.«

»Das habe ich ihm auch gesagt.« »Sehr gut«, sagte die Stimme. Julie beugte sich zum Rekorder. »Keine Kommentare aus dem Jahr 2040, während ich arbeite.«

Noah zog einen Stuhl heran. Seine Knie fühlten sich merkwürdig an. Er setzte sich lieber, bevor Julie es bemerkte.

Sie nahm ihr Telefon heraus, schaltete es vollständig aus und legte es vor ihn. Noah tat dasselbe mit seinem. Julie zog den Netzwerkstecker aus dem alten Rechner unter dem Tisch, sah sich um und entdeckte den Router auf dem Regal. Auch dessen Stromversorgung trennte sie.

»Bringt alles nichts«, sagte sie. »Mobilfunk. Eigener Sender. Kann sonst was sein.«

Sie wandte sich wieder an das Gerät. »Kannst du uns sehen?« »Nein.« »Dann beschreibe den Raum.« Statt einer Antwort kam eine Frauenstimme aus dem Kasten. »Julie.« Noah hob den Kopf. Die Stimme klang ruhiger als die der Julie neben ihm, etwas tiefer. Julie stand vollkommen still.

»Ich bin auch hier«, sagte die Frau. »Natürlich«, antwortete Julie nach einer Weile. »Sonst wäre das Personal ja auch knapp.«

Sie nahm den Rekorder hoch, betrachtete die Pegel und stellte ihn wieder ab. Dann griff sie nach einem Briefumschlag vom Regal. Darin steckte eine Rechnung, die sie herauszog und mit der unbedruckten Seite nach oben auf den Tisch legte.

»Noah. Hast du einen Stift?« Er reichte ihr seinen Kugelschreiber. »Ich gehe jetzt raus. Niemand kommt mit.« Sie nahm Papier und Umschlag und verschwand. Noah hörte ihre Schritte auf der Treppe. Eine schwere Tür fiel zu.

»Guter Einfall«, sagte der ältere Noah. Noah beugte sich vor.

»Wenn du das alles schon kennst, warum spielen wir es dann noch mal durch?«

»Ich erinnere mich daran. Für dich passiert es gerade.« »Dann weißt du auch, was ich als Nächstes mache.« »Ich weiß, was ich damals gemacht habe.« Noah blickte zur Tür, durch die Julie verschwunden war. »Ist das nicht dasselbe?« »Bisher erkenne ich vieles wieder. Aber ich kann dir nicht versprechen, dass jede Entscheidung, die du jetzt triffst, zu meinem Leben führt.«

»Ich könnte also etwas anderes machen.« »Ja. Du hörst gerade, was aus unserem Leben geworden ist. Was du mit diesem Wissen anfängst, entscheidest du.«

Noah hätte gern eine eindeutigere Antwort bekommen. Der Mann saß offenbar irgendwo in einem Leben, das funktioniert hatte, und trotzdem musste Noah hier selbst herausfinden, was er tun sollte. Eine Frage konnte der andere ihm wenigstens beantworten.

»Bin ich reich?« Die Frage war draußen, ehe er sie zurückhalten konnte. Auf der anderen Seite lachte die Frau. Der Mann sagte: »Das ist komplizierter, als du denkst.«

»Also nein.« »Du hast ziemlich viel Platz.« Noah lehnte sich zurück. Zu Hause schlief er neben einem Kleiderschrank, dessen rechte Tür sich nur öffnen ließ, wenn er den Schreibtischstuhl auf das Bett hob.

»Eine Garage zählt nicht.« »Keine Garage.« Im Hintergrund rumpelte etwas. Eine weit entfernte Stimme rief: »Durchfahrt freihalten!« Dann wurde es laut, als hätte jemand eine Tür zu einer Halle geöffnet. Noah hörte Räder, mehrere Gespräche und ein dumpfes Schlagen.

»Was macht ihr da?« »Wir räumen ein.« »Ich räume aus.« »Ja«, sagte sein älteres Ich. »Das weiß ich noch.« Julie kam zurück. Sie hatte den Umschlag zugeklebt und die Lasche mit ihrem Namen überschrieben.

»Da steht etwas drin, das ich mir gerade ausgedacht habe. Keine biografischen Angaben. Kein Lieblingslied. Keine Frage, die man erraten kann.«

Sie hielt den Umschlag hoch. »Was steht da?« »Augenblick«, sagte die ältere Julie. Papier raschelte. Julie lächelte schmal. »Die passende Requisite habt ihr auch schon.« Noah sah auf den Umschlag in ihrer Hand. Die andere Frau las: »Eine gelbe Gabel. Neun nasse Hunde. Rolf als Königin von Schweden.«

Julie senkte den Arm. »Und unten«, fuhr die Frau fort, »steht: Wenn du das lesen kannst, schäm dich für die Handschrift.«

Noah sah sie an. »Julie?« Sie setzte sich auf den zweiten Stuhl. Der Umschlag lag auf ihren Knien. »Wo warst du?«, fragte er. »Im Keller. In der alten Umkleide.« »Gibt es da eine Kamera?« »Keine, die ich gesehen hätte.« Eine Weile sagte niemand etwas. Dann fragte Julie: »Habt ihr ihn aufgemacht?« »Gerade eben«, sagte die Frau. »Woher habt ihr ihn?« »Du hast ihn aufgehoben.« Julie betrachtete den Umschlag, als hätte er ihr einen unangenehmen Auftrag erteilt.

»Vierzehn Jahre?« »In einer Kiste mit Kabeln. Noah wollte sie dreimal wegwerfen.« »Das würde ich nie machen«, sagte Noah. Beide Julies lachten. Die ältere zuerst, die jüngere so kurz und überrascht, dass sie gleich wieder aufhörte.

Noah stand auf. Er musste sich bewegen. Das Regal, die Tischkante, die verschmutzte Scheibe zum Hof: Alles sah aus wie vorher. Er legte die Hand auf die Fensterbank.

»Wenn das echt ist«, sagte er, »könnt ihr uns doch Sachen sagen.« »Wir sagen euch gerade Sachen«, antwortete sein älteres Ich. »Du weißt, was ich meine.« Ein hoher Ton unterbrach ihn. Er hielt sich die Ohren zu. Julie griff nach dem Drehknopf, aber der Ton brach schon ab. Zurück blieb ein Zischen.

»Was war das?« »Die Verbindung«, sagte die ältere Julie. »Wir müssen die Leistung zurücknehmen. Es kann sein, dass wir gleich weg sind.«

Noah war mit zwei Schritten wieder am Tisch. »Warte. Was für Platz?« »Was?«, fragte der ältere Noah. »Du hast gesagt, ich hätte Platz.« Auf der anderen Seite öffnete sich erneut die Tür. Jetzt hörten sie die Halle deutlicher. Jemand probierte ein paar Töne auf einem Klavier. Ein Kind rief, es wolle oben sitzen.

»Heute ist der erste Abend«, sagte der ältere Noah. »Wir haben die Halle hinten am Gütergleis ausgebaut. Werkstätten unten, darüber Räume zum Wohnen. In der Mitte eine Küche. Und Julie hat darauf bestanden, dass ein Saal hineinkommt.«

»Mit vernünftiger Akustik«, sagte die Frau. »Natürlich mit vernünftiger Akustik.« Noah kannte die Halle. Er fuhr auf dem Weg zum Discounter daran vorbei. Seit Jahren hing ein verblichenes Schild am Zaun. GEWERBEFLÄCHEN MIT POTENZIAL. Finn hatte einmal gesagt, das Potenzial bestehe darin, dass noch keine Wand umgefallen sei.

»Wem gehört sie?« »Uns. Einhundertzwölf Leuten bisher.« »Und woher habt ihr das Geld?« »Das erzähle ich dir. Aber heute zuerst die Halle. Es hat so lange gedauert, bis wir uns auf alles geeinigt hatten, und dann standen gestern früh die Maschinen da.«

»Gestern?« »Die Bauteile waren vorbereitet. Alte Halle, neue Einbauten. Sie haben die Nacht durchgearbeitet. Heute Mittag konnten die Ersten rein.«

Noah blickte zu den Regalen. Er hatte an diesem Vormittag nicht einmal zwei davon geschafft.

»Ihr habt über Nacht Wohnungen gebaut?« »Die letzten eingebaut. Mit Bad und Küche. Du musst hier niemanden mehr für drei Monate vertrösten, weil eine Leitung fehlt.«

Das Klavier verstummte. Dann dieselben Töne, noch einmal, diesmal schneller.

»Und ich darf da wohnen?«, fragte Noah. Der Mann antwortete nicht sofort. »Du wohnst hier schon.« Im Raum wurde es dunkel. Die Leuchtstoffröhre erlosch, der Rechner knackte. Vom Flur kam ein Fluch. Julie griff nach dem Rekorder; sein kleines Display leuchtete weiter.

»Auf Batterie«, sagte sie. »Läuft.« Noahs ältere Stimme war dünn geworden. »Julie, wenn jemand das Gerät oder die Aufnahmen haben will: Klärt zuerst gemeinsam, unter welchen Bedingungen.«

Sie beugte sich dicht an die Öffnung. »Was für Bedingungen?« »Dass ihr beide Zugang behaltet. Und dass keiner von euch allein darüber entscheidet.«

»Wer sollte uns den Zugang nehmen?« Ein Krachen überlagerte seine Antwort. Noah hielt den Tisch fest. Irgendwo im Kasten knackte es, dann hörten sie wieder das Kind.

»Noah, kommst du? Die fangen an.« »Gleich.« »Du sagst immer gleich.« Die Stimme des Mannes kam noch einmal durch, dicht und plötzlich so klar, als stünde er neben ihnen.

»Noah. Hör mir zu. Du musst nicht ...« Dann war er weg. Noah wartete auf das letzte Wort. Julie schaltete die kleine Lampe ihres Rekorders ein. Im Licht sah er ihre Hand und den Umschlag, den sie noch immer festhielt.

Rolf rief vom Flur, ob sie etwas eingesteckt hätten. »Nein«, antwortete Julie. »Dann versteh ich es nicht!« »Wir auch nicht.«

Noah setzte sich. Die Stuhlkante traf seine Kniekehlen, ehe er sie sah. »Spiel es ab«, sagte er. Julie drückte die Wiedergabetaste. Ihre eigenen Stimmen kehrten in den Raum zurück. Dann die beiden anderen.

Sie ließen die Aufnahme bis zum Ende laufen. Beim zweiten Mal hielt Noah sie an der Stelle an, an der die Tür zur Halle aufging. Das Klavier war zu hören. Menschen unterhielten sich. Stühle wurden gerückt, und der Mann, der Noah sein sollte, begrüßte jemanden mit einer Freude, die sich auch durch das Rauschen hindurch nicht verbergen ließ.

»Noch mal«, sagte Noah. Julie sah ihn an, dann spulte sie zurück. Zum ersten Mal seit Monaten wollte er wissen, wie es weiterging.

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