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Leseprobe · Kapitel 1 und 2

Wenn der Wind sich zeigt

Sie sah schon immer mehr. Bis sie lernte, nicht mehr hinzusehen.

KAPITEL 1

Die Frau, die nicht mehr hinsah

Claire Bendixen hatte an diesem Donnerstag drei Pferde, zwei Menschen und einen Weidezaun hinter sich, als Ragna als Erste bemerkte, dass auf der Nordkoppel etwas nicht stimmte.

Der Tag hatte in Hobenwisch begonnen, wo ein Wallach namens Bosse seit zwanzig Minuten vor einem Pferdeanhänger stand und sich weigerte einzusteigen. Claire konnte ihn verstehen. Der Anhänger roch nach altem Gummi, feuchtem Stroh und einer Besitzerin, die ununterbrochen behauptete, vollkommen ruhig zu sein. Ihre rechte Schulter stand so hoch, dass sie damit beinahe ihr Ohr berührte.

„Nehmen Sie mal die Schulter runter“, hatte Claire gesagt.

Die Frau sah sie verständnislos an. „Meine Schulter? Aber es geht doch um Bosse.“

„Eben.“

Bosse stand mit vier festen Hufen auf dem Pflaster, betrachtete den Anhänger und machte keinerlei Anstalten, seine Meinung zu ändern. Claire trat neben die Frau und bat sie, den Strick etwas länger zu lassen. Das fiel ihr schwerer als dem Pferd der erste Schritt auf die Rampe. Jedes Mal, wenn Bosse den Kopf senkte, schloss sich die Hand seiner Besitzerin. Sie meinte es gut. Das war häufig das Problem.

Nach einer halben Stunde stand Bosse im Anhänger und fraß Heu, als sei dort nie etwas gewesen, das ihn hätte

beunruhigen können. Seine Besitzerin war erschöpft und dankbar, obwohl Claire ihr kaum etwas über Pferde erklärt hatte.

In Bredenkoog war es schwieriger geworden. Dort hatte eine braune Stute namens Fee versucht, Claires linke Schulter als Diskussionsgrundlage zu benutzen. Fee hatte einen bemerkenswert klaren Begriff von ihrem persönlichen Raum, den ihr Besitzer offenbar nicht teilte.

„Die testet nur“, sagte er.

Er trug Reithandschuhe und hielt nichts in den Händen außer Erklärungen. Claire hatte ihn gebeten, einen Schritt zurückzutreten. Er tat es widerwillig, Fee entspannte den Hals, und plötzlich war der vermeintliche Machtkampf beendet.

„Sie sehen“, sagte der Mann zufrieden. „Man muss sich nur durchsetzen.“

Claire sah ihn an. Es gab Tage, an denen sie ihre Arbeit für einen schönen Beruf hielt. An anderen Tagen hätte sie gern die Pferde behalten und die Menschen nach Hause geschickt. Nach vierzig Minuten war Fee ruhiger, ihr Besitzer beleidigt und Claire um einen Bluterguss reicher.

Auf dem Rückweg hatte sie noch bei Hauke Reimers vorbeigesehen, weil der Weidezaun an ihrer Nordkoppel seit Tagen schief hing und seine letzte Reparatur daran nur vorübergehend etwas geändert hatte. Hauke war nicht in der Werkstatt gewesen. Vor dem Tor lag Kuddel, sein alter Hund, und beobachtete sie mit einem Ausdruck, der vermuten ließ, dass auch er wenig von unangemeldeten Besuchen hielt. Claire hatte ihm kurz den Kopf gekrault und Hauke eine Nachricht geschickt. Den Zaun erwähnte sie dabei zum dritten Mal in dieser Woche.

Als sie schließlich auf ihren Hof fuhr, lag der Himmel schwer über Süderwatt. Der Wind kam flach über die Marsch, fuhr

durch die kahlen Weiden und schlug eine lose Futtertonne gegen die Stallwand. Claire stellte den Motor ab. Die Tonne schlug wieder.

„Ja“, sagte sie. „Ich hab dich gehört.“

Ihr Pick-up hustete ein letztes Mal nach. Er war früher rot gewesen und bestand inzwischen aus mehreren verschiedenen Vorstellungen von Rost. Auf dem Beifahrersitz lagen zwei Stricke, Klebeband, eine Thermoskanne ohne Deckel, Schmerztabletten und eine Rechnung, die seit Montag darauf wartete, dass Claire ihr die nötige Aufmerksamkeit schenkte.

Sie blieb sitzen und drehte vorsichtig den Kopf. Im Nacken knackte es, ihre linke Schulter pochte, und im Unterbauch saß dieser dumpfe Schmerz, der sich durch keine vernünftige Arbeitsplanung beeindrucken ließ. Sie hatte seit dem Morgen kaum etwas gegessen. Der letzte Kaffee war kalt gewesen, und irgendwo auf dem Weg von Bredenkoog nach Süderwatt hatte sie beschlossen, dass es ein Abend mit Nudeln und Butter werden würde. Ihr Handy leuchtete auf.

Hauke.

Zaun hält jetzt. Mehr oder weniger.

Claire las die Nachricht zweimal. Mehr oder weniger war Haukes bevorzugte Maßeinheit. Er benutzte sie für Zäune, Termine, Rechnungen und gelegentlich für sich selbst. Mit einem Schraubenschlüssel und einer unverschämten Portion Geduld konnte er Dinge am Laufen halten, die längst hätten auseinanderfallen müssen. Leider gelang ihm das bei sich selbst nur unzuverlässig. Sie tippte: Dann hält er also nicht. Nach kurzem Überlegen löschte sie den Satz und schrieb Danke, was ihr ebenfalls nicht gefiel.

Schließlich legte sie das Handy mit dem Display nach unten auf den Sitz. Hauke hatte sie noch nie durch Schweigen zu einer vernünftigen Antwort bewegen können. Vermutlich galt

das auch umgekehrt. Sie stieg aus und setzte den rechten Stiefel in eine Pfütze, die wesentlich tiefer war, als sie ausgesehen hatte. Kaltes Wasser lief über den Rand bis in den Socken.

„Großartig.“

Ihre Mutter hätte das Wort gemocht. Nora hatte früher eine ganze Sammlung solcher Ausdrücke besessen. Lovely, wenn das Auto nicht ansprang. Splendid, wenn Johann wieder einmal zu spät zum Essen kam. How charming, wenn jemand sich besonders schlecht benahm.

Als Kind hatte Claire eine Zeit lang geglaubt, ihre Mutter spreche schlechtes Englisch. Erst später begriff sie, dass man mit den richtigen Wörtern einen misslungenen Tag wenigstens kurz beleidigen konnte. Nora sagte diese Wörter schon lange nicht mehr.

Claire zog den Fuß aus dem Matsch. Der Stiefel gab ein schmatzendes Geräusch von sich, das sie unangemessen fand. Sie hätte ihn anlassen können. Wegen eines nassen Sockens wechselte man schließlich nicht den ganzen Tagesplan. Dann bewegte sie die Zehen und spürte, wie sich das Wasser darin verteilte.

„Nein. Heute nicht.“

Sie öffnete die hintere Tür des Wagens und zog beide Stiefel aus. Unter einer alten Abschwitzdecke fand sie ein Paar Segelschuhe, die seit dem Sommer dort lagen. Sie waren für das Wetter ungeeignet, aber trocken genug, um eine Verbesserung darzustellen. Die feuchten Socken behielt sie an, weil das Ausziehen auf dem Hof weitere Verhandlungen mit der Kälte bedeutet hätte.

Der Wind riss an ihren Haaren. Eine Strähne hatte sich aus dem Zopf gelöst und schlug ihr gegen die Wange. Claire strich sie zurück, nahm ihre Tasche und ging zum Stall.

Ragna stand am Paddockzaun.

Die alte Fuchsstute war siebenundzwanzig, hatte einen weißen Stern, eingefallene Flanken und die feste Überzeugung, dass ihr auf diesem Hof mehr Rechte zustanden als allen anderen. Claire widersprach ihr selten. Ragna hatte ihre Kindheit erlebt, ihre Ausbildung, zwei Beziehungen, die besser nicht zustande gekommen wären, und eine bemerkenswerte Anzahl schlechter Haarschnitte. Sie hatte auch Johann gekannt.

Er hatte ihr früher manchmal einen Apfel zugesteckt, obwohl Claire ihm erklärt hatte, dass Ragna schon genug bekam. Johann hatte jedes Mal genickt, den Apfel hinter seinem Rücken verschwinden lassen und ihn der Stute fünf Minuten später gegeben. Wenn Claire ihn darauf ansprach, behauptete er, Ragna habe ihn sich selbst genommen. Das sei bei einem Pferd ihrer Begabung durchaus denkbar.

Seit seinem Tod hatte Claire diese kleine Geschichte niemandem mehr erzählt. Es gab auch keinen besonderen Grund dafür. Nur manchmal, wenn Ragna ihr erwartungsvoll die Nase entgegenstreckte, erinnerte sie sich an Johanns Hand, die hinter seinem Rücken verschwand. Jetzt allerdings sah die Stute an Claire vorbei. Zur Nordkoppel.

„Was denn?“

Ragna bewegte ein Ohr. Claire stellte die Tasche ab und folgte ihrem Blick. Hinter dem Wassertrog lag die flache Senke, in der nach längerem Regen das Wasser stand. Dahinter ein Graben, eine Reihe Weiden und die beiden Krähen, die seit Tagen auf dem hinteren Zaunpfahl saßen, als hätten sie dort einen festen Arbeitsplatz.

Claire sah nichts Auffälliges und ging weiter, doch da schnaubte Ragna. Die Stute schnaubte häufig, wenn das Futter zu spät kam, wenn jemand einen Eimer an die falsche Stelle stellte oder wenn sie der Meinung war, dass der Wind eine unpassende Richtung eingeschlagen hatte. Dieses Mal

hielt sie den Kopf hoch, kaute nicht und hatte ihre Aufmerksamkeit ganz auf die Senke gerichtet. An der Haut ihres Halses lief ein kurzes Zucken entlang.

Claire kannte die Bewegung. Bei einem jungen Pferd hätte sie jetzt nach einer Bremse gesucht, bei Ragna nach einem Hund oder nach jemandem, der sich am Zaun zu schaffen machte.

„Wenn da ein Fuchs ist, sag ihm, er soll sich einen anderen Hof suchen.“

Ragna blieb stehen. Claire öffnete das Gatter. Der Boden war nass und gab unter ihren Segelschuhen nach. Sie ging langsam zum Wassertrog, prüfte dabei unwillkürlich die Litze am Zaun und ärgerte sich, dass Hauke schon wieder recht behalten könnte. Der Pfosten stand tatsächlich gerader. Immerhin war er diesmal in die richtige Richtung schief. Neben dem Trog blieb sie stehen.

Etwas stimmte mit der Luft nicht.

Claire blinzelte. Hinter dem Trog bewegten sich die Weiden im Wind. Ihre Zweige bogen sich nach Osten, fingen sich und wurden von der nächsten Böe erneut erfasst. Doch ein schmaler Bereich unmittelbar über dem Gras schien davon ausgenommen. Durch ihn sah der Hintergrund verzogen aus, wie durch eine fehlerhafte Fensterscheibe.

Sie ging einen Schritt zur Seite, dann noch einen. Die Verzerrung blieb an derselben Stelle. Claire hielt den Atem an, bis sie bemerkte, was sie tat, und langsam ausatmete. Sie hatte schon genug Pferde erlebt, die auf Kleinigkeiten reagierten, weil ihre Besitzer plötzlich die Luft anhielten. Auf ihrer eigenen Koppel wollte sie diese Angewohnheit nicht übernehmen. Das Gras bewegte sich.

Gegen den Wind.

„Nein“, sagte Claire.

Es war das erste Wort, das ihr einfiel. Sie fand es ausreichend. Die Stelle in der Luft veränderte sich erneut. Claire sah den Wassertrog, den Pfosten dahinter und einen schmalen Streifen Gras, der sich zu spät bewegte, obwohl der Wind inzwischen stärker geworden war. Ragna trat einen Schritt zurück. Sie wirkte dabei nicht erschrocken, sondern machte Platz, als käme jemand den Weg entlang, den sie kannte.

Claire griff nach dem kaputten Zaungriff, der an einem Pfosten neben dem Trog hing. Sie hatte ihn längst entsorgen wollen. Nun hielt sie ein Stück Plastik mit rostigem Haken vor sich und war froh, wenigstens etwas in der Hand zu haben.

„Wer da ist“, sagte sie, „sollte wissen, dass ich einen sehr langen Tag hatte.“

Die Luft zog sich zusammen.

Ein dunkler Streifen entstand über dem Gras, verlor sich wieder und kam zurück. Darin tauchte etwas auf, das Claire zunächst für einen kleinen Vogel hielt, dann für ein Stück Fell und schließlich für einen Gegenstand, der keine feste Form behalten konnte. Sie sah genauer hin. Es war, als drängten sich mehrere Möglichkeiten ineinander, ohne dass eine von ihnen den Vorzug bekam. Allmählich wurde die Stelle dichter, bis dort ein kleiner Körper zu erkennen war. Claire hob den Zaungriff.

„Ich warne dich.“

Das Etwas lag auf der Seite und hob den Kopf. Es war ungefähr so groß wie ein Eichhörnchen, hatte aber einen zu schmalen Oberkörper, auffallend lange Finger und einen Kopf, dessen Form sich veränderte, sobald Claire versuchte, ihn genauer zu betrachten. An einer Schulter war Fell zu sehen, an der anderen Gras. Zwischen seinen Beinen

schimmerte für einen Augenblick der Boden hindurch. Claire sah auf Ragna. Die Stute rührte sich nicht.

Als Claire wieder hinschaute, saß das Wesen aufrecht. Es betrachtete ihre Schuhe, anschließend ihre Knöchel und schließlich den schmalen Übergang darüber. Dabei nahm es sich so viel Zeit, dass Claire trotz allem die Geduld verlor.

„Du starrst auf meine Beine.“

Das Wesen hob den Blick.

„Erstaunlich“, sagte es.

Claire trat zurück. Die Stimme hatte nichts Tierisches. Sie klang trocken und sachlich, beinahe freundlich, aber sie kam aus einer Richtung, die sich nicht eindeutig mit seinem Mund deckte. Claire sah hinter den Trog. Dort war niemand.

„Was ist erstaunlich?“

Das Wesen richtete sich etwas weiter auf. Sein Kopf war jetzt schmaler als eben.

„Diese unteren Verjüngungen. Ihr stellt euch wirklich darauf.“

Claire betrachtete ihre Füße. Der linke Segelschuh war bereits bis zum Rand im Matsch versunken.

„Du meinst meine Füße?“

„Nein. Füße sind Bodenverhandlungen. Ich meine die schmalen Übergänge darüber.“

Sie brauchte einen Moment.

„Meine Fesseln?“

Das Wesen wurde sehr still, als prüfe es das Wort.

„Brauchbar“, sagte es schließlich. „Nicht schön, aber brauchbar.“

Claire stand im Matsch, hatte feuchte Socken, eine schmerzende Schulter und Unterleibskrämpfe und unterhielt sich mit etwas, das ihre Fußgelenke bemerkenswert fand. Sie

dachte daran, dass sie seit dem Morgen kaum gegessen hatte. Irgendwann hatte ihr Vater einmal erklärt, welche interessanten Auswirkungen Unterzuckerung auf den menschlichen Körper haben konnte. Allerdings war dabei nie von sprechenden Eichhörnchen die Rede gewesen.

„Ich frage jetzt nur einmal“, sagte sie. „Was bist du?“

Das Wesen antwortete. Jedenfalls machte es ein Geräusch, das offenbar eine Antwort sein sollte. Der Laut kam aus dem Gras oder aus dem Wind oder aus dem kleinen Körper vor ihr. Es klang wie eine lose Litze, die sich bei Sturm an einem Metallhaken verfing. Claire wartete, bis es still wurde.

„Das war keine Antwort.“

„Für dich nicht.“

„Für wen dann?“

„Für das, was nicht festgehalten werden muss.“

Claire starrte es an. Dann musste sie lachen. Es war ein kurzes, ungläubiges Lachen, das sie selbst überraschte. Sie sah auf den Zaungriff in ihrer Hand und begriff, wie sie aussehen musste: eine erwachsene Frau, die ein Stück kaputtes Plastik gegen etwas verteidigte, das sich offenbar nicht einmal für eine feste Körperform entscheiden konnte.

„Gut“, sagte sie. „Dann bist du Fessel.“

Das Wesen sah sie an.

„Nein.“

„Doch.“

„Fessel ist eine unzulässige Befestigung meiner Bewegungsform.“

„Dann hättest du weniger über meine Knöchel reden sollen.“

„Ich untersuchte ein Tragwunder.“

Claire ließ den Zaungriff sinken.

„Du hast eine sehr anstrengende Art, dich vorzustellen.“

„Ich habe mich nicht vorgestellt.“

„Das habe ich bemerkt.“

Der Wind ging über die Koppel. Eine der Krähen flog auf, die andere blieb sitzen und drehte den Kopf, als sei das Gespräch noch nicht beendet. Ragna dagegen senkte den Hals und begann zu grasen. Claire sah sie fassungslos an.

„Du findest das normal?“

Die Stute kaute weiter. Von Ragna war keine weitere Stellungnahme zu erwarten. Claire kannte sie seit ihrer Kindheit. Sie wusste, wie die alte Stute reagierte, wenn ein fremder Hund über den Hof lief, wenn sich hinter dem Zaun jemand zu schnell bewegte oder wenn ein Pferd in der Nachbarkoppel aus unbekanntem Grund unruhig wurde. Ragna war alt, aber keineswegs gleichgültig. Dass sie jetzt fraß, während neben ihrem Wassertrog ein unmögliches Wesen saß, beunruhigte Claire fast mehr als dessen Anwesenheit.

Sie hatte einmal erlebt, wie Ragna ein ganzes Wochenende lang eine bestimmte Ecke der Weide gemieden hatte. Der damalige Stallhelfer hatte behauptet, die Stute werde im Alter wunderlich. Drei Tage später war dort ein Stück Boden eingebrochen, weil ein alter Drainageschacht nachgegeben hatte. Seitdem hörte Claire genauer hin, wenn Ragna sich für etwas interessierte. Sie wandte sich wieder dem Wesen zu.

„Also, du landest auf meiner Koppel, interessierst dich für meine Fesseln und erklärst mir dann, du wärst nicht hier gelandet.“

„Ich fiel nicht.“

„Du lagst im Gras.“

„Das ist ein später Zustand, keine Ankunftsbeschreibung.“

Claire betrachtete ihn. Während er sprach, hatte sich seine rechte Schulter verändert. Für einen Moment sah sie aus wie

die eines sehr kleinen Menschen. Dann ging der Wind hindurch, und die Ähnlichkeit verschwand.

„Du bist ziemlich anstrengend für etwas, das möglicherweise gar nicht existiert.“

„Ihr könnt etwas sehen und gleichzeitig beschließen, dass es nicht da sein darf.“

„Ich habe gar nichts beschlossen.“

Fessel blickte auf den Zaungriff in ihrer Hand. Claire folgte seinem Blick und ließ das Stück Plastik sinken.

„Ich bin vorsichtig.“

„Das ist zu sehen.“

„Und ich werde noch vorsichtiger, wenn du meine Vorsicht kommentierst.“

Das Wesen bewegte die Finger. Claire konnte für einen Augenblick durch einen davon hindurchsehen, was sie ausgesprochen unangenehm fand. Einen Hund, einen Marder oder sogar einen ausgewachsenen Fuchs hätte sie einordnen können. Bei diesem Ding wusste sie nicht einmal, ob es sie berühren konnte. Sie wechselte den Zaungriff in die andere Hand.

„Was willst du hier?“

„Ich brauche einen Blick.“

„Dann nimm deine eigenen Augen.“

„Augen habt ihr genug.“

„Schön. Dann sind wir uns einig.“

„Ihr benutzt sie nur seltsam.“

Claire verschränkte die Arme. „Wie denn?“ Fessel sah zu Ragna, die immer noch fraß, und dann zurück zu ihr.

„Ihr seht etwas und legt sofort das darüber, was ihr ohnehin schon wisst.“

Claire wollte widersprechen. Stattdessen dachte sie an Bosse vor dem Anhänger und an die hochgezogene Schulter seiner Besitzerin. Die Frau hatte nicht verstanden, was Claire meinte, obwohl die Schulter zu ihrem eigenen Körper gehörte. Sie hatte den Strick noch fester gehalten, während sie erklärte, wie ruhig sie sei. Claire schob die Erinnerung beiseite.

„Und warum brauchst du ausgerechnet meinen Blick?“

„Weil du hinsiehst, obwohl du seit Jahren so tust, als tätest du es nicht.“

Claire spürte, wie sich ihre Finger in den Jackenstoff gruben.

„Du kennst mich überhaupt nicht.“

„Deinen Namen kenne ich nicht.“

„Na bitte.“

„Aber ich sehe, wie viel Mühe du dir gibst.“

„Wobei?“

„Nicht zu sehen.“

Claire lachte kurz auf. „Ich verdiene mein Geld damit, Pferde zu beobachten. Ich könnte dir Namen von Muskeln nennen, von denen du wahrscheinlich keine Ahnung hast.“

„Natürlich.“

„Ich sehe, wenn ein Pferd Schmerzen hat, bevor sein Besitzer es bemerkt. Ich sehe, wenn es Angst bekommt und warum. Ich sehe …“

„Pferde“, sagte Fessel.

Claire hielt inne. Der Wind schlug ihr eine Haarsträhne ins Gesicht. Sie strich sie weg und bemerkte dabei, dass ihre Hände kalt geworden waren. Auf der anderen Seite des Zauns kaute Ragna mit der beneidenswerten Ruhe eines Tieres, das seine Lebensaufgaben für diesen Nachmittag erledigt hatte.

„Ja“, sagte Claire. „Pferde.“

Fessel betrachtete sie.

„Du hast früher anders gesehen.“

Er sagte es beiläufig. Dabei blickte er wieder zu ihren Schuhen, als sei die Sache geklärt und als könne man sich nun interessanteren Fragen widmen. Claire spürte einen Druck unter dem Brustbein. Der Satz kam ihr unangenehm vertraut vor, obwohl sie sich nicht erinnern konnte, ihn jemals gehört zu haben.

„Ich weiß nicht, wovon du redest.“

„Doch. Du bemerkst es immer noch. Dann wartest du, bis du einen Grund gefunden hast, weshalb es nicht stimmen kann.“

„Das ist Vorsicht.“

„Ja.“

Die Zustimmung ärgerte Claire mehr als ein Widerspruch.

„Vorsicht ist in meinem Beruf wichtig.“

„Auch.“

„Und bei Menschen erst recht.“

Fessel sah sie an. Claire hätte gern gewusst, was er in ihrem Gesicht fand. Gleichzeitig war sie erleichtert, dass er keinen erkennbaren menschlichen Ausdruck hatte. Mitleid wäre das Letzte gewesen, was sie an diesem Nachmittag gebrauchen konnte. Hinter dem Stall schlug die Futtertonne erneut gegen die Wand. Claire dachte an ihre Mutter.

An einen Abend in der Küche, als Johann sich am heißen Griff eines Topfes verbrannt hatte. Er hatte laut geflucht, Nora hatte Lovely gesagt, und beide hatten gelacht. Claire erinnerte sich an den Geruch von angebrannten Zwiebeln und an das Fenster, das beschlagen war, weil draußen Frost herrschte. Die Küche war klein gewesen, die Heizung unzuverlässig und ihre Mutter so jung, dass Claire heute erschrak, wenn sie daran dachte. Sie wusste nicht mehr, was

an diesem Abend auf dem Tisch gestanden hatte. Aber sie erinnerte sich an das Lachen.

„Was hat das mit mir zu tun?“, fragte sie.

„Du hast früher anders gesehen.“

„Das hast du bereits gesagt.“

„Du hast es noch nicht beantwortet.“

„Weil es keine Frage war.“

Fessel schwieg, und Claire sah zum Stall hinüber. Bis zur Haustür waren es keine dreißig Meter. Sie konnte hineingehen, trockene Socken anziehen, etwas essen und den Abend damit verbringen, sich für vernünftig zu halten. Morgen würde sie wieder mit Pferden arbeiten. Die Tiere würden ihre Schwierigkeiten mitbringen, die Besitzer ihre Erklärungen, und Claire würde wie immer versuchen, beides auseinanderzuhalten. Sie sehnte sich plötzlich nach diesem gewöhnlichen Ablauf.

„Pass auf, Fessel. Ich habe heute zwei Menschen erklärt, was ihre Pferde ihnen seit Wochen zeigen. Ich habe Schmerzen und einen Zaun, der nach Auskunft seines Reparateurs mehr oder weniger hält. Ich gehe jetzt ins Haus. Du kannst bleiben, verschwinden oder tun, was Wesen deiner Art tun, wenn niemand hinsieht.“

„Ich habe keine Art.“

„Dann bist du damit sehr frei.“

Sie drehte sich zum Gatter.

„Du wirst wiederkommen“, sagte Fessel.

„Werde ich nicht.“

„Doch.“

Claire blieb stehen. Sie ärgerte sich darüber und drehte sich wieder um.

„Warum?“

„Weil du etwas bemerkt hast.“

„Dass auf meiner Koppel ein unmögliches Eichhörnchen sitzt?“

„Schon vorher.“

Claire sah ihn an. Er saß neben dem Wassertrog, und an seinem Rücken wurde für einen Augenblick der Pfosten dahinter sichtbar. Ragna stand ein paar Schritte entfernt und fraß weiter. Auf dem hinteren Zaunpfahl putzte sich die verbliebene Krähe das Gefieder.

Claire erinnerte sich an den Moment, bevor die Luft eine Form bekommen hatte. Sie hatte die Bewegung des Grases gesehen, die falsche Richtung und dieses winzige Zögern in den Weiden. Noch ehe sie wusste, wonach sie suchte, war sie stehen geblieben.

Sie kannte solche Augenblicke aus ihrer Arbeit. Oft spürte sie, dass sich etwas zwischen Pferd und Mensch veränderte, bevor eines von beiden sich bewegte. Früher hatte sie darüber gesprochen, bis ein paar Kollegen begannen, ihre Beobachtungen als Bauchgefühl abzutun. Seitdem benutzte sie lieber Wörter wie Körperspannung, Erwartungshaltung und Bewegungsmuster. Damit konnte man arbeiten. Dafür bekam man Geld. Was sie als Kind gesehen hatte, ließ sich schwerer abrechnen. Claire spürte, wie sich ihr Nacken wieder festzog.

„Ich bin müde“, sagte sie.

„Ja.“

„Ich habe Schmerzen.“

„Auch das ist deutlich.“

„Und ich habe keine Zeit für Halluzinationen mit Gelenkinteresse.“

Fessel betrachtete ihre Knöchel.

„Fesseln sind keine Gelenke im engeren Sinn.“

„Wenn du jetzt wieder anfängst, setze ich dich in einen Eimer.“

Er wandte den Kopf zum Wassertrog.

„Wäre das eine Drohung oder ein Transportangebot?“

Claire lachte wider Willen.

„Das hängt von deiner nächsten Bemerkung ab.“

Fessel schien über die Antwort nachzudenken. Seine Finger bewegten sich langsam, während er den Eimer betrachtete. Er wirkte dabei so ernsthaft, dass Claire für einen Moment tatsächlich befürchtete, er könne hineinklettern, um die Sache zu untersuchen. Schließlich sah er wieder zu ihr.

„Dann sage ich etwas anderes.“

„Bitte.“

„Du stehst auf einer sehr schmalen Stelle und tust seit Langem so, als wäre sie breit.“

Claire antwortete nicht. Der Boden unter ihren Segelschuhen war weich. Sie verlagerte das Gewicht, und der linke Schuh sank so tief ein, dass kaltes Wasser an die Ferse lief. Sie zog den Fuß heraus und betrachtete die dunkle Spur, die er im Matsch hinterlassen hatte.

„Sehr passend“, murmelte sie.

Fessel schwieg. Claire ging zum Gatter zurück. Der Matsch saugte an ihren Schuhen, und bei jedem Schritt spürte sie den Schmerz in der Schulter. Erst als sie das Gatter erreichte, bemerkte sie, dass sie den Zaungriff noch immer in der Hand hielt. Sie hängte ihn an einen Nagel am Pfosten und nahm sich vor, ihn morgen endlich wegzuwerfen.

„Morgen musst du dich nicht wieder als dieselbe finden“, sagte Fessel hinter ihr.

Claire hielt inne. Sie fand sich morgens überhaupt nicht. Sie stand auf, machte Tee, zog ihre Arbeitskleidung an und ging zu den Pferden. Dann kamen Termine, Rechnungen und

Menschen mit Fragen, die sie längst hätten beantworten können, wenn sie nur genauer hingesehen hätten. Viel Zeit blieb da nicht, um sich mit dem eigenen Zustand zu beschäftigen.

„Ich stehe morgens auf und arbeite“, sagte sie.

„Ja.“

„Das reicht.“

„Für vieles.“

Claire zog das Gatter zu. Es schlug lauter gegen den Pfosten als nötig, und Ragna hob den Kopf.

„Bleib von meinen Pferden weg.“

Fessel sah zu der alten Stute.

„Das große Tier hat weniger Angst vor mir als du.“

„Ragna ist siebenundzwanzig. Die hat nicht mehr für jeden Unsinn Energie.“

„Du schon.“

Claire ging. Sie sah noch einmal zurück, als sie den Hof überquerte. Fessel saß im Gras und hatte den Kopf zu Ragna gedreht. Die Stute schnupperte kurz in seine Richtung, dann senkte sie den Hals und fraß weiter.

Claire hätte gern gewusst, was Ragna wahrnahm. In ihrer Ausbildung hatte sie sich intensiv mit dem Gesichtsfeld von Pferden beschäftigt, mit dem seitlich liegenden Auge, dem großen Blickwinkel und der eingeschränkten räumlichen Wahrnehmung unmittelbar vor dem Kopf. Sie erinnerte sich an eine Zeichnung aus einem Lehrbuch, auf der ein Pferdeauge im Querschnitt zu sehen war. Ein sauberer, übersichtlicher Aufbau mit Linien, die erklärten, wie Licht auf die Netzhaut fiel.

Jetzt hätte sie dieses Buch gern wiedergefunden. Es war ein beruhigender Gedanke, dass irgendwo eine Zeichnung

existieren könnte, die erklärte, was gerade auf ihrer Koppel geschehen war. Die Futtertonne lag auf der Seite.

Claire blieb davor stehen. Beim nächsten Windstoß würde sie wieder gegen die Stallwand schlagen. Sie wusste, dass sie sie aufheben sollte, aber sie hatte an diesem Nachmittag schon genug Dinge getan, die von ihr erwartet wurden. Es gab Tage, an denen eine Futtertonne selbst herausfinden musste, wer sie war.

Im Flur roch es nach nassen Jacken, Lederfett und dem alten Holz der Treppe. Claire stellte die Segelschuhe neben die Tür, zog die feuchten Socken aus und warf sie in Richtung Wäschekorb. Sie traf nicht. Früher hätte Johann jetzt etwas über ihre Treffsicherheit gesagt. Er hatte häufig Bemerkungen gemacht, wenn niemand sie brauchte, und erstaunlich lange geschwiegen, wenn andere Menschen eine Antwort von ihm verlangten. Claire hob die Socken auf und warf sie in den Korb.

Auf der Kommode lag Post. Zwei Rechnungen, eine Werbesendung für Stallmatten und der Brief vom Pflegeheim, den sie seit drei Tagen ungeöffnet mit sich herumschob. An der Wand hing das Foto ihres Vaters. Johann Bendixen stand vor seinem alten grünen Kombi, die Arzttasche in der Hand. Seine Jacke war offen, obwohl es offenbar kalt gewesen war. Claire hatte dieses Foto selbst gemacht. Sie wusste noch, dass sie ihn zweimal hatte rufen müssen, weil er schon wieder zu einem Patienten wollte. Er hatte sich umgedreht, die Kamera gesehen und gelacht. Es war kein besonders gutes Foto. Im Hintergrund stand eine Mülltonne, und der Himmel war überbelichtet. Claire hatte es trotzdem nie ausgetauscht.

Sie ging in die Küche, füllte Wasser in einen Topf und stellte ihn auf den Herd. Auf dem Tisch lagen weitere Rechnungen, ein angebrochener Block Pferdeleckerli und das braune

Notizbuch ihres Vaters. Sie wusste nicht mehr, wann sie es zuletzt aufgeschlagen hatte. Der Umschlag war an den Ecken weich geworden, und auf der ersten Seite stand sein Name in jener leicht schrägen Handschrift, die sie noch immer auf den ersten Blick erkannte. Sie nahm Nudeln aus dem Schrank, Salz und Butter. Im Gemüsefach lag ein Stück Lauch, das langsam den moralischen Verfall antrat. Claire ließ es liegen. Als sie nach dem Salz griff, kam ihr plötzlich ein Satz aus ihrer Kindheit in den Sinn. Frau Klein ist nicht traurig. Sie trägt nur ein trauriges Ich vorne im Gesicht. Claire hielt inne.

Sie wusste noch, dass Frau Klein damals in der Praxis ihres Vaters gewesen war. Eine schmale Frau mit ordentlichen Schuhen und einer Handtasche, die sie immer fest an sich drückte. An ihren Mann erinnerte sich Claire ebenfalls, allerdings vor allem an seinen Mantel und daran, dass sie in seiner Nähe lieber still gewesen war. Sie hatte den Satz laut gesagt. Danach waren die Erwachsenen merkwürdig geworden. Ihr Vater hatte später mit ihr gesprochen. Ruhig und freundlich, mit jener Geduld, für die ihn seine Patienten liebten.

„Claire, du musst nicht alles sagen, was du wahrnimmst.“

Sie hatte genickt. Damals hatte sie es verstanden. Johann wollte sie schützen. Sie sollte lernen, Menschen nicht mit Beobachtungen zu verletzen, für die sie selbst noch keine passenden Worte hatten. Claire hatte ihn dafür geliebt, dass er solche Dinge erklären konnte, ohne laut zu werden.

Erst Jahre später war ihr aufgefallen, wie häufig sie sich an seinen Rat hielt, auch wenn sie längst nicht mehr wusste, vor wem sie sich gerade schützen wollte. Das Wasser begann zu kochen. Claire gab die Nudeln hinein und rührte um. Dabei fiel ihr Blick wieder auf das Notizbuch ihres Vaters.

Sie erinnerte sich an seine Hände. An den Geruch seiner Arzttasche, wenn er spät nach Hause kam, an das Klicken des Verschlusses und daran, wie Nora aus der Küche fragte, ob er schon gegessen habe. Meistens hatte er Nein gesagt, und Nora hatte etwas Warmes für ihn aufbewahrt, auch wenn sie zuvor eine halbe Stunde lang geschimpft hatte, dass er sich wieder einmal nicht um die Uhrzeit kümmerte. Einmal hatte Claire ihn gefragt, warum er immer wieder wegging, obwohl zu Hause doch alle auf ihn warteten. Sie wusste seine Antwort nicht mehr.

Das ärgerte sie. Sie konnte sich an den Geruch seiner Tasche erinnern, an die Schuhe, die er im Flur abstreifte, sogar an einen Kratzer im grünen Lack seines Autos. Aber die Antwort auf eine Frage, die ihr damals sehr wichtig gewesen war, hatte sie verloren.

Claire nahm das Notizbuch in die Hand und strich über den abgewetzten Einband. Sie schlug es nicht auf. Stattdessen dachte sie an Frau Klein und an das Gesicht, das sie damals gesehen hatte. Sie erinnerte sich noch immer an den seltsamen Eindruck, als läge über dem Gesicht der Frau ein zweites, das sie sorgfältig festhielt. Als Kind hatte Claire solche Dinge manchmal so deutlich wahrgenommen, dass sie gar nicht verstand, weshalb die Erwachsenen nichts dazu sagten.

Dann hatte sie gelernt, genauer auf das zu achten, was Menschen tatsächlich taten und sagten. Sie hatte gelernt, Beobachtungen zu begründen und Gefühle von Tatsachen zu unterscheiden. Das war nützlich gewesen. Bei Pferden brauchte sie diese Genauigkeit jeden Tag. Claire stellte das Notizbuch zurück auf den Tisch. Die Nudeln kochten über.

„Verdammt.“

Sie riss den Topf vom Herd, verschüttete Wasser auf die Platte und verbrannte sich beinahe die Finger. Der Schaum

lief am Topfrand herunter und hinterließ einen weißen Streifen auf dem Metall. Claire griff nach einem Tuch und begann zu wischen. Wenigstens wusste sie hier, was zu tun war. Der Herd würde wieder sauber werden, wenn man lange genug daran arbeitete.

Draußen schlug die Futtertonne gegen die Stallwand. Claire sah zum Fenster und glaubte für einen Augenblick, hinter dem Glas eine kleine Bewegung zu erkennen, einen Knick im grauen Abendlicht. Sie ging näher heran, aber draußen waren nur der Hof, der Wassertrog und ein Stück Koppel zu sehen.

„Ich sehe nichts“, sagte sie.

Es antwortete niemand. Claire blieb trotzdem am Fenster stehen, bis das Wasser auf der Herdplatte wieder zu zischen begann. Dann nahm sie das Tuch, wischte die letzten Tropfen weg und stellte den Topf zurück auf die ausgeschaltete Platte. Auf der Koppel saß irgendwo ein Wesen, das nicht vom Himmel gefallen sein wollte. Sie würde morgen nachsehen müssen, ob es noch da war. Nur um sicherzugehen.

KAPITEL 2

Nora wartet

Am nächsten Morgen lag der Hof noch da. Claire hatte nichts anderes erwartet, und trotzdem war sie erleichtert, als sie aus dem Küchenfenster sah. Die Scheune stand an ihrem Platz, die Futtertonne lag auf der Seite, und Ragna wartete am Zaun auf jemanden, der endlich begriff, dass siebenundzwanzigjährige Stuten ihre Mahlzeiten nicht nach menschlichen Schlafgewohnheiten einteilten.

Claire hatte schlecht geschlafen. Gegen vier war der Wind schwächer geworden, gegen fünf hatte ein Vogel in der Dachrinne zu singen begonnen, und eine halbe Stunde später hatte sie beschlossen, dass es keinen Sinn mehr hatte, auf Schlaf zu warten. Der Vogel war offenbar anderer Meinung gewesen. Er sang noch immer, als müsse er persönlich dafür sorgen, dass der Frühling eintraf.

Sie setzte Wasser auf und machte starken Tee mit Milch, so wie Nora ihn früher getrunken hatte. Im Haus war es kühl. Die Heizung klackte hinter der Küchenwand, und auf der Fensterbank hatte sich über Nacht ein schmaler Streifen Feuchtigkeit gesammelt. Claire wischte mit dem Ärmel darüber. Das Fenster sollte seit November abgedichtet werden. Hauke hatte es zweimal angeboten, und beide Male hatte sie gesagt, dass sie selbst dazu komme. Das Fenster wartete geduldiger als Hauke.

Auf dem Küchentisch lag das Notizbuch ihres Vaters. Claire hatte es am Abend nach dem Essen dorthin zurückgelegt und anschließend noch eine Weile betrachtet, ohne hineinzusehen. Jetzt schob sie es zur Seite, um Platz für ihre

Tasse zu machen. Ihr Handy lag daneben. Irgendwann in der Nacht hatte sie es aus dem Wagen geholt. Hauke hatte noch einmal geschrieben.

Alles gut bei dir?

Claire las die vier Wörter und drehte das Telefon um. Sie hätte antworten können, dass sie müde sei, dass der Zaun tatsächlich hielt und dass auf ihrer Koppel seit gestern ein Wesen saß, das ihr erklärte, sie habe das Sehen verlernt. Die ersten beiden Mitteilungen waren unproblematisch. Bei der dritten war sie sich nicht sicher, ob Hauke vorbeikommen oder gleich einen Arzt anrufen würde. Sie trank einen Schluck Tee, verbrannte sich die Zunge und stellte die Tasse ab.

„Großartiger Morgen.“

Im Schlafzimmer zog sie eine alte Jeans und einen Pullover an, der an einem Ärmel nach Pferd roch. Vor der Haustür standen die hohen Gummistiefel, die sie gestern so gründlich mit Wasser gefüllt hatte. Claire prüfte das Innere mit der Hand. Trocken. Offenbar hatte das Ausstopfen mit Zeitungspapier wenigstens einmal etwas gebracht. Daneben standen die Segelschuhe. Sie hatte sie ebenfalls zum Trocknen auf die Heizung gelegt, und nun waren sie außen steif und innen nur noch mäßig feucht.

Claire zog die Stiefel an, ging zwei Schritte und blieb stehen. Dann setzte sie sich auf die Treppenstufe, wechselte in die Segelschuhe und stellte die Stiefel zurück an ihren Platz.

„Nur zur Klärung“, sagte sie zum leeren Flur, „das ist keine Kapitulation.“

Draußen lag heller Dunst über den Koppeln. Die Gräben glänzten, und hinter der Scheune erhob sich eine Krähe mit der heiseren Beschwerde eines Tieres, dem der Morgen ebenfalls zu früh gekommen war. März in Süderwatt konnte Winter mit schlechter Laune bedeuten, Frühling mit

Vertrauensproblemen oder beides innerhalb einer Stunde. Claire zog den Reißverschluss ihrer Jacke hoch und ging zum Stall. Ragna stand schon am Zaun. Sie schnaubte, als Claire näherkam, und sah anschließend demonstrativ zum Futtereimer.

„Ja, Majestät. Ich habe dich nicht vergessen.“

Claire holte ihre Morgenration aus der Kammer und verteilte das Futter. Ragna begann zu kauen, ohne sich mit Dankbarkeit aufzuhalten. Claire kontrollierte den Wassereimer, prüfte die Litze und sah dann zur Senke hinter dem Trog.

Dort saß Fessel.

Auf einem umgekippten Eimer, der gestern noch aufrecht gestanden hatte. Claire blieb stehen. Der Eimer war ein ganz gewöhnlicher, hellblauer Futtereimer mit einem Riss am Rand. Sie hatte ihn vor Wochen aussortieren wollen. Nun saß ein Wesen darauf, das sich offensichtlich mehr Rechte auf ihrem Hof herausnahm als die meisten zahlenden Kunden.

„Du bist noch da.“

„Offensichtlich.“

„Ich hatte auf weniger offensichtlich gehofft.“

Fessel sah im Morgenlicht anders aus. Seine Konturen waren an manchen Stellen schärfer als am Abend, an anderen lösten sie sich auf, sobald Claire genauer hinschaute. Ein Hauch von Fell entstand über seiner Schulter und verschwand wieder. Sein Kopf erinnerte sie noch immer an ein Eichhörnchen, allerdings an eines, das jemand nach einer ungenauen Beschreibung zusammengesetzt hatte. Claire öffnete das Gatter und trat auf die Koppel.

„Du hast gestern behauptet, nicht vom Himmel gefallen zu sein.“

„Das stimmt.“

„Du lagst aber im Gras.“

„Viele Dinge liegen irgendwann irgendwo. Das erklärt selten ihren Ursprung.“

Claire dachte an die Futtertonne, die seit gestern im Hof lag und deren Ursprung ihr vollkommen gleichgültig war. Sie sagte nichts davon. Fessel hätte daraus womöglich eine weitere Betrachtung über menschliche Besitzverhältnisse gemacht.

„Also kein Raumschiff“, sagte sie.

Fessel legte den Kopf schief.

„Raumschiff?“

„Metall. Lichter. Rauch. Kleine Leiter. Dramatische Musik.“

„Ihr erklärt Fremdheit gern mit Geräten.“

„Das hat sich bewährt.“

„Bei Reparaturen.“

Claire sah ihn an. „Und du bist nicht zu reparieren?“

„Doch. Aber nicht mit Metall.“

Fessel glitt vom Eimer. Für einen Augenblick wurde sein Körper länger, als die Bewegung erforderte; anschließend stand er im Gras, als sei nichts geschehen. Claire hatte inzwischen mehrfach versucht, sich zu merken, wie er seine Beine benutzte. Es gelang ihr nicht. Sobald sie glaubte, eine Bewegung verstanden zu haben, hatte sie etwas anderes gesehen.

„Ich kam nicht zu eurem Planeten“, sagte Fessel. „Ich kam zu einer offenen Stelle.“

„Das klingt medizinisch.“

„Bei euch klingt vieles medizinisch, sobald ihr Angst bekommt.“

„Ich habe keine Angst.“

„Du hast die Art von Angst, die sich für Organisation hält.“

Ragna schnaubte hinter Claire.

„Du hältst dich da raus“, sagte Claire.

Fessel betrachtete die Stute. „Sie stimmt zu.“

„Sie will Futter.“

„Auch das ist eine Form von Zustimmung.“

Claire presste die Lippen zusammen. Es war schwierig genug, am frühen Morgen mit etwas Unmöglichem zu sprechen. Noch schwieriger wurde es, wenn dieses Etwas einen gelegentlich zum Lachen brachte.

„Welche offene Stelle?“, fragte sie.

Fessel sah sie an.

„Du.“

Claire verschränkte die Arme.

„Aha.“

„Das ist kein Aha-Sachverhalt.“

„Wenn du behauptest, ich sei eine offene Stelle, darf ich Aha sagen. Auf meinem eigenen Hof gelten dafür großzügige Regeln.“

Fessel blickte zum Zaun hinüber. Haukes neuer Isolator glänzte am Pfosten. Die Litze hielt sauber, obwohl der Pfosten noch immer leicht schief stand. „Eine Öffnung muss nicht wie eine Tür aussehen“, sagte Fessel. „Manchmal wird ein Zaun so oft repariert, bis niemand mehr bemerkt, dass er nie geschlossen war.“

Claire folgte seinem Blick.

„Hast du Haukes Zaun gesehen?“

„Leider.“

„Dann nimm nicht ausgerechnet Zäune als Beispiel.“

Fessel betrachtete den Pfosten eine Weile. Die obere Litze bewegte sich leicht im Wind, und dahinter stand Ragna mit dem Kopf im Eimer. Claire sah zu, wie die Stute einen letzten

Rest Futter aus einer Ecke schob, die ihr offenbar unzureichend zugänglich erschien.

„Ich habe gestern deine Fesseln untersucht“, sagte Fessel.

„Das ist mir unangenehm deutlich in Erinnerung.“

„Es war ungefährlich.“

Claire hob die Augenbrauen.

„Ungefährlich? Du hast mich beleidigt.“

„Beleidigung bewegt sich. Erwählung versteinert schneller.“

Claire sah ihn an. Bis dahin hatte sie nicht ernsthaft darüber nachgedacht, was sein Auftauchen bedeuten könnte. Es war unbegreiflich, lästig und auf eine Weise wirklich, der sie noch misstraute. Aber erwählt? Das Wort gefiel ihr überhaupt nicht. In Geschichten wurden Menschen erwählt, damit sie anschließend barfuß durch Katastrophen liefen und Aufgaben erledigten, für die niemand eine Rechnung bezahlen wollte. Sie hatte bereits genug unbezahlte Arbeit.

„Ich bin nicht erwählt“, sagte sie.

„Gut.“

„Du bist ausgesprochen schlecht in Ermutigung.“

„Ermutigung ist oft Zucker auf Unruhe.“

„Dann lass den Zucker weg und sag mir, warum du hierbleibst.“

Fessel sah zu Ragna. Die Stute hatte den Eimer inzwischen leer gefressen und versuchte, mit der Oberlippe an eine letzte Haferflocke zu gelangen.

„Weil du die Schicht siehst, bevor sie hart wird.“

Claire schob die Hände in die Jackentaschen. Der Satz brachte ihr ein Gesicht in Erinnerung, das sie viele Jahre nicht gesehen hatte. Ein Junge auf einem Hof, der immer laut gelacht hatte, bis sein Vater den Raum betrat. Sie wusste den Namen des Jungen nicht mehr. Nur an den Augenblick erinnerte sie sich, in dem sein Gesicht plötzlich ordentlich

wurde. Dann dachte sie an eine Frau im Wartezimmer ihres Vaters. An eine Handtasche, die beide Hände festhielten. Und an Nora, die als junge Frau auf einem Foto aus Cornwall so unbefangen lachte, dass Claire damals gefragt hatte, ob das wirklich ihre Mutter sei.

„Ich sehe Pferde“, sagte sie. „Das reicht.“

„Du hast dein Sehen beruflich getarnt.“

„Ich habe einen Beruf gelernt.“

„Auch.“

Claire zog die Hände tiefer in die Taschen. Sie hatte jahrelang Anatomie gelernt, Pferde beobachtet, Fehler gemacht und korrigiert. Es gefiel ihr nicht, wenn Fessel das alles mit einem einzigen Wort beiseiteschob.

„Das ist kein Unterschied, den du einfach so herumwerfen kannst.“

„Ich werfe nicht. Ich lege.“

„Du legst ziemlich schwer.“

Fessel sah sie an, als hätte er eine weitere Bemerkung vorbereitet. Claire wartete bereits darauf, sich darüber zu ärgern. Doch dann ging sein Blick zur Tasche ihrer Jacke, in der ihr Autoschlüssel steckte.

„Du fährst fort.“

„Ich fahre zu meiner Mutter.“

„Die Wartende.“

Claire hob den Kopf.

„Was hast du gesagt?“

„Deine Mutter wartet.“

Der Wind lief durch das Gras. Ragna schob den leeren Eimer ein Stück über den Boden, weil sie offenbar auf eine zweite Fütterung hoffte.

„Das weißt du nicht“, sagte Claire.

„Sie ist um dich herum.“

Claire trat einen Schritt näher. Sie hatte es satt, dass dieses fremde Wesen innerhalb weniger Minuten über Dinge sprach, die sie selbst kaum ansehen wollte.

„Hör zu. Über meine Mutter redest du nicht.“

Fessel blieb still. Seine kleinen Hände ruhten neben dem Körper, und der Wind strich durch die dunklere Stelle an seiner Schulter.

„Ihr Menschen verwechselt Schweigen oft mit Schutz“, sagte er.

Claire spürte einen Druck unter dem Brustbein. Sie dachte an die letzten Besuche im Pflegeheim, bei denen sie beinahe ausschließlich darüber gesprochen hatte, ob Nora gut aß, genug trank und passende Schuhe besaß. Es waren vernünftige Fragen. Niemand konnte ihr vorwerfen, sich nicht um ihre Mutter zu kümmern. Trotzdem fiel ihr plötzlich nicht ein, wann sie Nora zuletzt etwas gefragt hatte, auf das es keine praktische Antwort gab.

„Ich fahre jetzt“, sagte sie.

„Ja.“

„Und wenn du weg bist, wenn ich wiederkomme, wäre das auch in Ordnung.“

Fessel betrachtete sie.

„Es wäre einfacher.“

Claire wartete auf den Rest, aber diesmal kam nichts. Sie holte den Futtersack zurück in die Kammer, kontrollierte Ragnas Wasser und prüfte noch einmal den Zaun. Fessel war inzwischen an den Wassertrog gegangen und betrachtete den leeren Futtereimer mit einer Aufmerksamkeit, die Claire unangemessen fand.

„Das ist nicht für dich.“

„Ich esse keine zerdrückten Pflanzen.“

„Gut. Dann haben wir ja einen gemeinsamen Nenner.“

Als sie das Gatter hinter sich schloss, saß Fessel wieder auf dem umgedrehten Eimer. Claire sah noch einmal hin, bevor sie in den Wagen stieg. Der kleine Körper wurde zwischen zwei Windstößen beinahe durchsichtig. Für einen Augenblick konnte sie den Riss im Eimer durch seine Beine erkennen. Sie startete den Motor.

Das Pflegeheim lag am anderen Ende von Süderwatt, soweit man bei einem Ort dieser Größe von Enden sprechen konnte. Claire fuhr an Haukes Werkstatt vorbei, am kleinen Dorfladen, der im Winter nach Heizung, feuchter Pappe und zu lange gelagertem Obst roch, und an der alten Schule, die inzwischen Gemeindehaus hieß, aber noch immer aussah, als müssten Kinder darin leise sein. Dahinter begann eine Reihe niedriger Häuser mit Vorgärten, in denen Kies, Plastikwindräder und sorgfältig beschnittene Sträucher davon zeugten, dass die Menschen wenigstens über ein paar Quadratmeter Land die Kontrolle behalten wollten.

Vor ihr fuhr ein Trecker. Er nahm die gesamte Breite der schmalen Straße in Anspruch und bewegte sich in einer Geschwindigkeit, die vermutlich ausschließlich dem Fahrer sinnvoll erschien. Claire hätte ihn überholen können. Sie ließ es bleiben. In Süderwatt überholte man keine Trecker, wenn man nicht bereit war, anschließend in mindestens drei Küchen besprochen zu werden. Auf dem Beifahrersitz lag der Brief vom Pflegeheim.

Sie hatte ihn vor der Abfahrt von der Kommode genommen. Der Umschlag war noch immer geschlossen. Claire drehte ihn an einer roten Ampel einmal um, obwohl auf der Rückseite nichts stand, das sie nicht kannte: Absender, Adresse, ein kleines blaues Logo. Sie legte ihn zurück. Ein ungeöffneter Brief war im Auto wenigstens unterwegs.

Vor dem Pflegeheim standen zwei Birken, die jedes Frühjahr zu früh so taten, als gehe es wieder los. Dahinter das Gebäude aus rotem Klinker mit seinen großen Fenstern und hellen Vorhängen. Über dem Eingang stand in geschwungenen Buchstaben Haus am Deichblick. Der Deich war von dort aus nicht zu sehen. Claire hatte einmal gefragt, wer auf den Namen gekommen sei. Anke hatte gesagt, wahrscheinlich jemand aus der Verwaltung. Claire parkte neben einem blauen Kleinwagen. Bevor sie ausstieg, vibrierte ihr Handy.

Hauke.

Wenn du willst, schau ich nachher noch mal nach dem Zaun. Claire betrachtete die Nachricht. Wenn du willst. Hauke konnte eine ganze Hintertür in drei Wörter einbauen. Sie legte das Handy weg und stieg aus.

Im Eingangsbereich roch es nach Kaffee, Reinigungsmittel und dem Mittagessen, das irgendwo hinter einer geschlossenen Tür vorbereitet wurde. Im Flur hing ein Kalender mit Aquarellblumen. Darunter saßen zwei ältere Männer und sahen auf einen Fernseher, der stumm ein Morgenmagazin zeigte. Eine Moderatorin lachte so breit in die Kamera, dass Claire sofort misstrauisch wurde.

„Guten Morgen, Frau Bendixen“, sagte Anke hinter dem Tresen.

„Morgen.“

„Ihre Mutter ist im Aufenthaltsraum.“

Claire nickte. „Wie war sie?“

Anke legte leicht den Kopf schief. Claire kannte diese Bewegung. Manchmal kam danach eine gute Nachricht, meistens eine vorsichtige.

„Ruhig“, sagte Anke.

Ruhig war ein weites Wort. Es konnte zufrieden bedeuten, müde, abwesend oder einfach, dass jemand den ganzen Vormittag niemandem Arbeit gemacht hatte.

„Sie hat gestern nach Ihrem Vater gefragt“, fügte Anke hinzu.

Claire sah zum Flur hinüber.

„In welchem Zusammenhang?“

„Sie wollte wissen, ob er später kommt.“

Ein Rollator quietschte am anderen Ende des Ganges. Eine Pflegerin sprach mit jemandem, der wissen wollte, wann der Bus abfuhr. Es war ein gewöhnlicher Vormittag im Haus am Deichblick. Nur der Satz über ihren Vater stand mitten darin.

„Hat sie das öfter gefragt?“

„In letzter Zeit manchmal.“

Claire nickte. Sie wusste, dass Johann nicht zurückkommen würde. An manchen Tagen musste sie sich trotzdem erst daran erinnern, dass Nora das nicht immer wusste. Der Aufenthaltsraum lag zur Gartenseite. Nora saß am Fenster, die dünne Strickjacke über die Schultern gezogen, die Haare ordentlich gekämmt und beide Hände um eine Tasse gelegt. Sie war kleiner geworden. Claire bemerkte es jedes Mal, obwohl sich an der Größe des Stuhls nichts änderte. Vor allem Noras Schultern schienen weniger Platz zu brauchen als früher. Claire blieb einen Moment in der Tür stehen.

Ihre Mutter war noch immer schön. Das überraschte sie manchmal. Nora hatte das weiche Gesicht ihrer englischen Familie, helle Haut und klare Knochen. Wenn sie lächelte, konnte Claire die junge Frau darin sehen, die einst aus Devon nach Norddeutschland gekommen war und anschließend viele Jahre so getan hatte, als sei das Wetter hier eine persönliche Beleidigung.

„Mum.“

Nora hob den Kopf.

„Claire.“

Sie sagte den Namen warm und selbstverständlich. Claire ging zu ihr, beugte sich hinunter und küsste sie auf die Wange. Ihre Haut roch nach Creme und Tee.

„Du bist früh“, sagte Nora.

„Ich hatte in der Gegend zu tun.“

Sie hatte keinen einzigen Termin in dieser Gegend. Das Pflegeheim war der Grund ihrer Fahrt. Aber irgendetwas an dem Satz machte den Besuch leichter, und Nora schien keinen Anstoß daran zu nehmen.

„Dein Vater wollte auch kommen.“

Claire setzte sich. Der Stuhl war zu niedrig, wie fast alle Stühle in diesem Haus. Sie rückte näher an den Tisch.

„Papa kommt nicht, Mum.“

Nora sah aus dem Fenster. Im Garten stand ein kahler Rosenbogen, an dessen Seite ein Stück Schnur im Wind zitterte.

„Er ist oft spät gewesen.“

„Ja.“

„Wenn jemand ihn gebraucht hat, ist er gegangen.“

Claire sah auf ihre Hände. Sie erinnerte sich an den grünen Kombi vor dem Haus, an den Motor, der im Winter lange brauchte, bis er ansprang, und an Nora im Morgenmantel, die manchmal noch in der Haustür stand, wenn Johann längst um die Ecke gefahren war.

„Er sagte immer, Menschen würden nachts anders krank“, sagte Nora.

Claire kannte den Satz. Ihr Vater hatte ihn häufig benutzt, wenn das Telefon spät klingelte. Später hatte er ihr einmal erklärt, dass Schmerzen nachts oft schwerer auszuhalten

seien, weil niemand da war, mit dem man über etwas anderes sprechen konnte.

„Er war ein guter Arzt“, sagte Claire.

Nora lächelte.

„Ja.“

Sie nahm die Tasse hoch, trank aber nicht. Ihre Finger lagen weit auseinander um das Porzellan, der Ehering locker am Ringfinger. Claire hatte schon überlegt, ihn enger machen zu lassen. Dann war ihr eingefallen, dass Nora vermutlich sehr unglücklich wäre, wenn sie ihn auch nur für einen Tag abnehmen müsste.

Nora betrachtete den Garten, und Claire folgte ihrem Blick. Der Rosenbogen stand leer. Weiter hinten bewegte sich die Spitze eines Strauches, ein schwacher Zweig mit ersten Knospen. Claire erinnerte sich daran, wie Nora früher im Frühjahr die Fenster aufgerissen hatte, egal wie kalt es war. Sie hatte dabei gesungen, manchmal auf Englisch, manchmal ohne erkennbare Wörter. Johann hatte gefroren und trotzdem nie verlangt, dass sie die Fenster schloss. Jetzt saß ihre Mutter vor einer geschlossenen Scheibe. Die Wartende.

Fessels Wort fiel Claire ein. Sie betrachtete Noras Hände, die auf der Tasse ruhten, und fragte sich, ob die alte Frau wirklich auf Johann wartete oder auf etwas, das sie mit ihm verband. Auf eine Küche, in der jemand zu spät zum Essen kam. Auf einen Mann, der seinen Schlüssel verlegte und dann behauptete, er habe ihn nur woanders hingelegt. Auf eine Zeit, in der der nächste Tag noch voller Möglichkeiten gewesen war.

„Mum?“

Nora drehte den Kopf.

„Hm?“

„Willst du heute raus? Wir könnten ein Stück in den Garten gehen.“

Nora sah sie überrascht an.

„Es ist kalt.“

„Ein bisschen.“

„Ich habe keine richtigen Schuhe an.“

„Die holen wir.“

Nora sah auf ihre hellblauen Hausschuhe. Claire hatte sie gekauft. Sie waren warm, rutschfest und leicht anzuziehen. Auf dem Karton hatte gestanden, sie seien besonders für Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit geeignet.

Claire erinnerte sich an den Tag im Schuhgeschäft. Sie hatte die Verkäuferin nach einem Modell gefragt, mit dem ihre Mutter sicher laufen könne. Niemand hatte sie gefragt, wohin Nora laufen wollte.

„Später“, sagte Nora schließlich.

Claire hätte erklären können, wie gut ihr die frische Luft täte. Sie hätte Anke bitten können, die anderen Schuhe zu holen, und ihre Mutter überreden, wenigstens fünf Minuten hinauszugehen. Es lag ihr bereits auf der Zunge. Dann sah Nora wieder aus dem Fenster, und Claire blieb sitzen.

Eine Weile hörten sie dem Haus zu. Aus dem Flur drangen Stimmen, irgendwo fiel ein Löffel auf den Boden, und der Fernseher zeigte ohne Ton einen Mann, der vor einer Wetterkarte stand. Nora hatte die Hände wieder um ihre Tasse gelegt.

„Ich habe Tee gemacht“, sagte sie plötzlich.

Claire sah auf die Tasse.

„Hier?“

Nora lächelte.

„Nein, früher.“

Claire lachte, und Nora sah sie mit einem Ausdruck an, den sie seit Langem vermisst hatte. „Du hast ihn immer so stark gemacht, dass man ihn schneiden konnte“, sagte Claire.

„Dein Vater nannte ihn Moorwasser.“

„Er hat ihn trotzdem getrunken.“

„Weil er mich liebte.“

Nora sagte es mit einer Gewissheit, die keinen Widerspruch brauchte. Claire erinnerte sich an die alte braune Teekanne aus Devon, die ihre Mutter nach Deutschland mitgebracht hatte. Am Ausguss war eine kleine Stelle abgesplittert gewesen, und wenn man zu hastig einschenkte, lief der Tee an der Außenseite herunter. Johann hatte die Kanne mehrmals ersetzen wollen. Nora hatte jede neue Kanne abgelehnt. Sie wusste nicht, wo die alte inzwischen stand. Wahrscheinlich in einem Karton auf dem Dachboden.

„Hast du noch die braune Kanne?“, fragte Nora.

Claire sah sie an.

„Die aus Devon?“

„Mit dem kaputten Ausguss.“

„Die müsste noch auf dem Dachboden sein.“

„Die war gut.“

„Sie hat überall hingetropft.“

„Man musste nur wissen, wie man gießt.“

Claire lächelte. Sie konnte ihre Mutter förmlich vor sich sehen, wie sie die Kanne beim Einschenken ein wenig drehte und damit verhinderte, dass der Tee auf die Tischdecke lief. Johann hatte es nie richtig gelernt. Er war ein guter Arzt gewesen und mit einer Teekanne überfordert.

„Ich such sie“, sagte Claire.

Nora nickte zufrieden, als sei damit etwas Wichtiges erledigt. Nach einer Weile sah sie wieder aus dem Fenster. Ihre Schultern sanken, und der lebhafte Ausdruck wurde

schwächer. Claire blieb noch einen Moment sitzen, dann nahm sie die Tasse ihrer Mutter.

„Ist der Tee kalt?“

Nora nickte.

„Ich hole dir einen neuen.“

Als Claire aufstand, sah sie im Fensterglas ihr eigenes Spiegelbild. Hinter ihr saß Nora, klein und ordentlich, den Kopf leicht geneigt. Claire bemerkte, dass ihre eigene Schulter hochgezogen war, genau wie gestern bei Bosses Besitzerin. Sie ließ sie sinken und hielt die Tasse fester, weil sie plötzlich nicht wusste, was sie mit der freien Hand anfangen sollte. Am Tresen bat sie Anke um frischen Tee. Die Pflegerin nahm die Tasse entgegen und fragte, ob Claire einen Termin für das Angehörigengespräch vereinbaren wolle.

„Ich habe den Brief noch nicht gelesen.“

Anke nickte. „Dann machen wir das später.“ Sie sagte es freundlich. Claire war ihr dankbar dafür, dass sie nicht fragte, warum der Brief noch geschlossen war. Als Claire mit dem Tee zurückkam, lag Noras Hand auf dem Umschlag, den sie auf dem Tisch zurückgelassen hatte.

„Was ist das?“, fragte Nora.

Claire stellte die Tasse ab.

„Nichts Wichtiges.“

Nora strich mit den Fingern über das Papier.

„Das sagst du wie dein Vater.“

Claire setzte sich.

„Hat er das oft gesagt?“

„Wenn es wichtig war.“

Nora lächelte. Claire sah ihre Mutter an und bemerkte, dass sie noch immer mit dem Finger über den Rand des Umschlags strich, immer dieselbe kleine Bewegung.

„Er hat es nie besonders gut gekonnt“, sagte Nora.

„Was?“

„So zu tun, als wäre nichts.“

Claire musste lachen. Dann sah sie auf den Brief, dessen blaue Ecke unter Noras Hand hervorschaute. Ihre Mutter wartete darauf, dass Johann nach Hause kam. Claire konnte ihr diesen Wunsch nicht erfüllen. Aber sie hatte gerade von einer Teekanne gesprochen, die irgendwo auf einem Dachboden stand, und Nora hatte sich an den kaputten Ausguss erinnert.

„Mum“, sagte Claire, „die Kanne suche ich wirklich.“

Nora nickte, ohne zu fragen, weshalb Claire das noch einmal sagte. Sie tranken ihren Tee. Draußen bewegte sich der kahle Rosenbogen im Wind.

Als Claire später aufstand, nahm sie den Brief diesmal mit.

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